Wie Donald Trump lernte, Russland zu lieben | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Wie Donald Trump lernte, Russland zu lieben

Deals und Seilschaften aus den Zeiten der Schocktherapie

von James S. Henry

„Sag' mir, mit wem du gehst, und ich sag‘ dir, wer du bist“ – Cervantes

„Ich war immer mit einer Art von Intuition über Menschen gesegnet, die mir erlaubt zu spüren, wer die schmierigen Typen sind, und ich halte mich von ihnen weit entfernt.“ – Donald Trump, „Surviving at the Top“

Schon vor der Wahl am 8. November 2016 forderten viele führende Demokraten lautstark, dass das FBI die Ergebnisse seiner Ermittlungen zu von Putin unterstützten russischen Hackern offenlegen solle. Stattdessen beschloss FBI-Direktor Comey, seine zombiehafte Ermittlung zu Hillarys E-Mails vorübergehend wiederzubeleben. Gut möglich, dass diese Entscheidung einen wichtigen Einfluss auf die Wahl hatte, aber sie trug nichts dazu bei, die Vorwürfe gegen Putin aufzuklären. Selbst jetzt, nachdem die CIA eine Zusammenfassung ihrer eigenen noch geheimen Ermittlungen veröffentlicht hat, ist festzuhalten, dass uns das Äquivalent eines rauchenden Colts im Cyberspace immer noch fehlt.

Glücklicherweise gibt es jedoch für diejenigen von uns, die irritiert über Trumps russische Verbindungen sind, ein anderes, leicht zugängliches Corpus an Material, das bislang überraschend wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Dieses deutet darauf hin, dass, wie auch immer die Natur der Beziehung zwischen dem neuen Präsidenten Trump und Präsident Putin sein mag, es Trump sicherlich gelungen ist, direkte und indirekte Verbindungen aufzubauen – und zwar mit einem weitreichenden privaten Netzwerk von offensichtlichen Mafiosi, Oligarchen, Betrügern und Kleptokraten in Russland und auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Jede einzelne dieser Verbindungen könnte zufällig zustande gekommen sein. Aber das Gesamtbild ergibt eine wahre „Star Wars“-Barszene von zwielichtigen Charakteren, in der Donald Trump genau in der Mitte sitzt. Die analytische Herausforderung besteht darin, dieses Netzwerk abzubilden – eine Aufgabe, der sich die meisten Journalisten und Strafverfolgungsbehörden, die sich auf einzelne Fälle konzentrierten, nicht gewidmet haben.

Dieses Netzwerk als „privat“ zu bezeichnen, mag natürlich nicht ganz zutreffend sein, angesichts der Tatsache, dass in Putins Russland auch die hartgesottensten Mafiosi auf die harte Tour lernen, eine respektvolle Beziehung zum „Neuen Zaren“ zu unterhalten. Aber hier bezieht sich die zentrale Frage auf unseren neuen Zaren. Wusste das amerikanische Volk wirklich, dass es so einen „gut vernetzten“ Typen ins Weiße Haus schickte?

Das große Bild: Kleptokratie und Kapitalflucht

Ein paar von Donald Trumps Verbindungen zu Oligarchen und verschiedenen Gangstern haben bereits sporadische Presseaufmerksamkeit gefunden – zum Beispiel die gemeldete Beziehung des ehemaligen Trump-Wahlkampfmanagers Paul Manafort zum exilierten ukrainischen Oligarchen Dimitri Firtasch. Aber niemand hat die Verbindungen insgesamt analysiert, um noch mehr Beziehungen zu identifizieren, und ein Gesamtbild entwickelt.

Niemand hat diese Fälle auch zu einer der wichtigsten Tatsachen über das moderne Russland in Beziehung gesetzt: seinem Aufstieg seit den 1990er Jahren zu einer Kleptokratie der Weltklasse – als Quelle von schwarzem Kapital und Beute lediglich noch übertroffen von China, mit einem Netto-offshore-Fluchtkapital von 1,3 Billionen US-Dollar (Stand 2016).

Diese Flutwelle an illegalem Kapital ist kaum Putins Werk allein. Vielmehr ist sie ein Symptom eines der gravierendsten Versagen der modernen politischen Ökonomie – eines, für das der Westen einen großen Teil der Verantwortung trägt. Das Versagen nämlich, dafür zu sorgen, dass sich in Russland, nach dem Kollaps der Sowjetunion Ende der 1980er Jahre, eine starke Mittelschicht als Basis der wirtschaftlichen und politischen Ordnung herausbilden konnte, wie sie notwendig ist für einen demokratischen Kapitalismus, Rechtsstaatlichkeit sowie stabile und friedliche Beziehungen zu den Nachbarstaaten. Stattdessen betrieben und finanzierten der Westen im Allgemeinen und das US-Finanzministerium, USAID (die United States Agency for International Development), das US-Außenministerium, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sowie viele führende Ökonomen im Besonderen einen der größten Transfers von öffentlichem Eigentum in private Hände, den die Welt je gesehen hat.

Russlands „Gutschein-Privatisierungsprogramm“ von 1992 beispielsweise erlaubte einer winzigen Elite früherer Manager staatlicher Unternehmen und Partei-Apparatschiks, die Kontrolle über eine große Anzahl von öffentlichen Unternehmen zu erwerben, oft mit Hilfe von richtigen Mafiosi. Eine Mehrheitsbeteiligung an Gazprom, dem staatlichen Energieunternehmen, das ein Drittel der weltweiten Gasreserven kontrollierte, wurde für 230 Mio. US-Dollar verkauft; Russlands gesamtes nationales Stromnetz wurde für 630 Mio. Dollar privatisiert; ZIL, Russlands größter Autohersteller, ging für etwa vier Mio. Dollar über den Tisch; Häfen, Schiffe, Öl, Eisen und Stahl, Aluminium, viele der High-Tech-Waffen- und Luftfahrtunternehmen, die größten Diamantenminen der Welt und ein Großteil des russischen Bankensystems wurden ebenfalls zu Schnäppchenpreisen verscherbelt. Die Hauptnutznießer dieser Privatisierung – tatsächlich: dieser Kartellisierung – waren anfangs lediglich etwa 25 aufstrebende Oligarchen, die über die Insiderverbindungen verfügten, um diese Vermögenswerte erwerben zu können, und über die Ressourcen, sie zu halten. Zu den wenigen Glücklichen, die bei diesem Hauen und Stechen zu persönlichem Reichtum gelangten, im Grunde den ersten der neuen Kleptokraten, zählten nicht nur zahlreiche russische Offizielle, sondern auch führende Gringo-Investoren und -Berater, Harvard-Professoren, USAID-Berater und Banker von Credit Suisse First Boston und anderen Wall-Street-Investmentbanken. Wie der renommierte Entwicklungsökonom Alexander Gerschenkron, eine Autorität für die russische Entwicklung, einmal sagte: „Wenn wir in Wien wären, hätten wir gesagt: ‚Wir wünschen, wir könnten es auf dem Klavier spielen!‘“

Lieber Diktatur als Chaos: Russland und die große Depression der 1990er Jahre

Für die riesige Mehrheit der einfachen russischen Bürger ging diese extreme Wieder-Konzentration von Reichtum mit einer voll ausgeprägten Depression des Typs der 1930er Jahre einher, einem durch die Schocktherapie ausgelösten Anstieg des inländischen Preisniveaus, der die privaten Ersparnisse von Millionen auslöschte, zügelloser Gesetzlosigkeit, einer öffentlichen Gesundheitskrise und einem starken Rückgang der Lebenserwartung und der Geburtenraten. Traurigerweise wurde dieses neoliberale Politikpaket von „Marktreformen“, das von 1992 bis Ende 1998 in einem geradezu stalinistischen Tempo eingeführt wurde, nicht nur von hochrangigen Angehörigen der Clinton-Regierung, neoliberalen Ökonomen und unzähligen USAID-, Weltbank- und IWF-Mitarbeitern gebilligt, sondern teilweise gar entworfen und finanziert. Die wenigen abweichenden Stimmen schlossen einige der besten ökonomischen Denker des Westens ein – Nobelpreisträger wie James Tobin, Kenneth Arrow, Lawrence Klein und Joseph Stiglitz. Dazu gehörte auch Sergej Glasjew von der Moskauer Universität, der jetzt Präsident Putin als Chefwirtschaftsberater dient. Leider waren diese wissenschaftlichen Koryphäen für die Leute mit dem Geld kein ebenbürtiger Gegner.

Es gab auch eine wichtige politische Intervention in die russische Politik. Im Januar 1996 traf ein geheimes Team von professionellen amerikanischen Politikberatern in Moskau ein, um festzustellen, dass, wie CNN es damals formulierte, „das Einzige, was die Wähler weniger mögen als Boris Jelzin, die Aussicht auf Aufruhr war“. Die Lösung der Experten war eine der frühesten „Unsere Marke heißt Krise“-Kampagnenstrategien, in der Jelzin als die einzige Alternative zum „Chaos“ hingestellt wurde. Um ihn zu unterstützen, brachte sich auch der Internationale Währungsfonds mit neuen Krediten in Höhe von 10,1 Mrd. Dollar ein, zusätzlich zu denen in Höhe von 17,3 Mrd., die der Währungsfonds und die Weltbank bereits ausgereicht hatten.

Mit dieser ganzen Hilfe von außen sowie reichlichen Spenden von Russlands neuer Elite gelang Jelzin ein Sieg über den Kandidaten der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, mit 54 zu 41 Prozent in der zweiten Runde der Wahlen im Juli 1996 – obwohl seine Zustimmungsrate noch im Januar 1996 in Meinungsumfragen bei gerade einmal acht Prozent gelegen hatte. Mainstream-Medien wie „Time“ und die „New York Times“ waren damals über Jelzins Sieg hocherfreut. Nur sehr wenige außerhalb Russlands hinterfragten die Weisheit dieser eklatanten Intervention in die erste demokratische Wahl des postsowjetischen Russlands oder das Recht des Westens, dies zum Selbstschutz zu tun.

