Auf Sand gebaut: Afrikas vergebene Boom-Jahre | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Afrika-Dossier: Kontinent der Widersprüche

Auf Sand gebaut: Afrikas vergebene Boom-Jahre

von Jörg Goldberg

Afrika steht derzeit im Fokus der bundesdeutschen Migrationspolitik. Der Kontinent stelle, unterstrich Kanzlerin Angela Merkel während ihres Afrikabesuchs im vergangenen Oktober, die größte Herausforderung für die Europäische Union dar. Vielerorts gebe es ein erhebliches Bevölkerungswachstum, zugleich fehle jedoch eine ausreichende wirtschaftliche Entwicklung. Dieses Ungleichgewicht sei eine wesentliche Ursache für die hohe Zahl an Flüchtlingen aus dem afrikanischen Raum.

Noch um die Jahrhundertwende war der Blick auf Afrika ein gänzlich anderer. Damals erlebte der Kontinent einen Aufschwung, der weltweit große Beachtung fand. Schon war die Rede von einem neuen Boomkontinent. Viele erwarteten, dem asiatischen „Tiger“ würde bald der afrikanische „Löwe“ folgen.[1] Nur wenigen fiel auf, dass diese Euphorie nicht recht zum anhaltenden Flüchtlingsstrom aus Afrika passen wollte.[2]

Inzwischen aber hat sich die Stimmung wieder eingetrübt. Die Skepsis kritischer Afrikaexperten findet sich bestätigt: „Die Grundlage des wiederkehrenden Wachstums in Afrika war immer eine starke Weltmarktnachfrage“, schrieb Morten Jerven schon 2010. Diese Abhängigkeit sei seit 2000 sogar noch ausgeprägter gewesen: Die „Periode wirtschaftlichen Wachstums ist nicht [...] mit großen Verbesserungen der sozialen Lage der Bevölkerung verbunden. Außerdem ist sie kaum von industriellem Wachstum begleitet.“[3]

Seit 2015 scheint diese „Wachstumsepisode“ vorerst beendet. Die Zeitschrift des Internationalen Währungsfonds (IWF), „Finance & Development“, stellt fest: „Der noch kürzlich herrschende Optimismus scheint allmählich einer Welle von Pessimismus Platz zu machen.“[4] Die Zahlen unterstreichen das. Lag das durchschnittliche jährliche Wirtschaftswachstum im subsaharischen Afrika – bei allen Unterschieden zwischen den 49 Ländern – bis 2014 noch bei gut 5 Prozent, so ging es 2015 auf 3,5 Prozent zurück. Für 2016/2017 rechnet der IWF nur noch mit gut zwei Prozent. Bei einem immer noch hohen, wenn auch etwas rückläufigen Bevölkerungswachstum von 2,5 Prozent nehmen die Durchschnittseinkommen also nicht mehr zu.

Damit stockt Afrikas wirtschaftliche Entwicklung nach einer kurzen Phase des Aufschwungs erneut, während viele asiatische Schwellenländer weiterhin prosperieren. Wie erklärt sich dieser Unterschied? Maßgeblich resultiert diese ungleichzeitige Entwicklung vor allem aus einer fatalen Abhängigkeit, denn nach wie vor sind die Wachstumsphasen auf dem afrikanischen Kontinent eng an die Entwicklung der Rohstoffmärkte gekoppelt. Daher verläuft die ökonomische Entwicklung äußerst schwankend: Einem kräftigen Wachstumsschub zwischen 1955 und 1973 folgte ein Einbruch zwischen 1975 und 1995. Dieser wurde zum Jahrtausendwechsel durch einen neuen Aufschwung abgelöst.

Damit unterstreicht die aktuelle Wachstumsabschwächung die zentrale Rolle der Rohstoffwirtschaft und -preise für die afrikanische Ökonomie. „Falls allein die Rohstoffpreise die jüngeren Fortschritte angetrieben hätten, wären die Aussichten für weitere Verbesserungen düster“, meint die IWF-Zeitschrift. Der isolierte Blick auf den Rohstoffsektor greift allerdings zu kurz, wenn auch in einem anderen Sinn, als der IWF meint. Der Fonds setzt weiter auf neoliberale „Reformen“, vor allem auf eine Verbesserung des „business environment“, also der Unternehmensumwelt. Afrika benötigt aber vor allem eine gezielte Politik des Strukturwandels zugunsten der verarbeitenden Industrie.

Tatsächlich haben 15 Jahre Rohstoffboom nicht nur das Wachstum angetrieben, sie gingen auch mit tiefen Strukturveränderungen einher. Das Afrika „nach dem Boom“ unterscheidet sich in wichtigen Punkten vom Afrika der vorangegangenen Stagnationsperiode. Allerdings steht in Frage, ob diese Strukturveränderungen die Perspektiven des Kontinents nachhaltig verbessert haben.

Rohstoffwirtschaft als Schicksal?

Der eigentlich segensreiche Anstieg der Rohstoffpreise nach dem Jahrhundertwechsel traf Afrika in einer ungünstigen Lage: Nach der Schuldenkrise der 1980er Jahre und der Strukturanpassungspolitik, die westliche Finanzinstitutionen und Regierungen durchgesetzt hatten, befanden sich die afrikanischen Regierungen in einer Situation der Schwäche. Sie mussten dringend ausländisches Kapital anziehen und gaben daher den Forderungen der transnationalen Konzerne nach, wovon vor allem Rohstoffunternehmen profitierten. Gedrängt von multilateralen Entwicklungsbanken sahen sich die Regierungen gezwungen, die Besteuerung der Minenwirtschaft zu senken und Investoren großzügige Ausnahmeregeln zu gewähren.[5] Als die Rohstoffpreise nach 2000 anstiegen, spülte dies außerordentliche Gewinne in die Kassen der transnationalen Bergbauunternehmen, ohne dass die Förderländer davon in nennenswertem Umfang profitieren konnten.

Diese blieben aber nicht untätig: So versuchten mehrere Regierungen, beispielsweise in der Goldförderung, die profitunabhängigen Lizenzgebühren anzuheben, die in Afrika im internationalen Vergleich besonders niedrig waren. Ob diese Länder heute dauerhaft einen höheren Anteil an den Rohstofferträgen erhalten, ist empirisch nicht gesichert. Immerhin kam es laut Afrikanischer Entwicklungsbank aber zu einer „Welle von Aufwärts-Korrekturen der Lizenzgebühren“.[6] Und zumindest teilweise konnten bestehende Spielräume – wenn auch mit Zeitverzögerung – genutzt werden, etwa in Sambia: Der dortige Kupferbergbau wurde Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre bei extrem niedrigen Kupferpreisen[7] paketweise unter besonders ungünstigen Umständen privatisiert und an verschiedene britische, südafrikanische, australische, kanadische, indische und chinesische Investoren verkauft. Die Regierung schloss geheime Entwicklungsabkommen ab, die erst später von Nichtregierungsorganisationen aufgedeckt wurden und den Käufern besonders vorteilhafte Bedingungen verschafften. Diese wurden für 15 bis 20 Jahre garantiert, vor allem aber wurde festgelegt, dass sie nur in „Partnerschaft“ mit den Investoren geändert werden konnten. Die Tinte der Unterschriften war noch nicht trocken, da begannen die Kupferpreise zu steigen. Zwischen 2002 und 2008 erhöhten sich die jährlichen Exporteinnahmen des Bergbaus in Sambia von 670 Mio. auf 4000 Mio. US-Dollar. Das Land aber profitierte davon nicht: „Bis 2007“, bilanziert eine Analyse des sambischen Kupferdramas, „bescherte der Preisboom der sambischen Regierung praktisch keine Zusatzeinnahmen.“ Daher setzte sich die Regierung schließlich über die getroffenen Abkommen hinweg und reformierte das Besteuerungsregime. Das erfolgte vor allem auf politischen Druck aus der Bevölkerung, befeuert durch einige sehr aktive NGOs, aber auch durch Oppositionsparteien. Auch wenn die Regierung dabei Rückschläge hinnehmen musste – in der Finanzkrise 2008 brachen die Kupferpreise zeitweilig ein –, erreichte sie doch eine Minengesetzgebung, die dem Land dauerhaft einen größeren Anteil an den Erträgen sichert, wozu vor allem die Erhöhung der Lizenzgebühren beitrug. Die Wissenschaftler Christopher S. Adam und Anthony Simpasa bilanzieren: „Es gibt wenig Zweifel, dass Sambia aus dem Boom stärker hervorgeht, als es in ihn eingetreten ist.“[8]

