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Die Kontrolle der Zukunft

Edward Snowden und das neue Erdzeitalter

von Elmar Altvater

Als Edward Snowden vor knapp einem Jahr die Machenschaften von US-amerikanischer NSA und britischem GCHQ aufdeckte, löste er eine weltweite Debatte über die bedrohliche Macht der Geheimdienste aus. Snowden hat bloßgelegt, in welchem Ausmaß die Fünferbande der Geheimdienste – die „Five Eyes“ aus den USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland – die Bürgerinnen und Bürger in aller Welt ausspionieren, in welch planetarischer Größenordnung sie Daten klauen, speichern und für ihre Zwecke nutzen – und damit die Privatheit aller Menschen zerstören, die nach Art. 12 der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen geschützt ist. Damit aber ist auch die Meinungsfreiheit, die Grundlage von politischer Betätigung wie auch von Widerstand gegen die Herrschenden, im Kern bedroht und folglich auch die Demokratie.

Die Geheimdienste rechtfertigen ihre gemeingefährlichen Machenschaften – die Wissensbeschaffung aus der planetarischen Cloud, aus den verschlüsselten Handys von Regierungschefs wie Angela Merkel oder Dilma Rousseff und aus der unübersehbaren Masse (un)verschlüsselter E-Mails normaler Bürgerinnen und Bürger – mit dem fadenscheinigen Argument, es ginge um Früherkennung terroristischer Aktivitäten und damit um den Schutz der öffentlichen Ordnung und Sicherheit. Doch die Bespitzelung der Welt ist mehr als ein gigantischer Datenfischzug im „World Wide Web“ im Dienste der „Sicherheit“. Sie passt nämlich exakt zu den Denk- und Handlungsmustern, die das Geo-Engineering einer neuen Menschheitsepoche bestimmen. Mit sophistischen technischen Mitteln wird eine „planetary stewardship“[1], ein effizientes Management mit Prokura für den Planeten Erde eingerichtet, um nicht nur den Informationsfluss, sondern die vielfältigen sonstigen Krisenprozesse unserer Zeit zu steuern – bei Aufrechterhaltung des herrschenden kapitalistischen Systems.

Dass der Datenklau überall dort auf dem Planeten Erde systematisch organisiert worden ist, wo Zugang zu Festplatten und zur Cloud möglich ist, hat die US-Regierung mittlerweile eingeräumt. Das allerdings war relativ ungefährlich, denn alle Welt wusste inzwischen davon und wartete nur noch auf die offizielle Bestätigung. Dass Obama die deutsche Kanzlerin zukünftig nicht weiter heimlich, still und leise belauschen wird und dass der globale Datendiebstahl stattdessen rationalisiert, verfeinert und verschlankt werden soll, kann man ihm sogar glauben. Die Angelegenheit ist damit aber keineswegs abgehakt. Sie passt viel zu gut zu anderen Projekten „planetarischer Ingenieurskunst“, die insgesamt als „Geo-Engineering“ bezeichnet werden. Das ist nicht mehr die lineare Fortentwicklung von Wissenschaft und Technik, welche die Bedingung für die in Deutschland sogar gesetzlich verordnete „Wachstumsbeschleunigung“ ist.

Der planetarische Datenklau, den Snowden aufgedeckt hat, ist vielmehr Vorbote einer neuen Zeit. Er ordnet sich nahtlos in die anderen Projekte der „planetary stewardship“ ein, mit dem Ziel, die Erdsysteme doch noch vor dem drohenden Kollaps zu bewahren – und auch vor damit einhergehenden politischen Konflikten, Aufständen und Revolten. Wie sagte Präsident Obama in einem ZDF-Interview am 18. Januar 2014: Wir müssen „rauskriegen, was die Leute denken und tun“. Warum aber dieser immense Aufwand, einen großen Teil der Weltbevölkerung auszuspähen? Damit man diese besser unter Kontrolle halten, damit man jedes Pflänzchen politischen Widerstands rechtzeitig austreten kann, damit die Informationen nicht nur abgegriffen, sondern auch – sozusagen „interaktiv“ – manipuliert werden können, wie es bereits heute mit Hilfe von ausgetüftelten Algorithmen im Internet geschieht.