Bis Ende der 1990er Jahre hatte das Chaos, das aus der verworrenen Politik Jelzins resultierte, die Grundlagen für eine ausgeprägte Konterrevolution gelegt, darunter den Aufstieg des Ex-KGB-Offiziers Putin und eine massive Kapitalflucht der Oligarchen, die praktisch bis heute anhält. Für gewöhnliche Russen war es, wie erwähnt, eine Katastrophe. Für viele Banken, Privatbankiers, Hedgefonds, Anwaltskanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, für führende Ölkonzerne wie ExxonMobil und BP sowie für kapitalhungrige Schuldner wie die Trump Organization aber war die Chance, sich an der postsowjetischen Beute zu nähren, ein Gottesgeschenk. Es war Geierkapitalismus vom Schlimmsten.

Phönix Trump: Der Aufstieg nach den Pleiten

Donald Trump, der Mann mit den neun Leben, hatte zu diesem Zeitpunkt gerade eine Serie von sechs aufeinanderfolgenden Bankrotten erlebt. Doch die massiven Abflüsse von Schwarzkapital aus Russland und ölreichen GUS-Staaten wie Kasachstan und Aserbaidschan ab Mitte der 1990er Jahre sorgten genau für die Art von wenig wählerischen Investoren, auf die er angewiesen war. Diese Abflüsse kamen genau zur richtigen Zeit, um mehrere von Trumps hochriskanten Immobilien- und Casinoprojekten in der Zeit nach dem Jahr 2000 zu finanzieren – von denen die meisten scheiterten. Der Sohn des neuen Präsidenten, Donald Trump Jr., seinerzeit Vizepräsident der Trump Organization und dort für Entwicklung und Akquisitionen zuständig, erklärte auf der „Bridging U.S. and Emerging Markets Real Estate“-Konferenz in Manhattan im September 2008 (auf der Grundlage, wie er sagte, von „einem halben Dutzend Reisen nach Russland in 18 Monaten“): „In Bezug auf Investitionen in High-End-Produkte in den Vereinigten Staaten machen die Russen einen ziemlich unverhältnismäßigen Anteil unserer Vermögenswerte aus; etwa in Dubai, und sicherlich bei unserem Projekt in SoHo und überall in New York. Wir sehen viel Geld aus Russland hereinströmen.“

All dies hilft, eines der faszinierendsten Rätsel von Donald Trumps langer, turbulenter Geschäftskarriere zu erklären: wie er es geschafft hat, sie weiter zu finanzieren trotz einer kläglichen Bilanz von gescheiterten Projekten.

Laut der „offiziellen Geschichte“ war dies einfach einer Kombination von brillantem Deal-Making, Trumps vergoldeter Marke und rohen tierischen Instinkten geschuldet – mit kreativer Steuervermeidung in Höhe von 916 Mio. Dollar als Krönung. Aber diese offizielle Geschichte ist Humbug. In Wahrheit halfen Trump die reichlichen neuen Quellen von globalem Kapital seit Ende der 1990er Jahre, besonders aus schwächelnden Märkten wie Russland.

Dies deutet darauf hin, dass weder Trump noch Putin aus dem Nichts kamen. Sie sind nicht direkt böse Zwillinge, aber sie sind beide Nebenprodukte der gleichen neoliberalen politischen Betrügereien, die der ums Überleben kämpfenden neuen Demokratie Russlands untergejubelt wurden.

Eine geführte Tour durch Trumps Russland- und GUS-Verbindungen

Der folgende Überblick über Trumps russisch-sowjetische Geschäftsverbindungen basiert auf veröffentlichten Quellen, Interviews mit ehemaligen Polizeikräften und anderen Experten in den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich und Island, Recherchen in Online-Unternehmensregistern und einer detaillierten Analyse von Offshore-Unternehmens-Daten in den Panama Papers. Angesichts des schieren Umfangs von Trumps Aktivitäten gibt es zweifellos auch andere berichtenswerte Fälle, aber unser Interesse gilt den Strukturen.

Festzuhalten ist, dass keine der hier berichteten Aktivitäten und Geschäftsverbindungen notwendigerweise kriminelles Verhalten umfasste. Zwar haben mehrere Schlüsselakteure Vorstrafenregister, aber nur kleine Teile ihrer weit verzweigten Geschäftsaktivitäten sind gründlich untersucht worden, und natürlich verdienen sie alle die Unschuldsvermutung. Darüber hinaus residieren einige dieser Akteure in Ländern, in denen Aktivitäten wie Bestechung, Steuerhinterziehung und andere finanzielle Machenschaften entweder nicht illegal sind oder selten verfolgt werden. Wie der ehemalige britische Schatzkanzler Denis Healey einmal sagte, ist der Unterschied zwischen „legal“ und „illegal“ oft nur „die Breite einer Gefängnismauer“.

Warum also Zeit auf das Sammeln und Überprüfen von Material verwenden, das entweder auf nichts Illegales hindeutet oder in einigen Fällen sogar unmöglich zu verifizieren ist? Weil, so gebe ich zu bedenken, allein die Tatsache, dass solche Behauptungen weit verbreitet sind, ein legitimes öffentliches Interesse begründet. Mit anderen Worten: Wenn es darum geht, die Integrität hochrangiger Regierungsmitglieder zu beurteilen – insbesondere die des mächtigsten Mannes der Welt, des US-Präsidenten –, dann hat die Öffentlichkeit das Recht, über alle relevanten Vorwürfe gegen ihre Geschäftspartner und ihren Umgang informiert zu werden, seien sie wahr, falsch oder, am häufigsten, unbeweisbar. Wichtig ist, dass diese Informationen klar als juristisch unbewiesen gekennzeichnet werden.

Darüber hinaus verfehlt der auf Einzelfälle bezogene Recherche- bzw. Ermittlungsansatz der meisten investigativen Journalisten und der Strafverfolgungsbehörden oft das große Bild: die legalen und illegalen globalen Netzwerke von Einfluss und Finanzen, die unter Geschäftsleuten, Investoren, Kleptokraten, organisierten Kriminellen und Politikern sowie ihren Helfern, Banken, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Anwaltskanzleien und Steueroasen existieren. Jede einzelne Komponente dieser Netzwerke könnte leicht verschwinden, ohne irgendeinen Unterschied zu machen. Die Netzwerke aber leben weiter. Es sind diese schattenhaften transnationalen Netzwerke, die wirklich untersucht werden sollten.

Spektakulär erfolglos – die New Yorker Immobilienentwicklungsgesellschaft Bayrock Group LLC

Wir beginnen unsere Tour durch Trumps Russland- und GUS-Verbindungen mit mehreren Geschäftsbeziehungen, die aus dem seltsamen Fall der Bayrock Group LLC hervorgingen, einer spektakulär erfolglosen New Yorker Immobilienentwicklungsgesellschaft, die in den frühen 2000er Jahren auftauchte und bis 2014 praktisch wieder verschwunden war, abgesehen von ein paar Gerichtsprozessen. Im Jahr 2007 hatten Bayrock und seine Partner laut Berichten mit der Marke Trump versehene Projekte in Höhe von mehr als zwei Mrd. Dollar in Planung. Aber die meisten davon wurden entweder nie realisiert oder grandiose Reinfälle, aus Gründen, die gleich offensichtlich werden.

Zu den Fehlinvestitionen von Bayrock gehörte das 46stöckige Trump SoHo-Eigentumswohnungshotel an der Spring Street in New York City, dessen Hauptentwickler eine Partnerschaft war, die von Bayrock und der FL Group, einer isländischen Investmentfirma, gegründet wurde. Fertiggestellt im Jahr 2010, wurde das SoHo bald Gegenstand von ausgedehnten Zivilprozessen verärgerter Wohnungskäufer. Die Gläubiger machten ihre Hypothekenforderungen geltend, und im Jahr 2014 wurde das Gebäude weiterverkauft, nachdem Anzahlungen von Kunden in Höhe von drei Mio. Dollar erstattet werden mussten. Auf ähnliche Weise wurde Bayrocks Trump International Hotel & Tower in Fort Lauderdale 2012 zwangsvollstreckt und verkauft, während mindestens drei weitere mit der Trump-Marke versehene Immobilien in den USA sowie viele andere „Projektkonzepte“, die Bayrock ins Auge gefasst hatte, von Istanbul und Kiew bis nach Moskau und Warschau, nie verwirklicht wurden. Sorglosigkeit bei der genauen Überprüfung von potentiellen Partnern und Teilhabern zählt zu den erwartbareren Eigenschaften von Trump. Aus dem Bauch heraus handelnd, ging er 2005 die Partnerschaft mit Bayrock ziemlich rasch ein, wurde mit 18 Prozent ein Minderheitsanteilseigner am Trump SoHo, lizenzierte seine Marke und übernahm das Management der Immobilie.

Das Paradebeispiel in der Palette von Trumps früheren Geschäftspartnern ist Bayrocks ehemaliger Vorstandsvorsitzender Tevfik Arif (alias Arifow), ein Emigrant aus Kasachstan, der Berichten zufolge in den 1990er Jahren seinen Wohnsitz nach Brooklyn verlegte. Trump unterhielt auch umfangreiche Kontakte mit einer weiteren russisch-amerikanischen Schlüsselfigur aus Brooklyn bei Bayrock, Felix Sater (alias Satter), auf den weiter unten noch eingegangen wird.

