Wie die Aufarbeitung der Katastrophe verhindert wird
Bild: Bei den Dekontaminierungsarbeiten auf dem Gelände des Atomkraftwerks Tschernobyl 1986 (IMAGO / SNA)
In der Ukraine gibt es aktuell zwei Zeitrechnungen: eine Zeit »vor dem Krieg« und eine danach. Das gilt auch für Tschernobyl, wo es am 25. April 1986 im Atomkraftwerk »W.I. Lenin« zum »Größten Anzunehmenden Unfall« kam. Heute liegt die Sperrzone in der Einflugschneise russischer Luftangriffe, Teile von ihr sind vermint – mit verheerenden Folgen.
Vor dem Krieg pries der renommierte Reiseführer »Lonely Planet« einen Trip in die »Зона відчуження Чорнобильської AEC« als »unheimlichsten Tagesausflug der Welt« – eine Tour in die Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk. Für zuletzt 100 Dollar startete der Tagestrip in Kyjiw, der ukrainischen Hauptstadt. Auf dem Weg zur »Zone« gab es im Reisebus einen Dokumentarfilm über die Reaktorkatastrophe zu sehen, die vor 40 Jahren zum GAU führte.
Block 4 des Atomkraftwerkes in der Nordukraine war 1986 ans Netz gegangen, obwohl noch nicht alle Testergebnisse für die Genehmigung vorlagen. Die sollten nachgereicht werden. Am 25. April 1986 wollte die Tagesschicht nachweisen, dass nach einem Stromausfall die Rotationsenergie der Turbine noch genügend Elektrizität liefern würde, um den Reaktor zu steuern – so lange, bis die Notstromaggregate anspringen. Allerdings war die Stromnachfrage an diesem Tag im nahen Kyjiw so groß, dass das Experiment abgebrochen und an die nächste Schicht übergeben wurde.