Ausgabe September 2025

Klasse statt Identität

Für eine aufgeklärte Debatte um Migration

Lea Ypi, Professorin für Politische Theorie an der London School of Economics, 7.12.2022 (IMAGO / TT / Fredrik Persson)

Bild: Lea Ypi, Professorin für Politische Theorie an der London School of Economics, 7.12.2022 (IMAGO / TT / Fredrik Persson)

Die Aufklärung wird heutzutage oft geschmäht, sowohl von rechts als auch von links. Von der Rechten, weil kritisches Reflektieren, der Mut, sich seines Verstandes zu bedienen (Kant), schon immer eine Bedrohung für die passive Unterwerfung gegenüber Autorität bedeutet hat, die für die Normalisierung von Ausgrenzungen erforderlich ist. Aber auch von vielen Vertreter:innen der postkolonialen Linken wird sie geschmäht. Sie machen die Aufklärung für die Grausamkeit, Unterdrückung und den Paternalismus verantwortlich, was die Begegnung europäischer Staaten mit anderen Teilen der Welt oftmals geprägt hat.

Diese Haltung ist zwar nicht gänzlich falsch, aber auch nicht besonders nuanciert. Natürlich stimmt es, dass die Aufklärung von den herrschenden Eliten letztlich für ihre ausbeuterischen, „zivilisatorischen“ Missionen instrumentalisiert wurde, doch in ihren Anfängen verkörperte sie eine höchst subversive Haltung. Das zeigt ein Blick auf Gotthold Ephraim Lessing, einen der namhaftesten Vertreter jenes Zeitalters, das wir „die Aufklärung“ nennen. Zu seinen Lebzeiten hatte er Probleme mit der Zensur, nach seinem Tod führte die Kontroverse über seinen angeblichen Pantheismus zu einem großangelegten Angriff auf die aufklärerische Konzeption der Vernunft.

»Blätter«-Ausgabe 9/2025

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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