Trump beschrieb seine Einführung bei Bayrock 2013 in seiner Aussage in einem Prozess, der von Investoren in dem Fort-Lauderdale-Projekt, einem der ersten Projekte Trumps mit Bayrock, angestrengt wurde: „Also, wir hatten einen Mieter im […] Trump Tower namens Bayrock, und Bayrock war daran interessiert, uns an Geschäften zu beteiligen.“ In letzter Zeit hatte Trump einige Schwierigkeiten, sich an Details hinsichtlich Arifs oder Saters zu erinnern. Das aber ist kaum verwunderlich, angesichts dessen, was wir jetzt über die beiden wissen.

Kasachstan und Tevfik Arif

Nach mehreren Berichten stammt Tevfik Arif ursprünglich aus Kasachstan, bis 1992 eine Sowjetrepublik. Arif wurde 1950 geboren und arbeitete 17 Jahre lang im sowjetischen Ministerium für Wirtschaft und Handel, zur Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion als stellvertretender Direktor für Hotelverwaltung. In den frühen 1990er Jahren zog er in die Türkei, wo er Berichten zufolge half, Immobilien für die Hotelkette Rixos zu entwickeln. Nicht lange danach zog er weiter nach Brooklyn, gründete Bayrock, eröffnete ein Büro im Trump Tower und begann, Projekte mit Trump und anderen Investoren zu verfolgen.

Tevfik Arif war nicht die einzige Verbindung von Bayrock nach Kasachstan. Eine Präsentation für Bayrock-Investoren aus dem Jahr 2007 nennt Alexander Maschkewitschs „Eurasia Group“ als strategischen Partner von Bayrocks Eigenkapitalfinanzierung. Zusammen mit zwei weiteren prominenten kasachischen Milliardären, Patoch Schodijew und Alijan Ibragimow, betrieb Maschkewitsch Berichten zufolge die „Eurasian Natural Resources Cooperation“. In Kasachstan werden diese drei manchmal als „das Trio“ bezeichnet.

Das Trio hat offenbar seit Gorbatschows Perestroika Ende der 1980er Jahre in den Geschäftsfeldern Metalle und andere natürliche Ressourcen zusammengearbeitet. Zu dieser Zeit erlangten die drei ein erhebliches Maß an Kontrolle über Kasachstans riesige mineralische und Erdgasreserven. Natürlich fanden sie es nützlich, sich mit Nursultan Nasarbajew, dem langjährigen Herrscher Kasachstans, zu befreunden. Tatsächlich beschreiben Depeschen des State Department, die von Wikileaks im November 2010 publik gemacht wurden, eine enge Beziehung zwischen dem Trio und der anscheinend immerwährenden Nasarbajew-Kleptokratie.

Auf jeden Fall hat das Trio in jüngerer Zeit die Aufmerksamkeit vieler anderer Ermittler und Medien auf sich gezogen, einschließlich der amerikanischen Untersuchungskommission zum 11. September 2001, des „Guar-dian“, von „Forbes“ und des „Wall Street Journal“. Zusätzlich zur Aneignung von Ressourcen umfasst der lange Katalog von angeblichen Aktivitäten des Trios Geldwäsche und Bestechung. Laut Depeschen des State Departement wurde Schodijew (der dort „Fatokh Shodiyew“ genannt wird) 2005 gefilmt, als er der Geburtstagsfeier des mutmaßlichen usbekischen Mafiabosses Salim Abduwalijew beiwohnte und ihm ein „Geschenk“ oder einen „Tribut“ von 10000 US-Dollar überreichte.

Laut der belgischen Tageszeitung „Le Soir“ wurden Schodijew und Maschkewitsch auch enge Partner eines eigenartigen russisch-kanadischen Geschäftsmannes namens Boris J. Birshtein, der zufällig der Schwiegervater eines anderen wichtigen russisch-kanadischen Geschäftspartners von Donald Trump in Toronto gewesen ist. Wir werden später auf Birshtein zurückkommen.

Was die Panama Papers enthüllen

Das Trio taucht auch in der Panama-Papers-Datenbank vom April 2016 auf, als scheinbare wirtschaftliche Eigentümer einer Firma auf den Cook-Inseln, „International Financial Limited“. Die belgischen Zeitungen „Het Laatste Nieuws“, „Le Soir“ und „La Libre Belgique“ haben berichtet, dass Schodijew 23 Mio. Euro gezahlt hat, um eine Banklizenz der „Klasse B“ für diese Firma zu erhalten. Die würde es ihr erlauben, internationale Devisengeschäfte zu tätigen. In den Worten eines führenden belgischen Finanzaufsehers „macht das alle Geldwäschegeschäfte unaufspürbar“.

Die Panama Papers zeigen auch, dass einige von Arifs Kontakten in der Rixos-Hotel-Gruppe möglicherweise Verbindungen nach Kasachstan haben. So fungiert eine Offshore-Gesellschaft, die in den Panama Papers gelistet wird, „Group Rixos Hotel“, als Intermediär für vier BVI-Offshore-Firmen. Der Vorstandsvorsitzende von Rixos Hotels, Fettah Tamince, wird als früherer Aktionär von zwei dieser Unternehmen aufgeführt, während ein Aktionär in einem anderen, „Hazara Asset Management“, den gleichen Namen trägt wie der Sohn eines kasachischen Ministers für Sport und Tourismus aus jüngerer Zeit. Ein Artikel der kasachischen Ausgabe von „Forbes“ hat diesen Offiziellen 2012 als den dritteinflussreichsten Abgeordneten in der Mäschilis, dem Unterhaus des kasachischen Parlaments, beschrieben.

Laut einer Klage gegen Bayrock aus dem Jahr 2015, die Jody Kriss, ein ehemaliger Mitarbeiter, eingereicht hat, erhielt das Unternehmen ab 2004 Millionen Dollar an Kapitaleinlagen, wohl von Arifs Bruder in Russland, der angeblich Zugang zu Konten einer Chrom-Raffinerie in Kasachstan hatte. Diese bislang unbewiesene Behauptung könnte nur ein Versuch des Klägers sein, einen günstigeren Vergleich mit Bayrock und seinen ursprünglichen Inhabern zu erzielen. Aber Chrom ist auch eine jener natürlichen Ressourcen Kasachstans, die Berichten zufolge von dem Trio kontrolliert werden.

Arifs jüngster bekannt gewordener Zusammenstoß mit dem Gesetz wiederum erfolgte laut der israelischen Tageszeitung „Jediot Acharonot“ im Jahr 2010, als er und andere Mitglieder von Bayrocks eurasischem Trio in der Türkei bei einer Polizei-Razzia gegen einen mutmaßlichen Prostitutionsring verhaftet wurden. Damals behaupteten die türkischen Ermittler, Arif könnte der Kopf einer kriminellen Organisation sein, die mit russischen und ukrainischen Escort-Frauen handelte, darunter angeblich auch einige, die nicht älter als 13 Jahre waren. Demnach trafen Großkunden ihre Auswahl über die Webseite einer Model-Agentur, wobei sich Arif angeblich um die Logistik kümmerte. Besonders kränkend für die türkischen Behörden war laut Berichten der bevorzugte Veranstaltungsort: eine Jacht, die einst dem verehrten Republikgründer Atatürk gehört hatte. Es wurde auch behauptet, Arif habe Unterkünfte für junge Frauen in Hotels der Rixos Group bereitgestellt.

Laut russischen Medien wurden bei dieser Razzia auch zwei hochrangige kasachische Beamte verhaftet, auch wenn das türkische Außenministerium diese Behauptung schnell als haltlos zurückwies. 2012 wurden alle Anklagepunkte gegen Arif, die aus diesem Vorfall resultierten, von türkischen Gerichten abgewiesen. Und seine Sprecher haben anschließend jede Verwicklung bestritten.

Trotz des Niedergangs von Bayrock und seiner juristischen Verwicklungen ist Arif anscheinend aktiv geblieben. So berichtet Bloomberg, er, sein Sohn und der Vorstandsvorsitzende von Rixos Hotels, Fettah Tamince, hätten sich 2013 zusammengetan, um sich einem ziemlich umstrittenen Geschäft zu widmen: Sie streckten prominenten Fußballern in Geldnot bestimmte Summen vor, im Austausch für einen Teil ihrer zukünftigen Marketing- und Transfereinnahmen. Im Fall von Arif und seinen Partnern wurde diese neue Form von Vertragsknechtschaft dem Vernehmen nach durch einen im Vereinigten Königreich und auf Malta ansässigen Hedgefonds, Doyen Capital LLP, durchgeführt. Der europäische Fußballverband UEFA will diese Praxis verbieten, da sie vielfältigem potentiellen Missbrauch das Tor öffnet, einschließlich der Möglichkeit, ungebührlichen Druck auf Sportler oder Vereine auszuüben, damit sie wertvolle Rechte und Gebühren überschreiben. Aber der berüchtigte Weltfußballverband FIFA handelt wie gewohnt langsam. Bis heute geht Doyen Capital LLP Berichten zufolge Finanzwetten auf mehrere bekannte Spieler ein, darunter den brasilianischen Star Neymar.

Felix Sater Jr. – Mafioso in zweiter Generation

Unser zweites Beispiel ist Felix Sater, jene hochrangige Führungskraft bei Bayrock, die oben bereits erwähnt wurde. Sater arbeitete von 2002 bis 2008 bei Bayrock und verhandelte mehrere wichtige Geschäfte mit der Trump Organization und anderen Investoren. Als Trump in der oben zitierten Aussage von 2013 gefragt wurde, wer von Bayrock ihn für das Fort-Lauderdale-Projekt gewonnen habe, lautete seine Antwort: „Es könnte Felix Sater gewesen sein, er könnte es gewesen sein – ich weiß wirklich nicht, wer es gewesen sein könnte, aber jemand von Bayrock.“ Obwohl Sater Bayrock 2008 verließ, war er Berichten zufolge 2010 zurück im Trump Tower, als Seniorberater für die Trump Organization – jedenfalls auf seiner Visitenkarte –, mit eigenem Büro in dem Gebäude.

