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Spekulationsbitcoins ohne gesamtwirtschaftliche Realität

von Rudolf Hickel

Wenn derzeit überhaupt eine Geldanlage hohe Renditen abwirft, dann ist es Bitcoin. In den vergangenen 12 Monaten hat sich der Preis für die Kryptowährung etwa verzehnfacht. Und bei Anlegern ist die Hoffnung groß, dass der rasante Kursanstieg sich auch im kommenden Jahr fortsetzt. Die ökonomischen und politischen Gefahren des digitalen Goldrauschs legen im Folgenden Rudolf Hickel und Daniel Leisegang dar.

Das digitale Zeitalter macht auch vor einem bisher strengstens regulierten Bereich nicht halt: dem Geld. „Bitcoin“ steht für einen gewaltigen Hype und ist zugleich der Platzhirsch unter den bereits über 1200 Digitalwährungen.[1] Sie alle eint die Kampfansage an das herrschende, über Notenbanken gesteuerte Geldsystem.

Orientiert sich die staatlich garantierte Geldversorgung der Wirtschaft am Ziel eines inflationsfreien Wachstums, so wollen die dezentralen, komplett anonymen Kryptowährungen jede zielorientierte monetäre Steuerung vermeiden. Überdies operieren sie alle ohne jeglichen Bezug zur realökonomischen Wertschöpfung. Das auf Computern mit entsprechender Software hin und her geschobene und selbst erzeugbare Geld bleibt rein virtuell. Einzig und allein das Vertrauen in die jeweilige Digitalwährung zählt.

Dennoch verfügt derzeit vor allem Bitcoin über zwei klassische Geldfunktionen: Erstens dient die Währung als Zahlungsmittel für den Kauf und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen. Zweitens wird Bitcoin als Anlagevermögen genutzt, mit dem seine Besitzer spekulieren.

Der Preis von Bitcoins ist der Devisenkurs, der beim Umtausch in offiziell-staatliche Währungen gilt. Dieser Wechselkurs verleiht der eigentlich substanzlosen Währung über die Devisenmärkte einen Marktwert. Spekuliert wird auf Gewinne durch den späteren Verkauf der heute preiswerter eingekauften Bitcoins.

Im längerfristigen Trend hat das Spekulationsinteresse den Marktwert dieser Digitalwährung seit ihrer Einführung 2009 enorm nach oben getrieben: Wer Ende Oktober 2016 einen Bitcoin für rund 650 Euro kaufte, konnte diesen genau ein Jahr später für knapp 5000 Euro verkaufen – eine Steigerung von sage und schreibe 665 Prozent. Mitte November dieses Jahres stieg der Kurs bereits auf über 8000 Euro an.

Dezentrales Buchungssystem

Wie funktioniert die Bitcoin-Währung aus technischer Sicht? Die Basis von Kryptowährungen bildet ein weltweit verbreitetes dezentrales Netzwerk zur Erfassung und Abwicklung sämtlicher Zahlungsvorgänge. Es handelt sich um eine Art digitales Buchführungssystem. Darin werden die Daten der Transaktionen zu Blöcken zusammengefasst und in chronologischer Reihenfolge gespeichert („Blockchain“).

Im Kern ist Bitcoin eine Peer-to-Peer-Währung. Das bedeutet, dass sich elektronische Zahlungen von einer Partei an die andere ohne zwischengeschaltete Geschäftsbanken durchführen lassen. Dabei garantiert die Verschlüsselung der elektronischen Datensätze dem Eigentümer von Bitcoins sowie Empfängern und Zahlern Anonymität. Für die Transaktionen nutzen die Anwenderinnen und Anwender digitale Geldbörsen – sogenannte Wallets.

