Ausgabe April 2023

Wahlrechtsdeformation: Ampel gegen Rot-Grün-Rot

Plenarsaal im Bundestag, 8.2.2022 (IMAGO / Shotshop)

Bild: Plenarsaal im Bundestag, 8.2.2022 (IMAGO / Shotshop)

Fast 75 Jahre galt das bundesdeutsche Wahlrecht nahezu unverändert. Selbst den Epochenbruch der deutschen Wiedervereinigung von 1989/90 überlebte es ohne größere Korrektur. Und das aus gutem Grund: Verfahrensfragen sind Machtfragen. Und das Wahlrecht ist in einer Demokratie die sensibelste Materie, sorgt es doch – im besten Fall – für die gebotene Chancengleichheit in der politischen Auseinandersetzung.

Umso mehr bedeutet die am 17. März mit den Stimmen der Ampelkoalition beschlossene Reform einen fundamentalen Bruch mit den bisherigen Prinzipien – mit dramatischen Konsequenzen nicht zuletzt für mögliche linke Alternativen. Faktisch wird man nicht von einer Wahlrechtsreform, sondern eher von einer Wahlrechtsdeformation sprechen müssen, welche die Tektonik des deutschen Parteiensystems fundamental verändern könnte.

Dabei bestand zweifellos Handlungsbedarf, wurde doch von Staatsrechtlern seit langem eine Verkleinerung des aufgeblähten Bundestages angemahnt. Grundsätzlich gewährt die Verfassung dem Gesetzgeber beim Wahlrecht einen weiten Reformspielraum. So wäre auch eine Umstellung auf ein reines Mehrheitswahlrecht durchaus zulässig. Die Ampelkoalition hat dergleichen aber nicht vorgenommen, sondern das geltende personalisierte Verhältniswahlrecht massiv verändert. Dieses zeichnet sich vor allem durch das angestrebte Gleichgewicht von direkt, qua Erststimme, und über die Liste, qua Zweitstimme, gewählten Abgeordneten aus.

»Blätter«-Ausgabe 4/2023

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema