Ausgabe März 2023

Austausch statt Aneignung

Rude Girl. Birgit Weyhe, Cover: avant-verlag

Bild: Rude Girl. Birgit Weyhe, Cover: avant-verlag

Die Comickünstlerin Birgit Weyhe ist eine sehr genaue Beobachterin ihrer Umwelt. Sie braucht nur wenige prägnante Worte und Bilder, um die kleine Universitätsstadt im Mittleren Westen der USA, in der sie sich für eine Gastdozentur aufhält, auf den Begriff zu bringen: Mehr Kirchen als Supermärkte. Im Supermarkt Waffen, aber kein Alkohol. Ohne Führerschein läuft nichts. Langeweile und freundliches Desinteresse der Menschen.

Für ihre Arbeiten, in denen sich die 1969 in München geborene und in Uganda und Kenia aufgewachsene Künstlerin unter anderem mit der Aufarbeitung der deutsch-afrikanischen Beziehungen beschäftigt, ist Weyhe vielfach ausgezeichnet worden, beispielsweise 2016 mit dem Max und Moritz-Preis des Comic-Salons in Erlangen. Auch ihr Comic „Madgermanes“, der das Schicksal der Vertragsarbeiter aus Mosambik behandelt, die in der DDR ausgebildet werden sollten, tatsächlich aber vor allem ausgebeutet wurden, erntete viel Lob. Einfühlsam beschreibt sie, wie sich die Zurückgekehrten nach den Jahren in Deutschland in ihrer Heimat fremd fühlen. Und so reagiert Weyhe zunächst gereizt und beleidigt, als ihr während ihres USA-Aufenthalts bei einer Buchvorstellung aus dem Publikum „kulturelle Aneignung“ vorgeworfen wird. Sie habe nicht das Recht, über mosambikanische Menschen zu schreiben, das wäre Ausbeutung. Na, wenn das so ist: „In Zukunft werde ich nur noch über mittelalte weiße Frauen aus Norddeutschland schreiben.

»Blätter«-Ausgabe 3/2023

Sie haben etwa 16% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 84% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema