Ausgabe Mai 2022

Europäische Union: Kosmopolitismus statt Aufrüstung

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskyy während eines Treffens in Kiew, 8.4.2022 (IMAGO / ZUMA Press)

Bild: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskyy während eines Treffens in Kiew, 8.4.2022 (IMAGO / ZUMA Press)

In Reaktion auf den Ukraine-Krieg forderten in den April-»Blättern« Wolfgang Zellner und Albrecht von Lucke eine Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit. Dem widerspricht der Politikwissenschaftler Manuel Müller: Die geopolitische Wende der EU gefährde ihren traditionell weltoffenen Charakter.

Wenig vereint so sehr wie ein gemeinsamer Feind. Auch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat in der Europäischen Union eine plötzliche, ungeahnte Entschlossenheit zum gemeinsamen Handeln ausgelöst. Innerhalb weniger Tage gelang es den Regierungen, sich auf Sanktionen gegen Russland und Belarus zu einigen, Hilfspakete für die Ukraine zu schnüren und sogar EU-finanzierte Waffenlieferungen zu organisieren. Es war der vorläufige Höhepunkt einer länger andauernden Wandlung im Selbstverständnis der EU: War die europäische Einigung früher vor allem ein nach innen gerichteter Prozess, sieht sich die EU zunehmend als geopolitischer Block, der sich auf einer Weltbühne voller Bedrohungen behaupten muss. Und statt sich primär auf die soft power ihrer kompromissorientierten Kultur, ihrer demokratischen Werte und ihres attraktiven Marktes zu verlassen, setzt sie vermehrt auf militärische Stärke und Abschreckung.

Mai 2022

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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