Mit viel Aufwand lassen sich in diesem System auch Bitcoins neu generieren. Dazu nutzen sogenannte Miner spezielle Hochleistungsrechner. Diese führen aufwändige mathematische Berechnungen durch, die in Auftrag gegebene Bitcoin-Zahlungen für gültig erklären. Dabei ist die Kapazität der Geldschaffung durch die mit der Zeit immer schwieriger zu beherrschende Software begrenzt. Ein ins System fest eingebauter Algorithmus sorgt außerdem dafür, dass sich die Zahl der neu erzeugbaren Bitcoins alle vier Jahre halbiert. Seit dem vergangenen Jahr lassen sich mit jedem neu hinzugefügten Block nur noch 12,5 statt 25 Bitcoins generieren.

Nach dem derzeitigen Stand des programmierten Systems können die Miner im Bitcoin-Netzwerk bis 2030 insgesamt nur 21 Mio. Bitcoins schürfen. Schon jetzt existieren rund 16,7 Mio. Einheiten.

Billig, schnell, anonym

Die Vorteile der Digitalwährung liegen auf der Hand: Transaktionen sind gegenüber den üblichen Bankgebühren günstiger, sie erfolgen weltweit innerhalb weniger Minuten und sind vor allem anonym. Für jede Transaktion ist eine vergleichsweise niedrige Gebühr vorgesehen. Zahlen die Nutzer freiwillig einen höheren Preis, wird ihre Transaktion gegenüber anderen bevorzugt. Die Gebühr wird den Minern gutgeschrieben.

Diesen individuellen Vorteilen stehen jedoch massive gesellschaftliche Risiken gegenüber. So lässt die Anonymität die Finanzierung von kriminellen Geschäften wie Drogen- und Waffenhandel sowie des Terrorismus’ zu. Bitcoins sind zudem die Kryptowährung der Wahl bei der Steuerhinterziehung und im sogenannten Darknet.

Aber auch Hackerangriffe auf die digitalen Währungen haben immer wieder Erfolg. Allein im August 2016 haben Hacker Bitcoins mit einem Marktwert von 58 Mio. Euro gestohlen. In China wiederum führt die Anonymität zu ganz anderen Problemen: Die Kryptowährung expandiert dort massiv, da sich durch die Anonymisierung Vermögen an der staatlichen Aufsicht vorbei ins Ausland transferieren und sich somit Kapitalverkehrskontrollen umgehen lassen. Deshalb erhöht die chinesische Regierung derzeit massiv den Druck auf Bitcoin-Handelsplattformen im eigenen Land. 

Ein weiterer angeblicher Vorteil der Kryptowährung erweist sich bei näherer Betrachtung als Schwachstelle. So wird von den Befürwortern immer wieder die begrenzte Geldmenge im Bitcoin-Netzwerk hervorgehoben. Damit soll Inflation ausgeschlossen werden. Doch die Behauptung, Bitcoins würden Inflationsrisiken minimieren, belegt lediglich die makroökonomische Inkompetenz der Community. Ihre Argumentation erinnert an die angeblichen Vorzüge der Goldwährung. Mit dieser würde die Finanzierung der wachsenden Wirtschaft tatsächlich jedoch behindert, da Goldbestände nun einmal begrenzt sind. Ein modernes, leistungsfähiges Geldsystem muss hingegen die Geldnachfrage bedienen, die für ein angemessenes Wirtschaftswachstum ohne strukturelle Inflation nun einmal erforderlich ist. Die Geldversorgung auf dieses Ziel auszusteuern, ist die anspruchsvolle Aufgabe der Notenbanken. Wäre hingegen Bitcoin das Weltwährungssystem, wären Deflation und ökonomischer Niedergang mangels ausreichendem Geldangebot unvermeidbar. Das ist der Preis, der für die Ideologie des staatsfreien Individuums ohne Notenbankmonopol bezahlt werden müsste.

Hände weg vom Spekulationsobjekt Bitcoin!

Von einer solchen beherrschenden Stellung des Bitcoins sind wir zum Glück weit entfernt. In absehbarer Zeit wird diese Kryptowährung für den Kauf von Gütern und Dienstleistungen eine vergleichsweise geringe Rolle spielen.