Die globale mediale Manipulation

Die Kritik an der herrschenden medialen Manipulation und der Kampf dagegen war vor bald 50 Jahren, nämlich 1968, ein Signal des demokratischen Aufbruchs. Die Kampagne „Enteignet Springer“ richtete sich gegen die manipulative Medienmacht, gegen eine Hetzmasse, wie Elias Canetti sagen würde.[2] Es war schon damals bekannt, dass die mediale Manipulation ein unverzichtbares Bauteil der Herrschaftssicherung im globalen Maßstab ist. 1964, vor genau 50 Jahren, hatten die brasilianischen Militärs eine grausame Diktatur errichtet, 1973 folgte die Pinochet-Diktatur in Chile, dann der Militärputsch in Argentinien. Die mörderischen Regime wurden vom US-Geheimdienst CIA politisch und materiell unterstützt, angesehene Politiker wie Henry Kissinger waren bei diesem Geschäft des Todes ausgesprochen hilfreich. Die Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung von Oppositionellen, von Gewerkschaftern und linken Politikern, von Künstlern und Kirchenleuten wurde auch damals von den Geheimdiensten der lateinamerikanischen Militärdiktaturen koordiniert – im Rahmen der „Operation Condor“ in Chile mit aktiver Unterstützung der USA. Auch damals lautete die Begründung für die brutale Repression: Abwehr des Terrorismus.

Den Geheimdiensten die Verteidigung der Demokratie zu überlassen, ist deshalb höchst fahrlässig. Damals sind Zehntausende „verschwunden“. Bis heute sind die Verbrechen nicht vollständig aufgearbeitet. Fast ein halbes Jahrhundert später von den Geheimdiensten der USA und Großbritanniens angesichts der „NSA-Affäre“ selbst-aufklärerisches Verhalten zu verlangen oder zu erwarten, ist eine hilflose Haltung, die aus der Geschichte nichts gelernt hat und der Dramatik der gegenwärtigen Menschenrechtsverletzung nicht gerecht wird.

Denn mit den Informationstechniken eines neuen Erdzeitalters nehmen die Geheimdienste Zugriff auf digitalisiertes Wissen, mit dem sie die Geschicke der Menschheit kontrollieren können. Die Geheimdienste sind heute zu weit mehr in der Lage als vor einem halben Jahrhundert. In einem Interview aus seinem russischen Exil erklärte Edward Snowden: „Das größte Problem ist die neue Technik der allgemeinen Massenüberwachung, bei der Regierungen jeden Tag Milliarden über Milliarden von Daten über die Kommunikation Unschuldiger sammeln.“[3]

Dennoch erscheint vielen das Sammeln von Daten eher als absurdes Theater, das auf der Linken nicht eine Kampagne zur Enteignung der Datendiebe, sondern eher den müden Kommentar auslöst: Sollen sie doch in der Datenflut ersaufen, die sie auf ihre Festplatten lenken. Derartiger (naiver) Zynismus wird den aktuellen Versuchen, das gesamte Weltwissen zu kontrollieren, nicht gerecht. Schließlich passt die Datensammelwut viel zu gut in die Strategien des globalen „Geo-Engineering“, die heute längst in den Schubladen liegen – nicht nur zur Bekämpfung des Terrorismus, sondern zur Bewältigung der globalen Energiekrise, des Klimawandels oder des drohenden Nahrungsmangels angesichts einer weiter wachsenden Weltbevölkerung.

Zur Abwendung des drohenden Klimakollaps bietet sich beispielsweise „Solar Radiation Management“ an. Um eine weitere Erwärmung zu verhindern, wird dabei Schwefel in die obere Stratosphäre transportiert, was die UV-Einstrahlung reduziert. Gewiss, infolge des Schwefeleintrags dürfte der Himmel sich gelb färben, was nicht wenige Depressionen auslösen wird. Schließlich hat schon Alexander von Humboldt auf die individual- und sozialpsychologischen Wirkungen der Naturveränderungen hingewiesen.[4]

Der Krise der Energieversorgung plant man derweil mit Großplantagen von Energiepflanzen in Afrika oder Lateinamerika beizukommen, mit Solarkraftwerken in der Sahara (Desertec) oder mit Fusionsreaktoren, deren Befürworter noch immer den Traum einer unerschöpflichen Energiequelle träumen – die sich aber auf Erden in unser aller Nachbarschaft befinden würde und nicht wie der Fusionsreaktor Sonne im „Sicherheitsabstand“ (so der zu früh verstorbene Hermann Scheer[5]) von 146 Millionen km. Der Hunger von hunderten Millionen Menschen könne mit Hilfe einer erneuten „grünen Revolution“ überwunden werden usw.

