DFB und FIFA: Der verkaufte Fußball | Blätter für deutsche und internationale Politik

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DFB und FIFA: Der verkaufte Fußball

von Thomas Kistner

Die Korruptionsdebatte im Weltfußball hat Mitte Oktober auch Deutschland erreicht. Seither hängt die Frage, ob das Sommermärchen aus dem Jahr 2006 weiter als solches bezeichnet werden darf, nur noch vom Standpunkt des Betrachters ab. Zwar hat das Turnier an sich, bei dem die Nation zur offenbar eigenen Verwunderung in eine weltoffene, entspannte Gastgeberrolle fand, wenig zu tun mit den fragwürdigen Zahlungsvorgängen rund um die deutsche WM-Bewerbung und -Organisation. Andererseits fällt es schwer, das eine vom anderen zu trennen, weshalb die angemessene Antwort eher so lautet: Es liegt ein Schatten auf dem nationalen Freudenfest. Wie groß er ist, wie bedeutend, das wird sich erst im Laufe der Ermittlungen weisen, die ja im Lande und auch außerhalb geführt werden.

Als gesichert erscheint aber: Die einstigen Helden der deutschen Fußballführung, von Franz Beckenbauer über Horst R. Schmidt, lange Jahre die Seele des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), bis Wolfgang Niersbach, den die Affäre schon das DFB-Präsidentenamt gekostet hat – diese Helden haben viel zu verbergen. Dass sie Sinn und Zweck einer Zahlung von 6,7 Mio. Euro, die sie raffiniert verkleidet am damaligen Aufsichtsgremium vorbei in die Schweiz expediert hatten, heute nicht erklären können, ist absurd. 

Der Kaiser als tumber Tor

Das wirkt so unglaubwürdig wie Beckenbauers Versuch, sich in Print- und Funkmedien als eine Art ewig Heranwachsender zu verkaufen – oder sogar: als Trottel der Nation. Er sei vom realen Alltag abgekapselt gewesen – ja, und erst mit Ende fünfzig erwachsen geworden, erzählt der Mann, der den Deutschen seit Dekaden als Fußballkaiser und Lichtgestalt gilt. Erst da habe er angefangen, seine persönlichen Dinge selbst zu regeln. Zuvor habe er stets und alles unterschrieben, was ihm seine Helfer so vorlegten. Möglicherweise auch allerlei dubiose Verträge, und vielleicht auch einen Schuldschein, auf dem er sich persönlich für die Zahlung von zehn Mio. Schweizer Franken für das deutsche WM-Organisationskomitee (WM-OK) verbürgt haben soll.

Zehn Mio. Schweizer Franken: Die wollen die deutschen WM-Organisatoren 2002 an die Fifa überwiesen haben, wobei der damalige Adidas-Eigentümer Robert Louis-Dreyfus als Darlehensgeber fungiert haben soll. Diese Zahlung hätten Vertreter des Fifa-Finanzkomitees um Sepp Blatter gefordert, erzählen Beckenbauer, Niersbach und Co. Als eine Art Vorauszahlung dafür, dass der Weltverband dem WM-Ausrichter Deutschland statt der vorgesehenen 150 Mio. Schweizer Franken Organisationskosten-Zuschuss gleich 100 Mio. mehr bezahlte, nämlich 250 Mio. Franken. Klingt schon diese Story grotesk, wird sie getoppt von der Behauptung, Beckenbauer habe erst erwogen, die zehn Mio. aus seinem Privatvermögen vorzustrecken.

Drei Jahre später, Anno 2005, habe Louis-Dreyfus sein Darlehen zurückverlangt, und das sei dann über die 6,7-Mio.-Zahlung des WM-OK beglichen worden. So lautet sie bisher, die Sommer-Märchengeschichte der in die Bredouille geratenen deutschen Funktionäre. Weil die 6,7 Mio. für andere Dinge eingesetzt worden sind als für den damals fingierten Verwendungszweck – ein WM-Kulturprogramm der Fifa –, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Der DFB befürchtet, das Abenteuer könne ihn die Gemeinnützigkeit für das Jahr 2006 und damit bis zu 25 Mio. Euro kosten; am Ende drohen Verurteilungen und Regressforderungen. 