Sater hat auch unter Eid ausgesagt, dass er Donald Trump Jr. und Ivanka Trump 2006 durch Moskau führte, sich über mehrere Jahr hinweg häufig mit Donald getroffen habe und einmal mit ihm nach Colorado geflogen sei. Und auch wenn es gut möglich ist, dass es sich um eine Inszenierung handelte, wird berichtet, er habe im Juli 2016 den Trump Tower besucht und eine persönliche Spende von 5400 Dollar für Trumps Wahlkampf abgegeben.

Was auch immer Felix Sater in letzter Zeit getrieben hat, der entscheidende Punkt ist, dass Tevfik Arif spätestens 2002 entschied, ihn als Geschäftsführer von Bayrock einzustellen. Das tat er trotz der Tatsache, dass Sater bereits eine erstaunliche Bilanz als Berufsverbrecher vorzuweisen hatte, mit vielfachen Schuldeingeständnissen und Verurteilungen, ausgedehnten Verbindungen zum organisierten Verbrechen und – der ultimative Preis – mit einer Art Ausweis, um das Gefängnis schnell wieder als freier Mann verlassen zu können – auf Basis einer Informantenbeziehung zum FBI und zur CIA, die vage an den legendären Whitey Bulger, den „Paten von Boston“, erinnert.

Sater, der wie Arif in Brooklyn wohnt, wurde 1966 in Russland geboren. Berichten zufolge wanderte er Mitte der 1970er Jahre mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten aus und ließ sich im „Little Odessa“ genannten Brighton Beach in New York nieder. Es scheint, dass sein Vater Michail Scheferowski (alias Michael Sater) möglicherweise in Mafiaaktivitäten in Russland verwickelt war, bevor er in die USA kam. Einer Antragsschrift beim Supreme Court zufolge erklärte Felix Saters Verbindungsführer beim FBI, dass er „mit den Verbrechen von Sater und dessen Vater, einem Boss des (Semjon) Mogilewitsch-Gangster-Syndikats, gut vertraut war“. Dem Vernehmen nach besagt ein FBI-Bericht von 1998, dass Mogilewitschs Organisation „etwa 250 Mitglieder“ habe und in den Handel mit Nuklearmaterialien, Waffen und anderem ebenso verwickelt sei wie in Geldwäsche (siehe unten).

Aber Michael Sater mag weniger ehrgeizig gewesen sein als sein Sohn. Seine einzige bekannte Verurteilung in einem US-Strafprozess erfolgte im Jahr 2000, als er sich in zwei Anklagepunkten wegen der Erpressung von Restaurants, Lebensmittelgeschäften und Kliniken in Brooklyn schuldig bekannte. Er wurde zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt. Interessanterweise war die US-Bundesanwältin für den östlichen Bezirk von New York, die zu dieser Zeit mit dem Fall befasst war, jene Loretta Lynch, die 2014 Eric Holder als US-Generalbundesanwältin nachfolgte. Im Jahr 2000 war sie auch mit der entstehenden Informantenbeziehung und dem Deal mit Michaels Sohn Felix befasst, was das geringe Strafmaß für den Vater miterklären mag.

Zu diesem Zeitpunkt, im Jahr 2000, war der junge Felix Sater bereits weit fortgeschritten auf dem Weg zu einer Karriere als prototypischer russischamerikanischer Mafioso. 1991 stach er einem Rohstoffhändler in einer Bar in Manhattan mit dem Stil eines Margarita-Glases ins Gesicht und durchtrennte dabei einen Nerv. Nach Trumps Darstellung geriet Sater einfach in einen „Kneipenschlägerei, was vielen Leuten passiert“. Die Strafe für diese Verurteilung kann nicht sehr hoch gewesen sein, denn 1993 war der 27 Jahre alte Felix bereits Händler für eine brandneue Rohstofffirma in Brooklyn namens „White Rock Partners“, ein innovatives Joint Venture zwischen vier New Yorker Gangsterfamilien und der russischen Mafia, das State-of-the-art-Finanzbetrügereien an die Wall Street bringen sollte.

Geldwäsche und illegale Waffenverkäufe

Fünf Jahre später, 1998, bekannte sich Felix Sater wegen betrügerischen Aktienhandels schuldig, als einer von 19 amerikanischen und russischen Händlern mit Mafiaverbindungen, die an einem „pump and dump“-Wertpapierbetrug im Umfang von 40 Mio. Dollar beteiligt waren. Angesichts einer drohenden 20jährigen Haftstrafe in einem Bundesgefängnis packten Sater und Gennady Klotsman, ein russisch-amerikanischer Landsmann, der bereits in der Nacht der Barraum-Schlägerei mit ihm zusammen gewesen war, aus und halfen dem Justizministerium, ihre Mitverschwörer zu belangen.

Angeblich tat das auch Salvatore Lauria, ein anderer „Händler“, der an der Verschwörung beteiligt war. Laut der Jody-Kriss-Klage wurde Lauria später ein inoffizieller Berater bei Bayrock. Anfangs wurde ihre Zusammenarbeit mit der Justiz, die von 1998 bis mindestens 2001 andauerte, geheim gehalten, bis eine Pressemitteilung der Bundesanwältin Lynch sie im März 2000 versehentlich enthüllte. Unglücklicherweise entdeckte die New Yorker Polizei Berichten zufolge zur gleichen Zeit, dass Sater aus einem Lagerhaus in Manhattan heraus eine Geldwäscheoperation und illegale Waffenverkäufe betrieben hatte. Er und Klotsman flüchteten daraufhin nach Russland.

Laut der „New York Times“, die sich auf Klotsman und Lauria beruft, gelang es dem wie stets kreativen Sater jedoch, kurz nach den Ereignissen des 11. September 2001 Informationen über den Schwarzmarkt für Stinger-Luftabwehrraketen an die CIA und das FBI zu vermitteln. Diese Strategie, so Klotsmann, „brachte Felix seine Freiheit“ und ermöglichte ihm, nach Brooklyn zurückzukehren. Bis heute ist unklar, welche Informationen genau Sater lieferte, aber 2015 lobte ihn die US-Generalbundesanwältin Loretta Lynch öffentlich für die Weitergabe von Informationen, die „für die nationale Sicherheit äußerst wichtig“ gewesen seien.

Währenddessen wurde die Strafe für seine Finanzverbrechen immer weiter aufgeschoben, selbst nachdem seine offizielle Kooperation mit der Justiz Ende 2001 aufgehört hatte. Seine Akten blieben unter Verschluss, und ihm gelang es bis zum 23. Oktober 2009, jeder Strafe für diese Taten zu entgehen. Als er schließlich vor dem Richter für den östlichen Distrikt I., Leo Glasser, erschien, erhielt er in einem stillen Verfahren, das keine Aufmerksamkeit der Presse erregte, eine Geldstrafe von 25000 Dollar, aber keine Haftstrafe, auch nicht auf Bewährung. Einige verglichen dieses Strafmaß mit dem früheren Urteil von Richter Glasser gegen den Mafia-Killer „Sammy the Bull“ Gravano von viereinhalb Jahren Haft für 19 Morde, im Austausch für „Kooperation gegen John Gotti“.

Sein Geschick erlaubte es Felix Sater, eine Haftstrafe zu vermeiden und seine kriminellen Wurzeln zu verbergen. So konnte er von 2002 bis 2008 eine lukrative neue Karriere als Bayrocks Geschäftsführer einschlagen. In dieser Position war er dafür verantwortlich, aggressive Immobiliengeschäfte in der ganzen Welt auszuhandeln, und betrieb dabei – laut der Klageschriften früherer Bayrock-Investoren – weiteren Finanzbetrug. Der einzige scheinbare Unterschied war, dass er seinen Namen von „Sater“ zu „Satter“ veränderte.

In seiner oben zitierten Aussage von 2013 sagte Trump weiterhin: „Ich betrachte Felix nicht als Mitglied der Mafia.“ Gefragt, ob er für diese Behauptung Beweise habe, räumte Trump ein: „Ich habe keine.“

Was Saters Kumpel Klotsman betrifft, standen die letzten Jahre unter keinem günstigen Stern. Im Dezember 2016 befand er sich in einer russischen Strafkolonie, in der er eine zehnjährige Strafe wegen eines gescheiterten bewaffneten Raubüberfalls in Moskau abarbeitete, bei dem es um Juwelen in Wert von 2,8 Mio. Dollar ging. 2016 kam Klotsman laut Berichten auf eine Top-Ten-Liste von Amerikanern, welche die Russen für prominente russische Häftlinge in US-Gefängnissen austauschen würden, darunter der berüchtigte Waffenhändler Viktor Bout. Bislang haben sich keine Abnehmer gefunden. Aber mit Donald Trump als Präsident, wer weiß?

Die Island-Connection

In einen der schwerwiegendsten Betrugsfälle, die in dem jüngsten Bayrock-Prozess vorgebracht werden, ist die FL Group verwickelt, ein privater isländischer Investmentfonds, der wirklich eine Geschichte für sich darstellt.

Bei Island dachte man lange nicht sofort an ein großes Offshorefinanzzentrum. Es ist eine kleine, verschneite Insel im Nordatlantik, näher an Grönland gelegen als an Europa, mit lediglich 330000 Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von nur 17 Mrd. Dollar. Vor zwanzig Jahren waren seine Hauptexportgüter Kabeljau und Aluminium – importiertes Bauxit wurde wegen der niedrigen Stromkosten auf der Insel verhüttet.

Aber in den 1990er Jahren glaubte Islands winzige neoliberale politische Elite, auf eine glänzende Idee gekommen zu sein: „Lasst uns unsere öffentlichen Banken privatisieren, die Kapitalmärkte deregulieren und sie auf die Welt loslassen!“ Als 2008 alle drei dieser zuvor privatisierten Geldhäuser bankrottgingen – ebenso wie die FL Group –, belief sich das Gesamtkreditvolumen der Banken auf das 12,5fache des isländischen Bruttoinlandprodukts – die höchste Relation von Kreditvolumen zu BIP in der ganzen Welt.