Kurzum: Die Begrenztheit der Ressourcen, von Richard Heinberg als „Peak everything“ bezeichnet,[6] kann man, so die Überzeugung der Geo-Ingenieure, überwinden – wenn auch zu einem hohen Preis: einem immer größer werdenden „ökologischen Fußabdruck“, der degradierte Ökosysteme hinterlässt und sämtliche „planetary boundaries“[7] reißt – mit unabsehbaren Folgen für die Menschen und die Natur des Planeten. Daher ist eines bei diesem Geschäft – in das längst zahlreiche große Konzerne und Staaten verwickelt sind – unverzichtbar: die Kontrolle der Informationen und damit der Menschen.

Anthropozän oder „Kapitalozän“

Längst hat die neue Zeit einen Namen: Geowissenschaftler haben das neue Erdzeitalter auf Vorschlag des Klimatologen und Chemie-Nobelpreisträgers Paul Crutzen bereits auf den Namen „Anthropozän“ getauft – das „vom Menschen gemachte Erdzeitalter“. Diese Bezeichnung ist so ganz neu nicht. Der italienische Geologe Antonio Stoppani sprach bereits 1873 vom „Anthropozoikum“. Damit bekommt tatsächlich eine Revolution einen Namen. Im vorangegangenen Erdzeitalter des Holozän herrschten die günstigen klimatischen Bedingungen einer Warmzeit, in der sich anders als in den hunderttausenden von Jahren zuvor menschliche Zivilisationen entwickeln konnten. Die neolithische Revolution, die vor gut 9000 Jahren im Zweistromland ihren Ursprung hatte und den sesshaften Bauern hervorbrachte, war nur in der Warmzeit des Holozän möglich. Aber der zivilisatorische, der kulturelle und technische Fortschritt, den die „prometheische Revolution“ (der Begriff stammt von Nicholas Georgescu-Roegen[8]) mit der Entdeckung des Feuers hervorbrachte, hat auch die biblische Botschaft (die sich in ähnlichen Worten auch in anderen monotheistischen Religionen findet) beflügelt: „Macht Euch die Erde untertan!“

Diese Botschaft ist fast so alt wie das Neolithikum. Ihre Realisierung aber konnte erst drastisch und auf planetarischem Niveau verwirklicht werden, als eine neue, zweite prometheische Revolution die Erde veränderte: die industriell-fossile Revolution des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Der „Weltorganismus“, von dem Alexander von Humboldt sprach,[9] wird nun als auszubeutende Mine, vor allem von energetischen und mineralischen Rohstoffen, und als Müll-Container behandelt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Menschen handeln immer in einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation bzw. Formation, und diese ist seit der sogenannten Neuzeit kapitalistisch und europäisch dominiert.[10] Daher wäre das Anthropozän genauer als „Kapitalozän“ oder Kapitalozoikum zu bezeichnen. Heute zeigen sich immer mehr dessen verheerende Folgen: Der „Weltorganismus“ knirscht unter den global immer weiter ausgreifenden Zwängen der Kapitalverwertung immer größer und mächtiger werdender globaler Konzerne; die Folge ist die immer umfassendere Sicherung von Herrschaft über die Armen und Ausgebeuteten in der Welt zur Festigung der kapitalistischen Strukturen durch die privaten und öffentlichen Sicherheitsdienste.

In diesem planetarischen Zusammenhang ist der Datenklau von NSA und der „fünf Augen“ tatsächlich ein Anschlag auf die Bürger- und Menschenrechte, zumal wenn der Präsident der (heute) „einzigen Supermacht“ ankündigt, dass das Sammeln von Informationen und deren Nutzung zur Wahrung der US-Sicherheitsinteressen weitergehen wird. Wer hätte realistischerweise anderes von ihm erwartet? Denn auch der mächtigste Mann des Kapitalozän ist ein von der kapitalistischen Inwertsetzungs- und Verwertungsdynamik Getriebener, allein den Interessen seines Landes verpflichtet. Dieses Streben nach möglichst grenzenloser Bereicherung – in materieller wie informationeller Hinsicht – widerspricht jedoch der fundamentalen Begrenztheit allen Lebens auf der Erde.