Abgesehen davon, dass man den allzeit geschäftstüchtigen Beckenbauer und seine knallharten Businessberater gar nicht als altruistische Vereinigung kannte: Die Story vom ahnungslosen Kaiser verfängt nicht. Sie wirkt wie eine von Juristen aufgesetzte Strategie, um möglichen Regressforderungen aus dem Wege zu gehen. Es ist ja, falls es am Ende um die Bewertung eines möglichen Millionenschadens für den DFB geht, ein großer Unterschied, ob einer fahrlässig gehandelt hat oder mit Vorsatz, sei er auch nur bedingt. Und wenn in einem Millionen-Geschacher eine bestimmte Strategie als juristisch nutzbringend erscheint, dann schluckt wohl mancher die Kröte und präsentiert sich der Öffentlichkeit gezielt als tumber Tor. 

Industriesparte Profifußball

Wahr ist allerdings auch: Zum Erfolg in der Industriesparte Profifußball führen oft nur noch krumme Deals. Sie sind nahezu unvermeidlich in der diskreten Wirtschaftswelt des Sports, der autonom ist und sich selbst kontrollieren darf. Und der bezahlte Fußball hat in der öffentlichen Wahrnehmung wie in der gesellschaftlichen Bedeutung religiöse Höhen erreicht. Heute stehen alle WM-Vergaben seit dem Turnier in Frankreich 1998 unter massivem Korruptionsverdacht, auf allen Kontinenten wird ermittelt. Aus dieser Perspektive verbietet einem schon der gesunde Menschenverstand die Hoffnung, dass die korrupten Vorständler im Weltverband Fifa ausgerechnet damals, im Juli 2000, eine Ausnahme für Deutschland gemacht haben könnten. Dass also Leute, die in ihrem eigenen Fifa-Bereicherungssystem zu Multimillionären wurden, plötzlich innegehalten haben sollen und den Deutschen die WM 2006 auf dem Silbertablett überreichten. Weil die Deutschen so – ja, warum eigentlich hätten sie das tun sollen?

Weil man die armen Deutschen nicht ausplündern wollte? Weil man unbedingt in ein Land gehen wollte, das vergleichsweise über Transparenz und eine gewisse Finanzkontrolle verfügt? Oder, noch ein wunderbares Märchen, weil Beckenbauer hingebungsvoll Golf gespielt hat bei seinen Reklamereisen als Chef der deutschen Werbekampagne rund um den Globus? Wer das glaubt, darf auch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. 

Im Sumpf der Vetternwirtschaft

Bei den Menschen in diesem fußballverrückten Land muss die Erkenntnis erst ihre volle Wucht entfalten, dass deutsche Fußballfunktionäre eben kein Jota besser sind als ihre durchtriebenen Sportskameraden aus anderen Teilen der Welt.

Dabei war jetzt ein idealer Zeitpunkt gekommen: Jetzt hätte sie anbrechen können, die größte Zeit des deutschen Fußballs. Der DFB, der größte unter den Nationalverbänden der Welt mit seinen gut sieben Millionen organisierten Mitgliedern, er hätte in das ethische Vakuum stoßen können, das über der beliebtesten Sportart des Planeten klafft. Denn seit die amerikanischen Justizbehörden ein umfassendes Ermittlungsverfahren gegen hohe Vertreter der globalen Fußballfamilie losgetreten und dies mit spektakulären Verhaftungen im Züricher Nobelhotel Baur au Lac im Mai und im Dezember 2015 der Weltöffentlichkeit präsentiert hatten, versinkt ein Fifa-Patron nach dem anderen im Sumpf der Vetternwirtschaft. Das Ganze gipfelte in Suspendierungen für Fifa-Präsident Sepp Blatter und seinen Amtskollegen an der Spitze der Europäischen Fußballunion (Uefa), Michel Platini. Die Ethikkommission der Fifa machte den beiden den Prozess, nachdem bei Ermittlungen der Berner Bundesanwaltschaft eine Zahlung von zwei Mio. Schweizer Franken aufgeflogen war, die Blatters Fifa im Februar 2011 an Platini geleistet hatte. In die Ecke gedrängt, bezeichneten die beiden den Millionentransfer als Nachzahlung für eine Beratertätigkeit, die Platini von 1998 bis Ende 2001 in der Fifa ausgeübt hatte. Doch das Geld war nie in den Fifa-Büchern vermerkt worden, überdies war Platini nur Wochen nach der Zahlung in die Rolle des engagierten Wahlkampfhelfers für Blatter geschlüpft, der sich damals eines mächtigen Thron-Herausforderers erwehren musste, des Katarers Mohamed Bin Hammam.

