Ausgabe Juni 2023

Frankreich als Menetekel

Wie wir mit dem Heute das Morgen verspielen

Ein Demonstrant mit Macron-Maske am 1. Mai in Paris, 1.5.2023 (IMAGO / ZUMA Wire / Andy Barton)

Bild: Ein Demonstrant mit Macron-Maske am 1. Mai in Paris, 1.5.2023 (IMAGO / ZUMA Wire / Andy Barton)

Am 17. April dieses Jahres wurde das Publikum im Studio der vom Sender TF1 ausgestrahlten Sendung „Quotidien“ plötzlich sehr still. Pierre Rosanvallon, Soziologe und Historiker am Collège de France, einer der weltweit angesehensten politischen Denker Frankreichs, diagnostizierte in ruhigem und sehr sachlichem Ton die „schwerste Krise der Demokratie, die wir seit dem Ende des Algerienkrieges hatten“. Zu jenem Zeitpunkt, Ende der 1950er Jahre, war Frankreich nahezu unregierbar geworden, ein Militärputsch drohte. Erst die Machtübernahme durch Charles de Gaulle und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung konnte die Lage beruhigen. Aber sei nicht der Mai 1968 viel heftiger als der heutige Streit um die Rente gewesen, fragte der erkennbar erschrockene Moderator zurück. Damals, so Rosanvallons Antwort, seien institutionelle Reformen gefolgt, jetzt aber sei nicht erkennbar, dass die heutigen Proteste gegen die Rentenreform und ihre umstrittene Verabschiedung Konsequenzen haben würden. De Gaulle sei am Ende zurückgetreten, nun aber gebe es keinerlei Bewegung. Eine solche Diagnose mag aus deutscher Sicht überraschen. Nicht selten schwingt in der hiesigen Berichterstattung nämlich ein leichter Spott über die widerspenstigen Nachbarn mit, die – so wird suggeriert – die Anpassung an die demographischen Gegebenheiten nicht vollziehen wollen, ja sich nicht nur der Rentenreform, sondern eigentlich der ihr zugrundeliegenden Realität verweigern.

»Blätter«-Ausgabe 6/2023

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.