Ausgabe August 2022

Das ukrainische Paradox

Die Entstehung der Nation aus dem Geist des Krieges

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Bild: IMAGO / NurPhoto

Auf die meisten Fragen, denen ich mich im Folgenden widmen werde, habe ich keine fertigen Antworten. Schlimmer noch: Ich fürchte, diese Antworten gibt es vielfach nicht. Das kann uns jedoch nicht davon abhalten, sie zu suchen und zuvor die richtigen Formulierungen für die Fragen zu finden. Denn der Krieg in der Ukraine wirft Fragen von universellem Interesse auf, er betrifft uns und wird uns zunehmend mehr betreffen: unsere Gegenwart, unsere gemeinsame Zukunft, unseren Platz in der Welt. Bei diesem Krieg sind wir keine fernen oder neutralen Beobachter, sondern Teilnehmer, und sein Ausgang hängt auch davon ab, was wir denken und tun. Wir sind in diesem Krieg. Wir können nicht „aus dem Krieg desertieren“, wie mein Kollege Sandro Mezzadra in einem gut argumentierten pazifistischen Manifest geschrieben hat.[1] Das heißt nicht, dass wir diesen Krieg führen müssen in all den Formen, die sogleich vorgeschlagen werden. Unsere Wahlmöglichkeiten sind wahrscheinlich sehr gering, aber wir dürfen nicht behaupten, es gäbe keine.

Aber um was für einen Krieg handelt es sich? Selbst das können wir nicht mit absoluter Gewissheit sagen, da wir nicht vollständig erfassen, welche Räume er besetzt, abgesehen vom Territorium, in das die russische Armee im Februar eingedrungen ist, und einigen angrenzenden Gebieten.

August 2022

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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