Ausgabe August 2021

Undienlichkeit als Widerstand

Dem französischen Schriftsteller und Widerstandskämpfer Jean Cayrol und seinen Mithäftlingen blieb im Konzentrationslager nur noch eine Halluzination vom Leben: „[W]ir gingen in ein schwarzes Märchenstück, dessen einzige strahlende Realität wir in uns selber trugen: die Realität unserer Träume.“[1] Cayrols Bericht zufolge bildeten einige Häftlinge in Mauthausen durch morgendliche Gespräche über ihre Träume eine „Gemeinschaft der hartnäckigen Träumer“. Nur so vermochten sie das Lager zu überleben.

Iris Därmann, Professorin für Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik an der Berliner Humboldt-Universität, erkennt in der von Cayrol geschilderten Aufrechterhaltung der eigenen Traumbildlichkeit im Angesicht rassistischer Vernichtungsgewalt einen „Überlebenswiderstand in Gestalt des Sich-Entziehens, des Verschwindens und des Entfliehens“. Träume, so Därmann, können Fluchtlinien ziehen, die aus einer bedrohlich erscheinenden Realität führen. Ein solcher Rückzug in innere Reservate stellt für sie den Ausdruck eines durch erfindungsreiche Insistenz- und Resistenzformen charakterisierten „aisthetischen Widerstand“ dar, dessen Analyse sie in ihrem nun vorgelegten Buch „Widerstände. Gewaltenteilung in statu nascendi“ in Angriff nimmt.

August 2021

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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