Das Raumschiff Erde und die drei Erdsysteme: Energie, Materie und Wissen

An der „Oberfläche der Erde, auf der als Kugelfläche [die Menschen] sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch nebeneinander dulden müssen […] haben sie ein Besuchsrecht, welches allen Menschen zusteht, sich zur Gesellschaft anzubieten vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes“ an der Erde. So schrieb Immanuel Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“[11] aus dem Jahr 1795. Das heißt nichts anderes, als dass die Menschen von der Natur und ihrer Begrenztheit in die Pflicht genommen werden, die Regeln des Staats-, Völker- und weltbürgerlichen Rechts der „Besucher“ auf Erden zu respektieren. Denn, so wieder Kant, wenn ich „von der Natur sage: sie will, dass dieses oder jenes geschehe, so heißt das […]: sie legt uns eine Pflicht auf, es zu tun.“[12]

Doch genau diese moralische Verpflichtung wird nicht erfüllt, die Beschränkungen werden nicht respektiert, die auf der begrenzten Kugelfläche der Erde existieren. Dann aber ist es nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, wenn auch staats-, völker- und menschenrechtliche Grenzen auf der irdischen Kugelfläche schnöde überschritten werden, auch im Bereich der informationellen Kommunikation. Die Logik der kapitalistischen Akkumulation verträgt sich einfach nicht mit der Kantschen Moral der sich aus irdischen Grenzen ergebenden Regelwerke, sie widerspricht der Vision eines „Ewigen Friedens“.

Die prinzipielle Begrenztheit der Erdsysteme bildet einen Rahmen, den der US-amerikanische heterodoxe Ökonom Kenneth Boulding in einem später berühmt gewordenen Aufsatz über „die Ökonomik des zukünftigen Raumschiffs Erde“ im Jahr 1966 entworfen hatte.[13] Die Evolution des Lebens – und insbesondere die des Menschen und seiner Zivilisation auf Erden – hängt, so Kenneth Boulding, von der Entwicklung von drei Erdsystemen ab: von der Energiezu- und abfuhr, den Materialflüssen und dem Wissen.

Zur Energieversorgung bedienen wir uns der in Kohleflözen, Erdgasblasen und Ölfeldern fossil gespeicherten Sonnenenergie, anstatt den unendlichen und ewigen Strahlenfluss der Sonne zu nutzen. Die Energienutzung auf Erden ist also nicht auf die Flows, sondern auf die Stocks ausgerichtet. Das ist einerseits bequem und hat uns in den vergangenen 250 Jahren hohes Wachstum und beträchtlichen Wohlstand gebracht (denn die Energieernte aus den fossilen Lagerstätten war beträchtlich höher als das, was von den solaren Strahlenflüssen genutzt werden konnte). Andererseits ist der Nachteil offensichtlich: Die fossilen Lager werden mehr und mehr geplündert, auch wenn immer wieder „nicht-konventionelle“ Lagerstätten aufgefunden werden. Darüber hinaus haben die bei der Verbrennung der Kohlenwasserstoffe entstehenden Emissionen die Erde inzwischen in ein Treibhaus verwandelt. Einen Vorgeschmack davon, was dies in Zukunft bedeutet, vermitteln die „ungewöhnlichen Wetterereignisse“ der vergangenen Jahre. Die Rückversicherungen schlagen bereits Alarm.

Das zweite Erdsystem bilden die Materialflüsse, die verändert werden, wenn wir die mineralischen Rohstofflager ausbeuten. Die Erde behandeln wir, so beschrieb es sarkastisch der Philosoph Günther Anders, wie eine auszubeutende Mine: Was ausgebeutet werden kann, wird auch ausgebeutet.[14] Um die Abfälle, um die Emissionen, kümmern wir uns wenig, solange sie „in des Nachbarn Garten“ entsorgt werden können oder solange sie im Preis der Produkte an die Konsumenten weitergegeben (externalisiert) werden können. Der Planet Erde wird also von seinen Besuchern ganz im Gegensatz zu Kants Mahnung gnadenlos, weil ohne jeden Rechtstitel oder moralische Berechtigung, geplündert.[15] Dieses Prinzip der maximalen Ausbeutung wenden wir auch auf die agrarischen Rohstoffe an, auf Pflanzen und sogar auf Tiere, die wir völlig unserer – wie Boulding es nennt – Mentalität von Cowboys unterwerfen, so als ob es keine natürlichen Schranken und ethischen Beschränkungen in dem „Raumschiff Erde“ gäbe.

