Ausgabe Januar 2023

Die glühende Lava der Politik

Verlag Antje Kunstmann GmbH

Bild: Verlag Antje Kunstmann GmbH

Viele Menschen sind in einem Menschen. Rafael Chirbes war schwul, kam von unten, war links. Er sah kein „Heilmittel gegen die Klassenherkunft“ und kämpfte um Bildung. Durch den frühen Tod des Vaters war er ein in einem Internat aufgewachsenes Arbeiterkind, das in Proust „die Grammatik des zeitgenössischen Erzählens“ erkannte. In Schwulenbars erlebte er Exzesse und Abstürze, die ihn – ganz bildungsbürgerlich – an den Garten der Lüste von Hieronymus Bosch erinnerten. Seine schlechten Karten spielte er herausragend. Der 2015 gestorbene Autor erreichte für seine Lebensweise – er trank, rauchte Kette, nahm Drogen – ein hohes Alter von 66 Jahren. In seinen nun auf Deutsch veröffentlichten Tagebüchern geht er mit seiner Selbstzerstörung hart ins Gericht, konnte sie aber zeitlebens nicht stoppen. Dennoch schuf der Zerrissene ein beeindruckendes Werk und erhielt mit seinen letzten Romanen auch in Spanien die ersehnte Anerkennung. Er wäre ein guter Nobelpreisträger geworden.

Mit Deutschland verbanden Chirbes, wie die Tagebücher zeigen, viele Fäden. Früh erschien hier sein Werk, der Erstling „Mimoun“ bereits 1990. Das große Publikum erreichte er, als Marcel Reich-Ranicki 1998 seinen Roman „Der lange Marsch“ lobte und zum Bestseller machte. Allerdings gab es dieses Buch in dieser Form zunächst nur hierzulande.

»Blätter«-Ausgabe 1/2023

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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