Nun gehen die beiden mächtigsten Fußballfunktionäre in einem der trüben Geldflüsse unter, die das Fundament der Fifa unterspült haben. Und während die Ermittlungen gerade erst Fahrt aufnehmen – allein elf Terrabyte polizeilich beschlagnahmter Daten aus dem Züricher Fifa-Hauptquartier warten auf Auswertung – driften Fifa und Uefa führungslos dahin. Schwer belastet sind auch viele potentielle Nachfolger für Blatter und Platini, Funktionäre aus Asien, Afrika und Europa. Komplett im Netz der US-Justiz hängt das Spitzenpersonal der Erdteilverbände Nord- und Südamerikas. Und wenn am 26. Februar 2016 bei einem Fifa-Sonderkongress ein neuer Präsident gewählt wird, dürfte das Amt auf einen gewissen Scheich Salman al Khalifa aus dem Fußball-Zwergstaat Bahrain hinauslaufen. Salman ist Mitglied der dortigen Königsfamilie; Menschenrechtsorganisationen legen dar, er habe 2011 mitgewirkt bei der blutigen Niederschlagung der demokratischen Proteste im Land, bei der auch Sportler inhaftiert und gefoltert wurden – was der Scheich bestreitet. Ist er erst der neue Fifa-Boss, wird das Thema Brisanz erlangen. 

Der Weltfußball bräuchte nun seriöse Führung. Es bräuchte ordnende Kräfte in einem Sport, mit dem Milliarden umgesetzt werden, dem es aber auch immer wieder gelingt, die Menschen zusammenzuführen. Hier hätten die Deutschen gefragt sein können, die ja nicht nur mit der aktuellen Weltmeistergeneration ausgestattet sind, sondern auch mit jeder Menge Kickerlegenden – und bis vor kurzem mit einer Lichtgestalt. Der DFB hätte jetzt Zukunftspläne präsentieren können und Personen, die sie umsetzen. Er hätte Allianzen mit den verbliebenen Anständigen schmieden müssen, vielleicht gibt es die ja noch in dieser Sumpflandschaft. Hätte, könnte, wäre.

Der gute Freund Jack Warner

Stattdessen rudert der DFB im eigenen Sumpf, und im Weltfußball sind die nächsten Skandale bereits abzusehen.

Etwa, wenn Jack Warner in die USA ausgeliefert worden ist. Der Funktionär von der Karibikinsel Trinidad und Tobago ist eine der schillerndsten Skandalnudeln des Weltverbandes, er hat sich so ziemlich alles in seine weiten Taschen gestopft, was das Fifa-Portfolio zu bieten hat: Fernseh- und Marketingrechte, Ticketverkäufe und WM-Vergaben. Weshalb es nicht verwundert, dass dieser Jack Warner auch in der Sommermärchen-Affäre als ein möglicher Adressat der mysteriösen Zahlungen von deutscher Seite gilt. Und ja: Auch der im Mark korrupte Warner ist einer von denen, die Deutschlands WM-Betreiber zu ihren besten Freunden zählten. Vier Tage vor der WM-Vergabe hatte Beckenbauer mit Warner einen Vertrag unterzeichnet, der nicht in Kraft getreten sein soll, dem karibischen Fifa-Granden aber neben Freundschaftsspielen und Entwicklungshilfen auch persönlich WM-Tickets zugesichert haben soll. WM-Tickets sind bares Geld. Für die Interimsführung des DFB, Rainer Koch und Reinhard Rauball, stellt diese Vereinbarung eine korrupte Verabredung dar. Hatte Bewerberchef Beckenbauer kurz vor der WM-Vergabe nichts Wichtigeres zu tun, als sich um den Breitensport auf Tobago zu kümmern?

