Ausgabe Januar 2021

Vom Frieden oder vom Krieg her denken?

Sönke Neitzel: Deutsche Krieger

Bild: Propyläen Verlag

Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse entbehrt nicht der Ironie. Nach jahrelangen Untersuchungen haben die australischen Streitkräfte soeben einen Bericht vorgelegt, der die massiven Gesetzesverstöße und Gewaltaktionen einer brutalen „warrior culture“ anklagt. Im Afghanistankrieg hatten sich die eingesetzten Special Forces zu Herren über Leben und Tod aufgeschwungen, indem sie gefangene Talibankämpfer und Zivilisten erschossen. Das dominante „NCO-Milieu“ (der Unterführer) veranstaltete Mordrituale zur Aufnahme in die eigenen Reihen. Jahrelang war davon nichts an die Öffentlichkeit gedrungen. Diese toxische „Schweigekultur“ erinnert an die Barrieren, denen sich die Aufklärung von „Vorkommnissen“ bis hin zu rechtsextremen Netzwerkbildungen im deutschen Kommando Spezialkräfte (KSK) gegenübersah. Auch hier waren Tendenzen der Verselbstständigung einer problematischen Kriegerkultur zu konstatieren.[1]

Dem Unbehagen an diesen Entwicklungen gibt der Potsdamer Militärhistoriker Sönke Neitzel nun neue Nahrung, wenn er in seinem neuen Buch erstmals öffentlich darauf hinweist, wie deutsche Soldaten in den Einsatzgebieten Afghanistans das Wirken der amerikanischen Spezialkräfte beobachten konnten, die gefangene Taliban liquidierten oder den Tod hunderter Zivilisten in Kauf nahmen. „Man nahm das hin. Keiner wollte sich mit den Amerikanern anlegen.

Januar 2021

Sie haben etwa 16% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 84% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Druckausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Putins Kriegswirtschaft: Propaganda und Realität

von Michael R. Krätke

Zu den ständig wiederholten Propagandalügen des russischen Regimes gehört die Behauptung, Russlands Wirtschaft werde von den Sanktionen des Westens kaum berührt. Viele glauben das, weil die Ankündigung, die Sanktionen würden Russland in kürzester Zeit in die Knie zwingen, nicht eingetroffen ist.

Politik als Gewinnspiel: Wetten auf Krieg und Frieden

von Sonja Peteranderl

Über Monate hinweg beobachteten US-Geheimdienste jede Bewegung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Am 3. Januar gab US-Präsident Donald Trump schließlich grünes Licht für die »Operation Absolute Resolve«.

Libanon: Letzte Hoffnung Trump?

von Kristian Brakel

Seit Anfang März tobt im Libanon die x-te Auflage des jahrzehntealten Konflikts zwischen Israel und der Hisbollah. Während die Weltöffentlichkeit gebannt verfolgt, wie Donald Trump die militärische Projektionskraft der USA am Golf verspielt, erregt der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah weit weniger Aufmerksamkeit.