Ausgabe September 2026

»Kakerlaken«-Proteste: Indiens zerbrochener Gesellschaftsvertrag

Der Sprecher der »Cockroach Janata Party«, Saurav Das, und Anhänger:innen der Partei feiern, nachdem der Bildungsminister Dharmendra Pradhan von seinem Amt zurückgetreten ist, 25.7.2026 (IMAGO / ANI News)

Bild: Der Sprecher der »Cockroach Janata Party«, Saurav Das, und Anhänger:innen der Partei feiern, nachdem der Bildungsminister Dharmendra Pradhan von seinem Amt zurückgetreten ist, 25.7.2026 (IMAGO / ANI News)

Über einen Monat lang demonstrierten junge Menschen in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi und weiteren großen Städten des Landes, bis die Regierung ihrer Forderung nach einem Rücktritt des Bildungsministers Dharmendra Pradhan nachgab. Die Proteste unter dem Banner der neu gegründeten Kakerlaken-Volkspartei (Cockroach Janta Party – CJP) waren im Juni ausgebrochen, nachdem erneut die Aufgaben für die Eingangsexamen in den begehrten indischen Staatsdienst durchgestochen worden waren und die Prüfungen daraufhin verschoben werden mussten. 

Doch die Wut auf den Straßen ist nicht nur eine Reaktion auf manipulierte und abgesagte Auswahlprüfungen. Sie ist ein generationsübergreifender Ausbruch der Angst einer Mittelschicht, die durch Lohnstagnation, technologischen Wandel und explodierende Lebenshaltungskosten an den Rand des Abgrunds gedrängt wurde. 

Der 22-jährige Aniket Chaudhary aus der Stadt Ghaziabad war einer der »Kakerlaken«. Obwohl seine Familie eigentlich Premierminister Narendra Modi unterstützt, nahm er im Juli an den Protestaktionen in Neu-Delhi teil. »Nach meinem Bachelorstudium im Bereich Computeranwendungen habe ich nur einen Job gefunden, in dem ich 10 000 Rupien (90 Euro) im Monat verdiene. Daher beschloss ich, mich auf einen Regierungsjob zu bewerben«, berichtet Aniket. 90 Euro entspricht in etwa dem, was die Weltbank als globale Grenze für extreme Armut definiert – nämlich drei US-Dollar pro Tag.

»Blätter«-Ausgabe 9/2026

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