Ausgabe April 2017

Zeitenwende oder: Zeit für eine Wende der Linken

Bild: »Der Holzarbeiter« von Wilhelm Morgen, 1911

Der Brexit, die Präsidentschaft von Donald Trump in den USA und der Aufstieg nationalistischer Parteien in Europa signalisieren unabweisbar eine Zeitenwende. Der fragile, durch eine lange Periode sozialer Auseinandersetzungen erkämpfte Zusammenhang von Kapitalismus und Demokratie, wie er für die Nachkriegsjahrzehnte kennzeichnend war, ist zerbrochen. Hinter der Fassade der deutschen Wirtschaftsdaten ist der Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung unübersehbar. Einst verlässliche Normen und Institutionen haben an Substanz und Legitimität eingebüßt. Wir stehen damit nicht bloß partiellen Funktionsstörungen gegenüber, sondern einer Systemkrise.

Daher wachsen Ungewissheit und Orientierungslosigkeit. Das aber macht Nationalismus und die Abwehr von „Fremden“ für viele wieder anziehend: Es sind rückwärtsgewandte Reaktionen, nachdem Zukunftsversprechen nicht einmal mehr angeboten werden. Doch das „Volk“, das die Rechte beschwört, hat es nie gegeben. Es konstituiert sich erst durch die Setzung des „Fremden“ als Feind und die Entgegensetzung von „Volk“ und politischem Establishment.

Dabei sind es vor allem Verlusterfahrungen, die den Nährboden für den Aufstieg der Nationalisten bilden. Zentral ist ein dreifacher Verlust – von Kontrolle, Perspektiven und Traditionen.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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