Für den renditehungrigen Anleger ist allerdings ein neues Zockerinstrument geschaffen worden. Die Anleger setzen auf Spekulationsgewinne durch steigende Umtauschkurse der Bitcoin-Währung gegenüber den offiziell regulierten Staatswährungen. Getrieben wird das Geschäft durch die Bitcoin-Broker, die am Ende satte Gewinne aus der Differenz der Einkaufs- und Verkaufskurse, den sogenannten Spreads, erzielen. Vor den wenig transparenten und oftmals unterschiedlichen Gebühren sowie Provisionen der verschiedenen Handelsplattformen sei der Bitcoin-Spekulant jedoch gewarnt.

Denn wer mit Bitcoins spekuliert, sollte wissen, dass der seit dem Start 2009 im Trend steigende Kurs kurzfristig immer wieder durch heftige Schwankungen geprägt ist. Allein in den vergangenen fünf Monaten verzeichnete der Bitcoin-Kurs drei deutliche Einbrüche. So verlor er beispielsweise am zweiten Oktoberwochenende, just als er ein Rekordhoch von 7900 US-Dollar pro Bitcoin verzeichnete, innerhalb weniger Stunden über ein Viertel seines Werts. Verantwortlich dafür waren die Zweifel der Nutzerinnen und Nutzer an der längerfristigen Stabilität der Währung angesichts eines wachsenden Regulierungsdrucks. Auch kriminelle Machenschaften innerhalb des Netzwerks sowie der Streit der Macher über eine beschleunigte Transaktionsgeschwindigkeit und Reduzierung der Transaktionskosten erschütterten das Vertrauen der Anlegerinnen und Anleger.

Das allein lässt eines deutlich erkennen: In der virtuellen Welt des Geldes wächst derzeit eine Spekulationsblase heran. Wenn die spekulativ nach oben getriebenen Umtauschkurse einbrechen, dann fällt auch das ohnehin fragile Vertrauen in die Währung in sich zusammen. Der Umtausch der Bitcoins in offizielle Währungen würde damit unweigerlich zu erheblichen Verlusten bei den Bitcoin-Besitzern führen. Und auch die offizielle Anerkennung der Digitalwährung als unkontrolliertes Zahlungsmittel wäre damit obsolet.

Aus finanzpolitischer Sicht wäre dies allerdings nicht allzu bedauerlich: Weil es bei Kryptowährungen keinerlei Möglichkeit gibt, mit denen sich Geldangebot und -nachfrage steuern ließen, machen Bitcoins die Finanzwelt noch instabiler und krisenanfälliger, als sie ohnehin ist – zu Lasten der Realwirtschaft. Diese erkennbaren Risiken und Fehlentwicklungen rufen heute schon die Finanzaufsichten zahlreicher Staaten in aller Welt auf den Plan. Ob sie den Hype jedoch stoppen können, ist derzeit überaus fraglich. Kryptowährungen wie Bitcoin lassen sich wegen ihrer dezentralen Netzwerkstruktur, welche die Daten auf abertausende Computer verteilt, ebenso wenig verbieten wie das Internet als solches.

Umso wichtiger ist die deutliche Warnung an die Verbraucher, sich von dem Handel mit diesen hochriskanten und gefährlichen Spektulationsobjekten fernzuhalten. Sollten jedoch ungeachtet dessen weitere Blasen drohen, dann bleibt am Ende nur noch eines zu tun: Die Regierungen müssen den Umtausch von Bitcoins in staatliche gesicherte Währungen wie dem Euro oder dem US-Dollar schlichtweg untersagen.


[1] Andere Währungen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen, sind Ethereum, Litecoin und Ripple. Bitcoin ist allerdings die bekannteste von ihnen und verfügt über einen Marktanteil von knapp 80 Prozent.

(aus: »Blätter« 12/2017, Seite 87-90)
Themen: Wirtschaft, Globalisierung und Technologiepolitik

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