Für unsere Geschichte ist das Interessanteste an Island folgendes: Lange bevor diese Krise eintrat und die FL Group vollständig in den Ruin trieb, stolperten unsere beiden zentralen Mafiaprofis aus Russland bzw. der GUS und Brooklyn, Arif und Sater, irgendwie über diesen obskuren Inselfonds. Tat-sächlich überzeugten sie Anfang 2007 die FL Group, 50 Mio. Dollar in das Projekt zum Bau des Trump SoHo in Midtown Manhattan zu investieren. Laut der Kriss-Klage verständigten sich die FL Group und Felix Sater von Bayrock zur selben Zeit, weitere Geschäfte mit Trump-Bezug in Höhe von zwei Mrd. Dollar zu verfolgen. Die Kriss-Klage behauptet des weiteren, dass die FL Group (FLG) auch einwilligte, mit Bayrock zu kooperieren, um Steuerbetrug bei potentiellen Gewinnen in Höhe von mehr als 250 Mio. Dollar zu ermöglichen. Im Einzelnen bringt sie vor, die FLG habe zugestimmt, 50 Mio. Dollar für einen 62-Prozent-Anteil an den vier Bayrock-Projekten mit Trump zu zahlen, während Bayrock diesen Vertrag als „Kredit“ strukturieren würde. Das bedeutete, Bayrock würde auf die anfänglichen Einnahmen keine Steuern zahlen müssen, während die erwarteten 250 Mio. Dollar Dividendeneinnahmen von FLG über eine Firma in Delaware laufen und als Zinszahlungen charakterisiert werden würden. Das würde Bayrock erlauben, Steuerzahlungen von bis zu 100 Mio. Dollar zu vermeiden. Gegenüber den Steuerbehörden würde Bayrock vorgeben, ihr tatsächlicher Partner sei eine Partnerschaft in Delaware, die sie zusammen mit der FLG gebildet hatte, „FLG Property I LLC“, statt FLG selbst.

Die Trump Organization hat jede Beziehung zur FLG bestritten. Aber als ein Anteilseigner am Trump SoHo, mit einer 18-Prozent-Kapitalbeteiligung an diesem Geschäft allein, musste Donald Trump persönlich den BayrockFLG-Vertrag unterzeichnen.

Island und Russland – was wusste Donald Trump?

Das wirft viele Fragen auf. Für die Beantwortung der meisten von ihnen werden wir das Ergebnis der Kriss-Rechtsstreitigkeiten abwarten müssen, die Jahre dauern könnten, vor allem jetzt, da Trump Präsident ist. Aber mehrere dieser Fragen springen einen förmlich an.

Erstens, wie viel wusste Trump über die Partner und das Innenleben dieses Geschäfts? Immerhin hielt er eine bedeutende Kapitalbeteiligung daran, im Gegensatz zu vielen Geschäften, bei denen er lediglich seinen Markennamen lizenziert. Zudem sollte es mehrere seiner wichtigsten Immobilien an der Ostküste finanzieren.

Zweitens, wie kam es dazu, dass die FL Group und Bayrock sich überhaupt zu diesem zweifelhaften Geschäft zusammentaten? Ein ehemaliger Manager der FL Group behauptet, das Geschäft sei ein Zufall und das „relativ kleine Geschäft“ für beide Seiten nichts Besonderes gewesen. Dagegen war die FLG laut der Kriss-Klage eine gut bekannte Quelle für leichtes Geld aus zweifelhaften Quellen wie Kasachstan und Russland, zudem seien andere Bayrock-Akteure mit Vorstrafen wie Salvatore Lauria bei der Geschäftsanbahnung involviert gewesen.

Derzeit ist die Beweislage im Hinblick auf diese zweite Frage unvollständig. Aber es gibt bereits ein paar interessante Hinweise darauf, dass die Bereitschaft der FL Group, das seltsame GUS-Brooklyn-Team von Bayrock, seine eher schlecht geplanten Trump-Projekte und die angeblich geplante Steuerhinterziehung generös zu finanzieren, nicht einfach isländischem Hinterwäldlertum geschuldet war.

Es gibt noch vieles, was wir über Islands besondere Beziehung mit der russischen Finanzwelt lernen müssen. In diesem Zusammenhang gilt es mehrere Rätsel zu lösen:

Erstens, es stellt sich heraus, dass die FL Group, Islands größter privater Investmentfonds bis zu seiner Pleite im Jahre 2008, mehrere Besitzer bzw. Investoren mit tiefen russischen Geschäftsverbindungen hatte, darunter mehrere, die zugleich Schlüsselinvestoren bei allen drei Top-Banken Islands waren.

Zweitens, es stellt sich heraus, dass die FL Group ein unglaubliches Gewirr von Überkreuzbeteiligungen, Kredit- und Cross-Derivate-Beziehungen mit den großen Banken aufgebaut hatte. Das Dickicht der Überkreuzgeschäfte machte es nahezu unmöglich, Betrug durch Mitarbeiter zu regulieren, als Insider der Finanzinstitutionen eine Selbstbedienungsorgie veranstalteten, Geld liehen und verliehen, um riskante Investitionen aller Art zu finanzieren. Es wurde schwierig zu bestimmen, welche Institutionen Nettoschuldner oder -Investoren waren, da die Eigentumskonzentration und In-sich-Geschäfte im Finanzsystem rasant zunahmen.

Drittens gab die FL Group eine Vielzahl von eigentümlichen Darlehen an mit Russland verbundene Oligarchen aus, ebenso wie an Bayrock. So sicherte sich in dieser Zeit, worauf wir noch näher eingehen werden, Alex Shnaider – jener russisch-kanadische Milliardär, der später Donald Trumps Geschäftspartner in Toronto werden sollte – ein 45,8-Mio.-Euro-Darlehen von der Kaupthing Bank, um eine Jacht zu kaufen. Zugleich erhielt ein Unternehmen, das einem anderen russischen Milliardär gehört, der laut Berichten ein wichtiges Wodka-Franchise besitzt, ein noch größeres Darlehen.

Viertens haben auch Islands größte Banken vor der Krise von 2008 eine Reihe von außergewöhnlichen Krediten an russische Interessengruppen vergeben. So gelang es einem der reichsten Oligarchen Russlands und engem Freund von Präsident Putin beinahe, sich Ende September 2008 mindestens 400 Mio. Euro von der Kaupthing-Bank zu sichern (oder, wie einige sagen, bis zu viermal so viel) – also genau zu dem Zeitpunkt, als die Finanzkrise vollends ausbrach. Diese Bank unterhielt auch direkte und indirekte Investitionen in die FL Group. Tatsächlich soll sie laut Berichten bis Dezember 2006 den Private-Equity-Manager der FL Group beschäftigt haben, der angeblich das 50-Mio.-Dollar-Geschäft mit Felix Sater Anfang 2007 verhandelte.

Fünftens gibt es unbestätigte Berichte über ein geheimes Papier der amerikanischen Notenbank, nach dem ungenannte isländische Banken für russische Geldwäscheoperationen genutzt wurden. Außerdem wurden 2007 und 2008 mehrfache Anträge der Kaupthing Bank, eine Niederlassung in New York eröffnen zu dürfen, von der Federal Reserve abgelehnt. Ähnliche unbestätigte Gerüchte erschienen wiederholt in dänischen und deutschen Publikationen, ebenso wie Behauptungen über die angeblichen kasachischen Ursprünge des von der FLG zu waschenden Bargeldes im Kriss-Prozess.

Sechstens besteht eine eigentümliche Tatsache: Als die isländischen Banken im Oktober 2008 pleitegingen, wurden ihre Private-Banking-Tochtergesellschaften in Luxemburg, die mindestens acht Mrd. Euro an Privatvermögen managten, plötzlich von der luxemburgischen Bankenaufsicht beschlagnahmt und zu einer neuen Bank, der Banque Havilland, transferiert. Dies geschah so schnell, dass Islands Zentralbank von der Identität und den Portfolio-Größen der Offshore-Privatkunden der isländischen Banken nichts erfuhr. Doch wieder fielen in Gerüchten einige wichtige russische Namen.

Putins großzügiges Angebot

Schließlich gibt es den ziemlich seltsamen Telefonanruf von Russlands Botschafter in Island beim isländischen Premierminister um 6:45 Uhr am 7. Oktober 2008, einen Tag nachdem die Finanzkrise Island getroffen hatte. Laut Aussage des Premierministers informierte ihn der russische Botschafter, dass der damalige Premierminister Putin bereit war, Island mit einer Rettungsaktion in Höhe von vier Mrd. Euro zu Hilfe kommen. Natürlich wurde dieses angebliche Angebot Putins nicht lange danach dahingehend modifiziert, dass Russland bereit war, ein isländisches Verhandlungsteam in Moskau zu empfangen. Als die isländische Delegation schließlich Ende des Jahres dort eintraf, hatte Russlands Wunsch, mit Krediten zu helfen, nachgelassen. Island nahm schließlich stattdessen ein Stabilisierungspaket des Internationalen Währungsfonds in Höhe von 2,1 Mrd. Dollar an.

Laut einem Mitglied des Verhandlungsteams sind die Gründe für die russische Kehrtwende immer noch ein Rätsel. Vielleicht hatte Putin es sich anders überlegt, weil er einfach zu dem Schluss gekommen war, Russland müsse sich um seine eigenen erheblichen finanziellen Probleme kümmern. Oder vielleicht hatte er entdeckt, dass die isländischen Banken bei der Kreditvergabe in der Tat sehr großzügig gegenüber russischen Interessengruppen gewesen waren und angesichts des Vorgehens Luxemburgs alle russischen Privatvermögen bei isländischen Banken bereits abgesichert waren.