Das dritte Erdsystem ist in Bouldings Raumschiff-Metapher das Informationssystem. Einerseits ist dieses permanent in Bewegung. Die Menschen erraten und entdecken Unbekanntes, erlernen Wissen von anderen, erspähen neugierig Neues, erkennen innere Zusammenhänge und fügen so dem Wissensbestand ständig neue Erkenntnisse hinzu. Andererseits vergessen sie auch so manches, sie verlernen den Umgang mit nutzlos gewordenen Dingen, sie verwerfen vieles, was obsolet geworden ist. So kommt es, dass der Wissensbestand, der vom französischen Theologen und Philosophen Teilhard de Chardin und dem russischen Geologen Wladimir Wernadskij als „Noosphäre“ bezeichnet wird, waberndes, immer in Bewegung befindliches Wissen ist. Peter Sloterdijk zieht diese Noosphäre für sein Argument heran, dass die Erdsphären gar nicht begrenzt seien und daher Grenzen des Wachstums durch das Wachstum der Grenzen überwunden werden könnten.[16]

Temporär ist dies durchaus richtig: Die Grenzen der Biomasse zur Holzkohlenproduktion im sich industrialisierenden Europa des 18. Jahrhunderts wurden überwunden, indem „der unterirdische Wald“[17], die Kohlenflöze, gefördert wurde. Auch heute werden die Grenzen der konventionellen Energieträger durch die Förderung unkonventioneller, „erneuerbarer“ Energieträger ausgeweitet. Immer aber machen sich irgendwann neue Grenzen geltend, so dass diese Bewegung nicht endlos weitergehen kann – wenn auch das „Ende der Fahnenstange“ aus der Perspektive der gegenwärtigen Generationen tatsächlich nur schwer zu bestimmen ist.

Wissen in und ohne Grenzen – und das Erdsystem Wirtschaft

Einzig die Wissenssphäre ist in wabernder, sich ständig, scheinbar grenzenlos verändernder Bewegung. Das gilt für das Informationssystem allerdings nicht. Es ist nicht grenzenlos, jedenfalls nicht, wenn man den jeweils momentanen Wissensbestand vor Augen hat, so wie er traditionell in Büchern oder digital auf PC-Festplatten und auf Servern in der „Cloud“ „exosomatisch“ (also nicht „endosomatisch“ im menschlichen Hirn) gespeichert ist. Dieser Bestand von Wissen und von Informationen ist zum Teil offen zugänglich (Open Source, Prinzip Wikipedia), kann zum Teil gegen einen Marktpreis gekauft werden, wenn das freie Wissen („Die Gedanken sind frei!“) mit Hilfe von Patenten oder der Copy-Right-Regel exklusiv gemacht, also aus einem öffentlichen Gut in ein privates Gut verwandelt wird. Zum Teil ist dieses Wissen aber überhaupt nicht allgemein zugänglich, es ist „im Herzen verschlossen“ oder von mächtigen Informationsmonopolisten als „top secret“ definiert.