Blatters Giftschrank

Das Mysterium um den Verbleib der zehn Mio. Franken, die die deutschen Organisatoren 2002 an das Fifa-Finanzkomitee gezahlt haben wollen – es erklärt zumindest, warum Deutschlands Funktionäre bis in den Untergang auf Kuschelkurs blieben mit dem fallenden Fifa-Patron Sepp Blatter und Konsorten: Sie haben all die Zeit vor Enthüllungen gezittert.

Sie wussten, dass im Bauch des havarierenden Tankers Fifa allerlei Torpedos liegen und genug Spezialisten unterwegs sind, die sie scharfmachen können. Allen voran Blatter, dem insbesondere Beckenbauer bis zuletzt Girlanden band, und von dem wohl auch künftig noch die größte Gefahr ausgeht: die Enttarnung der wahren Fifa-Korruptionsgeschichte. Sie lagert im Giftschrank dieses alten Mannes, der bald für immer aus dem Fußball verbannt wird und dann nichts mehr zu verlieren hat.

Und dann ist da noch Theo Zwanziger, der von den anderen Mitwissern seit 2012 Auskunft begehrt hatte, ob die 6,7 Mio. Euro im Jahr 2005 aus dem WM-Organisationskomitee in eine schwarze Kasse geflossen sind. Jetzt ist wohl nur noch zu klären, in welche. Dass sie aber in Blatters Dickicht verborgen war, wird immer deutlicher. Die renommiertesten Fußballsachwalter des Landes haben sich offenkundig in den Dienst einer liederlichen Sache gestellt. 

Alles muss ans Licht. War es wirklich nur die Hoffnung auf Zuschüsse, die die reichen Deutschen dazu trieb, Kopf und Kragen für krumme Deals zu riskieren? Oder gab es ein Druckmittel, das Blatter damals gegen sie besaß – eines, das mit der WM-Vergabe 2006 zu tun hat? Immer wieder hat er solche Drohungen ausgestoßen, hat an die seltsamen Umstände dieser Wahl erinnert. Er selbst war damals ja kein Deutschland-Wähler, er war mit Südafrika im Bunde, das am Ende mit 11:12 Stimmen unterlag. Ihn schert es nicht, dass er kaum einen loyaleren Verband als den DFB hatte und keinen treueren Sponsor als Adidas.

Mafiöse Abgründe

Deshalb ist sie an einigen Stellen schon heute neu zu schreiben, die Historie des Sommermärchens. Diese Aufgabe ist Staatsanwälten in Frankfurt und der Schweiz vorbehalten. Sie fahnden nach jenem „Fehler“ der Deutschen, den Beckenbauer bereits öffentlich eingestanden hat. Solange die Millionenfrage ungeklärt ist, bleibt der deutsche Sport erkennbar beschränkt in seiner Handlungsfähigkeit. Die Affäre lähmt fast alle Aktivitäten – das war zuletzt bei der Abstimmung in Hamburg über eine Olympiabewerbung 2024 zu spüren.

Die Menschen ahnen, dass es in der Scheinwelt des Sports mafiöse Abgründe gibt. Sie wollen insbesondere mit diesen Funktionären nichts zu tun haben, schon gar nicht Geschäfte mit ihnen machen.

Es wäre aber absurd, so zu tun, als hätte nur der Fußball ein Strukturproblem. Auch die olympische Welt pflegt die Selbstkontrolle, geheime Voten, stille Deals, Knebelverträge. In diesen Welten kandidieren die Deutschen noch um ein weiteres Großereignis, auch das soll 2024 stattfinden: die Fußball-EM.

Aber das ist jetzt schon ein Problem: Wie will man seriös Zustimmung sammeln – wenn man fast keine Autorität mehr hat?

(aus: »Blätter« 1/2016, Seite 25-28)
Themen: Sport, Korruption und Wirtschaft

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