Auf der anderen Seite gibt es vielleicht eine einfachere Erklärung für Islands eigentümliche Großzügigkeit gegenüber zwielichtigen Partnern wie Bayrock. Immerhin hatte bis zur letzten Minute vor dem Zusammenbruch im Oktober 2008 die ganze Welt Island mit AAA-Ratings versehen: Anleger standen in London Schlange, um hochverzinste isländische Bankkonten zu eröffnen, Islands Bankaktien gingen in die Höhe und die Vergütung seiner Banker war durch die Decke geschossen. Also warum sollte sich irgendjemand Sorgen über den Abschluss von ein paar weiteren zweifelhaften Geschäften machen? Insgesamt steht das Urteil über diese merkwürdigen Verbindungen zwischen Russland und Island noch aus. Aber all diese isländischen Rätsel sind faszinierend und erfordern weitere Ermittlungen.

Alex Shnaider oder: Der Fall des Trump Toronto Tower

Unsere vierte Fallstudie über Trumps Geschäftspartner befasst sich mit dem 48jährigen russisch-kanadischen Milliardär Alex Shnaider, der das siebzigstöckige Trump Tower and Hotel, Kanadas höchste Gebäude, kofinanzierte. Es wurde im Jahr 2012 in Toronto eröffnet. Unglücklicherweise ist dieses große Eigentumswohnungshotel, wie so viele andere von Russen und GUS-Investoren finanzierte Trump-Projekte, im November 2016 bankrottgegangen und fällt nun an die Gläubiger.

Laut seinem Online-Profil bei einer ukrainischen Nachrichtenagentur wurde Alex Shnaider 1968 in Leningrad geboren, als Sohn von Evsei Shnaider. Ein kürzlich erschienener „Forbes“-Artikel besagt, dass seine Familie aus Russland nach Israel auswanderte, als er vier Jahre alt war, und dann nach Toronto zog, als er 13 oder 14 Jahre alt war. Die ukrainische Nachrichtenagentur urteilt, dass Alex’ Familie bald „eine der erfolgreichsten Geschichten im russischen Viertel von Toronto“ schrieb und dass der junge Alex mit „einer unternehmerischen Ader“ seinem Vater Evsei Shnaider im Geschäft half, Waren in die Regale räumte und die Fußböden wischte. Schließlich erwies sich das als eine tolle Entscheidung – Shnaider prosperierte in der Neuen Welt. Vieles davon war zweifellos purem Talent geschuldet. Aber es scheint, dass er zeitweilig auch erhebliche Unterstützung von seinem (laut Berichten inzwischen Ex-)Schwiegervater bekam, einem anderen markanten Russo-Kanadier: Boris J. Birshtein.

Ursprünglich aus Litauen stammend, ist der inzwischen ungefähr 69 Jahre alte Birshtein seit spätestens 1982 kanadischer Staatsbürger. Er wohnte in den frühen 1990er Jahren eine Zeit lang in Zürich, kehrte dann aber nach Toronto und New York zurück. Eines seiner wichtigsten Unternehmen hieß Seabeco SA, ein „Handels“-Unternehmen, das im Dezember 1982 in Zürich registriert wurde. Bis Anfang der 1990er Jahre hatten Birshtein und seine Partner viele andere mit Saebeco verbundene Unternehmen an einer Vielzahl von Standorten gegründet, darunter Antwerpen, Toronto, Winnipeg, Moskau, Delaware, Panama und Zürich. Mehrere davon sind heute noch aktiv. Er besetzte sie oft mit Direktoren und leitenden Angestellten aus einem weit verzweigten Netzwerk aus Russen, Emissären aus anderen GUS-Staaten wie Kirgisistan und Moldawien sowie jüngeren Emigranten aus Russland oder den GUS-Staaten in Kanada.

Nach Angaben der „Financial Times“ und des FBI leitete Birshtein nicht nur Seabeco, sondern war auch ein enger Geschäftspartner von Sergej Michailow, dem mutmaßlichen Kopf der Solntsewskaja Bratwa, des größten Zweiges der russischen Mafia und laut „Fortune“ 2014 die weltweit umsatzstärkste Organisation des organisierten Verbrechens. Ein von der „Financial Times“ zitierter nachrichtendienstlicher Bericht des FBI von 1996 behauptet, Birshtein sei bei einem Treffen von Michailow, dem in der Ukraine geborenen Semjon Mogilewitsch und mehreren anderen Führern der russischen bzw. GUS-Mafia in seinem Büro in Tel Aviv als Gastgeber aufgetreten. Dabei soll es um die Interessenaufteilung in der Ukraine gegangen sein. Ein anschlie-ßender FBI-Bericht von 1998 über die „Semjon Mogilewitsch Organization“ wiederholte den gleichen Vorwurf und beschrieb Mogilewitschs erfolgreiche Versuche, privatisierte Vermögenswerte in der Ukraine unter seine Kontrolle zu bringen.

Der „Financial Times“-Artikel schildert auch, wie Birshtein und seine Partner mit Bestechungsgeldern in Höhe von bis zu fünf Mio. Dollar außerordentlichen Einfluss auf hochrangige Funktionäre in der Ukraine erlangten, darunter auch Präsident Leonid Kutschma. Unter Berufung auf Schweizer und belgische Ermittler behauptet die „Financial Times“ auch, dass Bir- shtein und Michailow in den frühen 1990er Jahren gemeinsam eine belgische Firma namens MAB International kontrollierten. Zu dieser Zeit beobachteten dieselben Ermittler Transfers in Millionen-Dollar-Höhe zwischen Konten, die von Michailow, Birshtein und Alexander Wolkow, Seabecos Vertreter in der Ukraine, geführt wurden.

Im Jahr 1993 warf die Regierung Jelzin Berichten zufolge Birshtein vor, sieben Mio. Tonnen russischen Öls illegal exportiert und die Erlöse gewaschen zu haben. Dmitri Jakubowski, ein ehemaliger Mitarbeiter von Birshtein, der auch nach Toronto gezogen ist, soll mit den russischen Ermittlern kooperiert haben. Eines Nachts feuerte ein Bewaffneter drei Schüsse in Jakoubowskis Haus und hinterließ eine Notiz mit der Aufforderung, die Kooperation zu beenden, so ein damals veröffentlichter „New York Times“-Artikel. Wie oben erwähnt, waren laut der belgischen Zeitung „Le Soir“ zwei Mitglieder von Bayrocks eurasischem Trio zu dieser Zeit ebenfalls bei Seabeco involviert – Patoch Schodijew und Alexander Maschkewitsch. Schodijew traf Berichten zufolge Birshtein erstmals durch das sowjetische Außenministerium und leitete dann Seabecos Moskauer Büro, bevor er ab 1991 für das belgische Büro arbeitete.

Mit der Mafia nach Antwerpen

All dies ist faszinierend, aber wie verhält es sich mit den Verbindungen zwischen Birshtein und Trumps Geschäftspartner in Toronto, Alex Shnaider?

Auch hier sind die Hinweise verlockend. „The Toronto Globe and Mail“ berichtete, dass der junge, noch an der Jurafakultät eingeschriebene Alex Shnaider begann, für Birshtein in Seabecos Züricher Hauptquartier zu arbeiten, wo er Berichten zufolge in den Stahlhandel eingeführt wurde. Offenbar war dies viel mehr als nur ein Job; das Züricher Firmenregister listet „Alex Shnaider“ von März 1993 bis Januar 1994 als Direktor der „Seabeco Metals AG“. Nach dieser Schilderung verließ er Seabeco im Januar 1994, um sein eigenes Handelsunternehmen in Antwerpen aufzubauen, in Partnerschaft mit einem belgischen Händler. Merkwürdigerweise schreibt „Le Soir“ auch, dass Michailow und Birshtein gemeinsam MAB International im Januar 1994 in Antwerpen gründeten.

Ist es zu weit hergeholt, zu vermuten, dass Alex Shnaider und der Mafia-Boss Michailow sich über den Weg gelaufen sein könnten, da sie sich beide in derselben Stadt aufhielten und sie beide Shnaiders Schwiegervater nahestanden?

Laut „Forbes“ begann Shnaider kurz nachdem er nach Antwerpen gezogen war, die Fabriken seiner Stahlhandelspartner in der Ukraine zu besuchen. Sein Lieblingspartner war das Saporoshstal-Werk, das viertgrößte der Ukraine. In dem Werk traf er Berichten zufolge Eduard Schifrin, einen Metallhändler mit einem Doktorat im metallurgischen Ingenieurwesen. Gemeinsam gründeten sie 1994 das Unternehmen Midland Resources Holdings Ltd.

Als die Privatisierungswelle durch Osteuropa fegte, so der „Forbes“-Artikel, rangen private Investoren darum, die Regierungsanteile an Saporoshstal aufzukaufen. Aber den meisten Händlern fehlten der finanzielle Rückhalt und die politischen Verbindungen, um große riskante Positionen aufzubauen. Shnaider und Schifrin hingegen kauften grenzenlos Aktien auf, als ob ihre Taschen und Verbindungen sehr tief wären. Bis 2001 hatten sie für ungefähr 70 Mio. Dollar 93 Prozent des Werkes erworben. Dieser Anteil sollte nur fünf Jahre viel mehr wert sein, als Shnaider laut Berichten ein Kaufangebot über 1,2 Mrd. Dollar ablehnte.

Heute erwirtschaftet die Midland Resources Holdings Ltd. Berichten zufolge mehr als vier Mrd. Dollar Umsatz im Jahr und hält zahlreiche Tochtergesellschaften in Osteuropa. Shnaider soll auch Talon International Development gehören, jene Firma, die die Errichtung des Trump Hotel Tower in Toronto beaufsichtigte. All dieser Reichtum überzeugte anscheinend Islands FL Group, 2008 einen Kredit über 45,8 Mio. Euro an Alex Shnaider für den Kauf einer Jacht auszureichen.