Das Wissen ist jedoch entscheidend für die Entwicklung eines vierten Erdsystems, der Wirtschaft nämlich. Dieses wird von dem Ökonomen Boulding gar nicht erwähnt oder als solches wahrgenommen – wahrscheinlich, weil alle wirtschaftlichen Prozesse einen doppelten Charakter haben. Herkömmlich wird nur der eine Charakter, der Warenhandel, die Profitmacherei, das Erstreben und Erzielen einer Rendite, als „Wirtschaft“ wahrgenommen. Mit ihrem zweiten Charakter ist Wirtschaft jedoch stets eine Transformation von Energien und Stoffen, und zwar heute mit globaler Reichweite. Sie folgt dabei einer durch und durch kapitalistischen Logik ständiger Inwertsetzung und Verwertung von Natur. Es ist daher zwar richtig, wenn Kenneth Boulding in den 1960er Jahren schreibt: „Der Ursprung einer Maschine (ist) die Idee eines Menschen und sowohl ihre Konstruktion als auch ihr Einsatz haben mit Informationsprozessen zu tun, die die Menschen auf die materielle Welt übertragen. Die Anhäufung von Wissen […] ist der Schlüssel zu jeder menschlichen Entwicklung, besonders zu wirtschaftlicher Entwicklung.“[18] Doch dieses Wissen muss sich auf beide Charaktere des Wirtschaftens beziehen, auf die stofflichen und energetischen Abläufe in den planetarischen Systemen und auf die ökonomischen Gesetze und natürlich auch auf die Interessen, die ökonomische Akteure verfolgen. Die Verwertung von Kapital, die Erzielung von Profit ist ja stets die zweite Seite der wirtschaftlichen Prozesse.

Nun sind wir mit dem bekannten, bereits beschriebenen Paradoxon konfrontiert: Die Erdsysteme sind allesamt begrenzt, und die Noosphäre nur dann nicht, wenn wir das Wissen „wabern“ lassen, also von den auf Servern, Festplatten und von der NSA gespeicherten Bits und Bytes absehen. Das ist ein Bestand, und wer darüber verfügt, beherrscht ihn und alle Anwendungen, Dienste etc., die daraus folgen. Die kapitalistische Wirtschaft allerdings ist auf permanente Expansion programmiert, dafür sorgt bereits der Druck der Finanzmärkte, der wiederum politisch, etwa von der Troika, weitergegeben und dabei verstärkt wird.

Wenn aber die Wirtschaft so abhängig von Informationen ist, wie nicht nur Kenneth Boulding unterstellt, dann ist die Verfügung über Informationen ein eminenter wirtschaftlicher Konkurrenzvorteil, der sich auch politisch auszahlt, weil auf diesem Wege Dominanz gefestigt werden kann (nicht zu verwechseln mit Hegemonie, denn diese verlangt Konsens).

Auch wenn die globalisierte Wirtschaft ein Erdsystem ist, gliedert sich dieses doch in nationalstaatliche Standorte, die gegeneinander erbittert um den begrenzten Reichtum konkurrieren. Dann aber ist es vorteilhaft, Wissen zu akkumulieren, auch wenn es nicht in den eigenen Schulen, Universitäten, Thinktanks und Labors produziert worden ist. Daher war es nicht überraschend und dennoch schockierend, als Edward Snowden in dem schon erwähnten Interview aussagte, dass die USA in großem Stil die Wirtschaft der Konkurrenz ausspionierten. Das machen andere Regierungen und deren Geheimdienste mit Sicherheit auch, wenn auch wohl noch nicht in derart planetarischen Ausmaßen.

Digitale Landnahme: Akkumulation des Wissens durch Enteignung

Die US-Regierung verfolgt also in grandiosem Maßstab, zu Lasten ihrer Konkurrenten in Europa und anderswo, eine Strategie, die der US-amerikanische Sozialgeograph David Harvey als „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet.[19] Bislang bezog sich der Begriff im Wesentlichen auf die „Landnahme“ im internationalen Rahmen und auf stoffliche und energetische Ressourcen. Der grandiose Datenklau aber zeigt, dass der Begriff auch auf die digitale Landnahme und Enteignung ausgedehnt werden muss. Die globalen Wissensbestände anzuzapfen, wird daher zum Geschäftsprinzip, dem sich auch die Staaten in der globalen Konkurrenz der Standorte verschreiben. Industriespionage gehört dazu, sprich: die Sammlung aller erreichbaren Informationen über die Strategien der Partner, Konkurrenten, Gegner. Aber auch der brain drain von gut ausgebildeten, „besten Köpfen“ aus peripheren Ländern in die Metropolen (und gleichzeitig die Abschottung vor „Sozialtouristen“ oder „Armutsmigranten“) ist Teil dieser Strategie, die nur bei oberflächlicher Betrachtung nichts mit dem Datenklau von NSA und Konsorten zu tun hat.

