Ausgabe März 2023

Afghanistan: Frauen als Faustpfand

Frauen auf einem Markt in Kabul, 22.11.2021 (IMAGO / Le Pictorium / Antonin Burat)

Bild: Frauen auf einem Markt in Kabul, 22.11.2021 (IMAGO / Le Pictorium / Antonin Burat)

Am 1. Januar dieses Jahres wird die Frauenärztin Yacubi Feyra[1] aus einem eng belegten Behandlungssaal zur Tür gerufen. Vor ihr stehen Männer mit Bärten, weiten Hosen, Halstüchern, Patronengurten; ähnlich denjenigen, die seit anderthalb Jahren in Pickups und erbeuteten Polizeifahrzeugen durch die Straßen Afghanistans patrouillieren. Sie sprechen Paschtu, die Lingua Franca Süd- und Ostafghanistans, hier im tadschikisch-usbekisch geprägten Norden eher ungebräuchlich. Doch ihre Botschaft lässt sich nicht missverstehen: Ab sofort ist die Geburtsklinik von Badakshan geschlossen. Alle Mitarbeiterinnen müssen weg. Die Einrichtung wird ohne sie nach Paktia verlegt, also ins Stammland der hauptsächlich paschtunischen Taliban. „In der der Nacht zum 2. Januar starben mehrere Patientinnen“, berichtet die Ärztin wenige Tage später am Telefon. „Es gab einfach keine Gynäkologinnen und keine Hebammen mehr, niemand konnte sich noch um sie kümmern.“ Frauen, Neugeborene und Ungeborene, alleingelassen und ohne medizinische Versorgung – nicht nur nach den Befürchtungen von Ärztin Feyra könnte das die Langzeitfolge jener Studien- und Arbeitsverbote sein, die der De-facto-Staatschef des Islamischen Emirats Afghanistan, Mullah Ahandzadeh, Ende 2022 im südafghanischen Kandahar verkünden ließ.

»Blätter«-Ausgabe 3/2023

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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