Im Dezember 2016 ergab eine Suche in der Panama-Papers-Datenbank nicht weniger als 28 Offshore-Firmen, die mit der Midland Resources Holding Limited verbunden waren. Laut der Datenbank war die Midland Resources Limited ein Anteilseigner bei mindestens zwei dieser Firmen, neben einer Person namens „Oleg Schejchametow“. Die beiden Firmen Olave Equities Limited und Colley International Marketing SA waren beide auf den British Virgin Islands registriert und dort von 2007 bis 2010 aktiv. Ein russischer Gastronom mit demselben Namen betreibt laut Berichten ein Unternehmen, das zwei anderen mutmaßlichen Mitgliedern des Solntsews- kaja-Mafia-Clans gehört, Lew Kwetnoi und Andrei Skotsch. „Forbes“ führt Kwetnoi auf Platz 55 der Liste der reichsten Russen und Skotsch, inzwischen Duma-Abgeordneter, auf Platz 18.

Schließlich ist es interessant zu bemerken, dass Boris Birshtein auch als Präsident der „ME Moldova Enterprises AG“ gelistet ist, einer zunächst in Zürich ansässigen Firma, die im November 1992 gegründet wurde, im September 1994 in den Kanton Schwyz übersiedelte und im Januar 1999 liquidiert und gelöscht wurde. Birshstein war von November 1992 bis Januar 1994, als er Präsident der Firma wurde, ein Mitglied des Verwaltungsrats des Unternehmens. Im Juni 1994 wurde er als Präsident abgelöst von einem „Evsei Shnaider, kanadischer Staatsbürger, wohnhaft in Zürich“, der im September 1994 auch als Direktor des Unternehmens geführt wurde. „Evsei Shnaider“ wird außerdem im panamaischen Handelsregister als Finanzchef und Direktor von „The Seabeco Group Inc.“, gegründet am 6. Dezember 1991, und als Finanzchef und Direktor von „Seabeco Security International Inc.“, gegründet am 10. Dezember 1991, geführt. Im Dezember 2016 bestanden beide Firmen noch und Boris Birshtein wird als Präsident und Direktor beider Unternehmen aufgeführt.

Der Fall von Paul Manaforts ukrainischen Oligarchen

Unser fünftes Profil eines Trump-Gefährten betrifft die Russland/Ukraine-Verbindungen von Paul Manafort, des früheren Washingtoner Lobbyisten, der Trump von April bis August 2016 als nationaler Wahlkampfchef diente. Manaforts Partner Rick Davis war seinerseits im Jahr 2008 nationaler Wahlkampfchef für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain, so dass es sich hier möglicherweise nicht nur um eine Trump-Verbindung handelt.

Einer von Manaforts größten Kunden als Lobbyist war der zweifelhafte prorussische ukrainische Milliardär Dimitri Firtasch. Laut eigenem Eingeständnis unterhält Firtasch eine enge Verbindung zu einer in diesem Stück wiederholt auftretenden Figur, dem mutmaßlichen ukrainisch-russischen Mafia-Boss Semjon Mogilewitsch. Seine wichtigste andere Verbindung ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Wladimir Putin. Anders wäre es kaum zu erklären, wie dieser frühere Gebrauchtwagenhändler den Tauschhandel Güter gegen Erdgas in Turkmenistan kontrollieren kann und zudem ein Schlüsselinvestor in der Schweizer Firma RosUrEnergo werden konnte, die Gazproms Gasverkäufe nach Europa kontrolliert.

Im Jahr 2008 schloss sich Manafort mit einem ehemaligen Manager der Trump Organization zusammen, um das Drake Hotel in New York für bis zu 850 Mio. Dollar zu kaufen, wobei Firtasch zusagte, 112 Mio. Dollar zu investieren. Laut einer Klage gegen Manafort und Firtasch ging es bei dem Geschäft nicht um eine sorgfältig geplante Immobilieninvestition. Vielmehr sollte einfach nur ein Teil der riesigen Gewinne gewaschen werden, die Firtasch durch die Vermittlung zweifelhafter Erdgasgeschäfte zwischen Russland und der Ukraine, mit Mogilewitsch als stillem Partner, abgeschöpft hatte.

Letztlich zog Firtasch sich aus dem Geschäft mit dem Drake Hotel zurück. Die Gründe dafür sind unklar – es wurde vermutet, dass er sich auf den Kollaps und die Verstaatlichung der Bank Nadra seiner DF-Gruppe konzen- trieren musste. Aber das scheint sein Verhalten offensichtlich nicht geändert zu haben: Seit 2014 gab es eine Reihe von anderen Anklagen mit Firtasch-Bezug; die Vereinigten Staaten versuchten, ihn von Österreich ausliefern zu lassen, damit er sich vor Gericht wegen Anschuldigungen verantworte, seine krakenhafte DF-Gruppe habe indische Offizielle bestochen, um sich Minenlizenzen zu sichern. Das österreichische Gericht hat von ihm verlangt, eine rekordverdächtige Kaution von 125 Mio. Euro zu hinterlegen, während er auf die Entscheidung wartet. Und soeben hat Spanien ebenfalls versucht, Firtasch ausliefern zu lassen, und zwar in einem Fall von Geldwäsche, in dem es um zehn Mio. Euro durch Immobilieninvestitionen in Spanien geht.

Nachdem Firtasch sich aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, wandte sich Manafort dem Vernehmen nach an Trump, aber der lehnte es ab, sich zu engagieren. Manafort trat im August 2016 als Trumps Wahlkampfmanager zurück – wegen Presseberichten über seine Verbindungen nicht nur zu Firtasch, sondern auch zur Ende 2014 gestürzten prorussischen Janukowitsch-Regierung. Nach den Wahlen am 8. November 2016 kehrte Manafort jedoch laut Berichten zurück, um Trump bei den Personalentscheidungen zur Besetzung seiner Regierung zu beraten. Und er bekam dabei Unterstützung von Putin: Am 30. November warf eine Sprecherin des russischen Außenministeriums der Ukraine vor, Geschichten über Manafort zu streuen – in dem Bemühen, Trump zu schaden.

Sicher im Trump Tower – die »gut vernetzten« GUS-Mafiosi

Schließlich beziehen sich weitere interessante GUS-Verbindungen mehr auf den Wohnsitz, aber sie geben sehr wichtige Hinweise zum Trump-Netzwerk.

Tatsächlich hat der Trump Tower in New York – nicht nur das Hauptquartier der Trump Organization, sondern auch das frühere Hauptquartier der Bayrock Group LLC – die Aufmerksamkeit der Presse erregt: Neben seinen vielen ehrlichen Bewohnern finden sich etliche Steuerhinterzieher, Bestecher, Waffenhändler, verurteilte Kokaindealer und korrupte frühere FIFA-Offizielle – und zwar teilweise aus dem Grund, weil es dort keinen neugierigen Genossenschaftsausschuss gibt.

Ein typisches Beispiel stellt der mutmaßliche russische Mafioso Anatoly Golubchik dar, der 2014 für das Betreiben eines illegalen Glücksspielrings aus dem Trump Tower heraus ins Gefängnis kam. Diese Operation beanspruchte dem Vernehmen nach die gesamte 51. Etage. Laut Berichten ebenfalls in sie verwickelt war der Mafioso Alimsan Tochtachunow. Er schaffte es 2008 auf die „Forbes“-Liste der zehn weltweit meistgesuchten Kriminellen, und seine Organisation ist nach Ansicht des FBI mit der Mogilewitschs verbunden. Dem Vernehmen nach reiste Tochtachunow, als sein Glücksspielring noch im Trump Tower arbeitete, nach Moskau, um Donald Trumps Schönheitswettbewerb Miss Universe 2013 als besonderer VIP beizuwohnen.

Wir finden den Namen „Anatoly Golubchik“ auch in der Panama-Papers-Datenbank. Interessanterweise teilt seine Offshore-Firma, Lytton Ventures Inc., einen Direktor, Stanley Williams, mit einer Firma, bei der es gut möglich ist, dass sie mit unserem alten Freund Semjon Mogilewitsch verbunden ist, dem mutmaßlichen „Boss der Bosse“ der russischen Mafia, der bereits so häufig in unserer Geschichte auftauchte. So teilt Lytton Ventures Inc. diesen Direktor mit einer anderen Firma, die unter dem Namen „Galina Telesh“ geführt wird. Laut dem Organized Crime and Corruption Reporting Project sind zahlreiche Offshore-Firmen, die Semjon Mogilewitsch gehören, unter dem selben Namen registriert worden – jenem von Mogilewitschs erster Frau.

Eine Anklageschrift von 2003 gegen Mogilewitsch erwähnt ebenfalls zwei Offshore-Unternehmen, die er besessen haben soll, mit Namen, in denen die Worte „Arbat“ und „Arigon“ vorkommen. Derselbe Firmendirektor, den sich Golobuchik und Telesh teilen, ist zufälligerweise auch Direktor einer Firma namens Westix Ltd., die in Moskau unter derselben Adresse residiert wie „Arigon Overseas“ und „Arbat Capital“.

Und eine andere Firma mit dem gleichen Direktor scheint Dariga Nasarbajew, der ältesten Tochter von Nursultan Nasarbajew, zu gehören, dem langlebigen Präsidenten von Kasachstan. Es wird erwartet, dass Dariga seine Nachfolgerin wird, sollte er je entscheiden, sein Amt niederzulegen, oder sich gar doch als sterblich erweisen.