Das neue Erdzeitalter, über das schon zahlreiche Bücher geschrieben worden sind,[20] lässt sich also gar nicht gut an. Snowden hat uns darauf aufmerksam gemacht, wie NSA und die „Five Eyes“ das Erdsystem der Information manipulieren. Richtig gefährlich für unser aller Überleben wird die planetarische Ingenieurskunst dann, wenn diese zur „Stabilisierung“ der Energieversorgung und des Klimas eingesetzt wird – etwa durch künstliche Wolkenbildung mit unabsehbaren Folgen. Derartige „end-of-the-pipe“-Technologien werden unweigerlich dann zum Einsatz kommen, wenn an den herrschenden Konsummustern und an der Produktionsweise, aber auch an den politischen Kontrollmechanismen nichts Grundsätzliches geändert wird.

Noch haben wir ein gewisses Zeitfenster, um das globale Geo-Engineering zu verhindern – durch wirksame Aufklärung über dessen Folgen und den gebotenen politischen Widerstand. Um diesen zu organisieren, brauchen wir viel Wissen und vor allem informationelle Autonomie und Freiheit, also eine Welt ohne planetarischen Datenklau durch die fünf Geheimdienste. Was die sechs Geheimdienste der lateinamerikanischen Militärdiktaturen gemeinsam mit der CIA in den 1960er und 1970er Jahren mit ihrem „Kampf gegen den Terror“ an Menschenrechtsverletzungen angerichtet haben, sollte uns ein halbes Jahrhundert später eine Lehre sein.


[1] Vgl. Will Steffen u.a., The Anthropocene: From Global Change to Planetary Stewardship, in: „AMBIO“, 40/2011, S. 739-761, Royal Swedish Academy of Sciences 2011 (www.kva.se/en).

[2] Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt a. M. 1980.

[3] Zit. nach der Tagespresse, hier: „Neues Deutschland“, 25./26.1.2014.

[4] Vgl. Christian Schwägerl, Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Wie wir heute die Welt von morgen erschaffen, München 2010, S. 181 ff.

[5] Hermann Scheer, Der energethische Imperativ. 100% jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist, München 2010.

[6] Richard Heinberg, Peak Everything: Waking Up to the Century of Declines, Island 2007.

[7] Vgl. dazu: Johan Rockström u.a., Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity, in: „Ecology and Society“, 2/2009, www.ecologyandsociety.org.

[8] Nicholas Georgescu-Roegen, The Entropy Law and the Economic Process, Cambridge, Massachusetts 1971; vgl. auch Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf, Grenzen der Globalisierung, Münster 72007.

[9] Vgl. dazu Schwägerl, a.a.O., S. 181 ff.

[10] Daher leitet sich auch die patriarchalische und weiße Vorherrschaft ab.

[11] Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Stuttgart 1984, S. 21.

[12] Kant a.a.O., S. 30.

[13] Vgl. Kenneth E. Boulding, Die Ökonomik des zukünftigen Raumschiffs Erde, in: Sabine Höhler und Fred Luks (Hg.), Beam us up, Boulding! 40 Jahre „Raumschiff Erde“, Vereinigung für Ökologische Ökonomie, Beiträge & Berichte, 7/2006, S. 9-21.

[14] Vgl. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bd., München 2002.

[15] Das Ausmaß der Plünderung wird in dem Bericht an den Club of Rome dokumentiert: Ugo Bardi, Der geplünderte Planet. Die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen, München 2013.

[16] Peter Sloterdijk, Wie groß ist „groß“?, in: Paul J. Crutzen, Mike Davis, Nichael D. Mastrandrea u. a., Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang, Berlin 2011, S. 93-112.

[17] Rolf Peter Sieferle, Der unterirdische Wald. Energiekrise und industrielle Revolution, München 1982.

[18] Kenneth Boulding, a.a.O, S. 12.

[19] Vgl. David Harvey, Der neue Imperialismus, Hamburg 2007.

[20] Vgl. Schwägerl, a.a.O.; Paul J. Crutzen, Mike Davis u.a., Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang, Berlin 2011; Eckart Ehlers, Das Anthropozän. Die Erde im Zeitalter des Menschen, Darmstadt 2008.

(aus: »Blätter« 4/2014, Seite 81-89)
Themen: Technologiepolitik, Datenschutz und Kapitalismus

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