Ausgabe November 2021

Österreich oder ein Abgrund von Demokratieverrat

Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) während einer Nationalratssitzung im österreichischen Parlament, 14.10.2021 (IMAGO / photonews.at)

Bild: Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) während einer Nationalratssitzung im österreichischen Parlament, 14.10.2021 (IMAGO / photonews.at)

Das hat auch die von Skandalen allzu oft heimgesuchte Alpenrepublik noch nicht erlebt: Nach Hausdurchsuchungen im Bundeskanzleramt, im Finanzministerium und in der ÖVP-Zentrale erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz am 9. Oktober seinen Rücktritt. Es war und ist allerdings kein richtiger Rücktritt, sondern ein bloß zeitweiliger Rückzug – nämlich aus dem Bundeskanzleramt ins Parlament. Dort wird Kurz als Fraktionschef und ÖVP-Vorsitzender alle Fäden weiter in der Hand behalten. Es ist dies, wie aus der Partei verkündet wird, lediglich ein „Schritt zur Seite“.

Dieser Schritt zur Seite soll dazu führen, dass die massiven Vorwürfe an ihm vorbeirauschen. Im Rücken hat Kurz dabei die Österreichische Volkspartei, die er so kurz und klein bekommen hat, dass sie – bis auf die einsame Ausnahme einer tapferen Tiroler Landesrätin – in blindem Gehorsam hinter ihm steht. Tirols Landeshauptmann Günther Platter, langjähriger Chef der Landes-ÖVP, sagt: „Alle ÖVP-Landeshauptleute, die Landesparteiobleute, stehen einhundertprozentig hinter Sebastian Kurz.“ Kadavergehorsam nennt man so etwas. Wenn die Vorwürfe, wie Kurz hofft, eines Tages vorbeigerauscht sind, will er bei der nächsten Wahl ein triumphales Comeback inszenieren. Das steht zwar nicht in seiner Rücktrittsrede, aber das gehört zum Spielplan. Ein kleiner, ein ganz kleiner Hauch von Reue gehört auch dazu.

November 2021

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Druckausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Lieferketten-Backlash – und was trotzdem bleibt

von Armin Paasch, Miriam Saage-Maaß

Nach langem Ringen hat das Europäische Parlament am 16. Dezember 2025 dem sogenannten Omnibus-I-Paket zugestimmt, das zentrale Regelwerke des European Green Deal »vereinfachen« soll. Tatsächlich hat die Europäische Volkspartei damit allerdings nicht vereinfacht, sondern vielmehr die »Brechstange« (Manfred Weber, CSU) an die EU-Lieferkettenrichtlinie angesetzt.