Schließlich taucht Dimitri Firtasch – der Mogilewitsch-Kumpel und Manafort-Kunde, dem wir bereits früher begegnet sind – ebenfalls in der Panama-Papers-Datenbank im Dunstkreis des Galina-Telesh-Netzwerks auf. Ein Direktor von Teleshs „Barlow Investing“, Wasiliki Andreou, war zugleich Strohmann-Direktor einer zyprischen Firma namens „Toromont Ltd.“, während ein anderer Strohmann-Direktor – von Toromont Ltd., Annex Holdings Ltd., eine Firma auf St. Kitts – auch als Anteilseigner an Firtaschs Group DF Ltd. geführt wird, zusammen mit Firtasch selbst. Und der Vorstandschef von Group DF, der angeblich mit Manafort zusammenarbeitete, um Firtaschs Gelder in das Drake-Hotel-Projekt zu leiten, wird in der Panama-Papers-Datenbank auch als Anteilseigner der Group DF gelistet. Außerdem identifizierte eine Recherche der „Financial Times“ drei weitere Offshore-Firmen, die sowohl mit Firtasch als auch mit Telesh verbunden sind.

Selbstverständlich können all diese merkwürdigen Beziehungen bedeutungslose Zufälle sein. Schließlich wird der Direktor, den sich Telesh und Golubchik teilen, in der gleichen Rolle für mehr als 200 andere Firmen genannt, und mehr als tausend Firmen neben Arbat Capital und Arigon Overseas teilen die Firmenadresse von Westix. In der boomenden Welt von Offshore-Häfen und des Hütchenspiels mit Briefkastenfirmen gibt es keine Überbevölkerung. Der angemessene Umgang mit all diesen Indizien ist daher, sie „sokratisch“ zu betrachten: Sie werfen wichtige, unbeantwortete Fragen auf, aber geben keine eindeutigen Antworten.

Der »Boss der Bosse«: Semjon Mogilewitsch – Moskaus »aufgeweckter Don«

Wie dem auch sei, eine andere von Trumps Beziehungen über den Trump Tower betrifft ein betrügerisches Unternehmen der 1990er Jahre, YBM Magnex International. YBM, vorgeblich ein Weltklasse-Hersteller von Industriemagneten, wurde 1995 in Newton, Bucks County, Pennsylvania gegründet, und zwar indirekt durch den „Boss der Bosse“, Semjon Mogilewitsch, Moskaus „aufgeweckten Don“. Dieser ist ein Zeitgenosse mit einer unglaublichen Geschichte, selbst wenn nur die Hälfte von dem, was über ihn geschrieben wurde, wahr sein sollte. Leider müssen wir uns hier auf jene Teile konzen- trieren, die für unsere Zwecke relevant sind.

Der inzwischen 70jährige Semjon wurde in Kiew geboren und ist heute ein Staatsbürger sowohl von Israel als auch der Ukraine und Russlands – vor allem aber ein lebenslanger Krimineller. Dabei kann er einen Bachelor- Abschluss in Ökonomie der Universität in Lwiw vorweisen und ist dem Vernehmen nach besonders stolz, komplexe, praktisch nicht nachweisbare Finanzbetrügereien zu konstruieren, die über Jahre hinweg aufgezogen werden. Um sie zuwege zu bringen, spekuliert er häufig auf die menschlichen Schwächen von Top-Bankern, Aktienhändlern, Wirtschaftsprüfern, Wirtschaftsmagnaten und Spitzenpolitikern.

Im Fall von YBM verbrachten Semjon und seine Kumpane in den 1990er Jahren mehrere Jahre damit, ein fiktives Unternehmen, das nichts produzierte, an der damals stark unterregulierten Börse in Toronto zu etablieren – und zwar unter Einsatz von Bestechungsgeldern in Höhe von gerade einmal 2,4 Mio. Dollar. Dabei gelang es ihnen, die Unterstützung von mehreren führenden Geschäftsleuten Torontos zu erlangen, und einen früheren Premier der Provinz Ontario für den Aufsichtsrat der Firma zu gewinnen. Sie bezahlten eine der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Deloitte Touche, sehr großzügig im Gegenzug für glänzende Buchprüfungsberichte. Mitte 1998 war YBMs Aktienkurs so von weniger als zehn Dollar auf 20 Dollar in die Höhe geschnellt und Semjon hatte einen Schnitt von mindestens 18 Mio. Dollar gemacht – ein relativ großer Betrug für damalige Verhältnisse –, bevor das FBI das Hauptquartier von YBM durchsuchte. Dabei fand die Polizeibehörde Stapel von fingierten Rechnungen für Magneten, aber keinen Magneten.

2003 wurde gegen Semjon Mogilewitsch in Philadelphia in 45 Punkten Anklage erhoben, wegen Aktienbetrugs im Umfang von 150 Mio. Dollar. Aber es gibt kein Auslieferungsabkommen zwischen den USA und Russland und keine Aussicht darauf, dass Russland Semjon jemals freiwillig ausliefern wird; er ist wohl ein nationaler Schatz, besonders jetzt. In Anerkennung dieser Realitäten oder vielleicht aus anderen Gründen nahm ihn das FBI 2015 stillschweigend von seiner Top Ten Most Wanted List, auf der er sechs Jahre lang residiert hatte.

Für unsere Zwecke ist eines der interessantesten Details am YBM-Magnex-Fall, dass der Vorstandsvorsitzende der Firma ein Russo-Amerikaner namens Jacob Bogatin war, der ebenfalls in Philadelphia angeklagt wurde. Sein Bruder David hatte der sowjetischen Armee in einer nordvietnamesischen Luftabwehreinheit gedient und dabei geholfen, amerikanische Piloten wie den späteren Senator John McCain abzuschießen. Seit den frühen 1990er Jahren galt David Bogatin dem FBI als ein Schlüsselmitglied von Semjon Mogilewitschs russischer Mafiaorganisation in den Vereinigten Staaten, mit einer langen Reihe von Verurteilungen wegen schwerer, für Mogilewitsch typischer Straftaten wie Finanzbetrug und Steuerhinterziehung.

Zeitweilig gehörten David Bogatin fünf verschiedene Eigentumswohnungen im Trump Tower, die ihm Donald Trump Berichten zufolge persönlich verkauft hatte. Wjatscheslaw Iwankow, ein weiterer zentraler Vertreter von Mogilewitsch in den Vereinigten Staaten, residierte ebenfalls im Trump Tower, und in seinem persönlichen Telefonbuch befanden sich dem Vernehmen nach die privaten Telefon- und Faxnummern für das Büro der Trump Organization im gleichen Gebäude.

Was folgt aus alledem?

Was haben wir also gelernt aus diesem tiefen Eintauchen in das Netzwerk von Trumps russischen und GUS-Verbindungen?

Erstens, der neue Präsident ist tatsächlich sehr „gut vernetzt“ – nämlich ausgestattet mit einem ausgedehnten Netzwerk von zwielichtigen Verbindungen in den globalen Untergrund, die in der Geschichte des Weißen Hauses präzedenzlos sein könnten. Bei der Auswahl seiner Partner widmet Trump Fragen von Hintergrund, Charakter und Integrität offensichtlich nur kursorische Aufmerksamkeit.

Zweitens hat Donald Trump buchstäblich Jahrzehnte damit verbracht, hochrangige Kontakte in Russland und der GUS zu kultivieren. Und hochgestellte offizielle und private russische Figuren aller Art haben ebenfalls Jahrzehnte damit verbracht, ihn zu kultivieren, nicht nur als Geschäftspartner, sondern auch als „nützlichen Idioten“. Schließlich war Trump schon am 1. September 1987 (!) bereit, 94 801 Dollar für ganzseitige Anzeigen im „Boston Globe“, der „Washington Post“ und der „New York Times“ auszugeben. In ihnen verlangte er, die Vereinigten Staaten sollten aufhören, für die Verteidigung Japans, Europas und des Persischen Golfs zu bezahlen. Letzterer sei ein „Gebiet von nur marginaler Bedeutung für die USA und für ihre Ölversorgung, von dem aber Japan und andere fast vollständig abhängig seien“.

Dies ist ein Hauptgrund, warum Robert Gates – ein Parteimitglied der Republikaner, der unter den Präsidenten George W. Bush und Obama als Verteidigungsminister diente und darüber hinaus CIA-Chef und stellvertretender CIA-Chef war – die Antwort des Kongresses und des Weißen Hauses auf das mutmaßlich von Putin unterstützte Hacking als viel zu „entspannt“ kritisierte.

Drittens, auch jenseits der Fragen nach ihrer Illegalität, hat die Öffentlichkeit eindeutig das Recht, viel mehr über die Natur solcher globaler Verbindungen zu erfahren, als sie es bislang hat. Wie das vorangestellte Zitat von Cervantes nahelegt, sind diese Beziehungen wahrscheinlich ein ziemlich guter Frühindikator dafür, wie Präsidenten sich verhalten werden, sobald sie ihr Amt übernommen haben.

Unglücklicherweise haben die amerikanischen Wähler bei dieser Wahl aus vielen Gründen nie wirklich die Möglichkeit erhalten zu entscheiden, ob solch fragwürdige Verbindungen und Verstrickungen auf den Gipfel offizieller Macht dieser Welt gehören. Nun dürfte es zu spät sein, um eine überparteiliche Kommission, wie die zum 11. September 2001, zu etablieren, die doch gebraucht würde, um all diesen Verbindungen im Detail nachzugehen.

Die langfristige Konsequenz von sorglosen Interventionen in anderen Ländern besteht jedenfalls darin, dass sie häufig zurückkehren, um uns selbst heimzusuchen. In Russlands Fall ist genau das gerade passiert.

Dies ist die exklusive deutsche Fassung von „The Curious World of Donald Trump’s Private Russian Connections“. Der Originalbeitrag erschien am 19.12.2016 in der Zeitschrift „The American Interest“ (www.the-american-interest.com, dort auch mit zahlreichen Fußnoten); die Übersetzung ins Deutsche stammt von Daniel Bussenius.

(aus: »Blätter« 2/2017, Seite 47-70)
Themen: USA, Neoliberalismus und Russland

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