Afrika und der Aufstieg des Südens

Positive Beispiele wie dieses können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Afrikas Position im Gefolge von Globalisierung und vertieften internationalen Wirtschaftsbeziehungen eher verschlechtert hat. Afrikas Anteil am Welthandel ist seit den 1950er Jahren fast kontinuierlich gesunken.[9] Erst seit 2003 hat er sich bei etwa drei Prozent stabilisiert, was fast ausschließlich nicht erneuerbaren Rohstoffen wie Treibstoffen und Bergbauprodukten zu verdanken ist. Deren Anteil an den afrikanischen Exporten stieg zwischen 2000 und 2014 von 59 auf 63 Prozent, während der Anteil von Nahrungsmitteln und Industriewaren sank.

Veränderungen ergaben sich bei den Handelspartnern: Europa und Nordamerika haben ihre ehemals führende Bedeutung als Nachfrager und Lieferanten eingebüßt, während Asien stark aufgeholt hat. Heute wickelt Afrika mehr als die Hälfte des Außenhandels mit Schwellen- und Entwicklungsländern ab, von deren Aufstieg der Kontinent indirekt profitiert, da so die Abhängigkeit von Westeuropa und Nordamerika gelockert werden konnte.[10]

Auch der intraafrikanische Handel hat zugenommen, wenn auch auf niedrigem Niveau: Sein Anteil am Außenhandel der afrikanischen Länder ist zwischen 2000 und 2014 von 9 auf fast 18 Prozent gestiegen. Damit liegt Afrika allerdings immer noch hinter allen anderen Kontinenten.[11] Zudem relativieren sich die möglichen Vorteile des verstärkten intrakontinentalen Handels bei einem Blick auf dessen Struktur: Der Anteil der Industriewaren, der 2000 noch über 50 Prozent lag, ist auf 40 Prozent zurückgegangen, während der Anteil der Treibstoffe sich mehr als verdoppelt hat (von 16 auf 32 Prozent).[12] Dies lässt vermuten, dass die Zunahme des Intrahandels durch Preiserhöhungen überzeichnet ist. Außerdem werden gerade im Treibstoffbereich Produkte oft importiert und anschließend wieder exportiert.

Begünstigt werden soll der innerafrikanische Warenaustausch durch acht von der Afrikanischen Union anerkannte regionale Handelsblöcke, die aber unterschiedlich stark integriert sind. Die Beseitigung von Handelshemmnissen und Zöllen verläuft teilweise noch recht zäh.[13] Mindestens ebenso problematisch ist die oft schlechte Infrastruktur bzw. deren Ausrichtung auf den externen Handel. Dies ist ein Erbe der Kolonialperiode und ein Ausdruck der Orientierung auf den Rohstoffexport. So wird der intraafrikanische Handel fast ausschließlich über immer noch unzureichend ausgebaute Straßen abgewickelt, was die Transportkosten hoch hält. Aber auch die Freihandelsvereinbarungen mit Europa und Nordamerika könnten den innerafrikanischen Handel schwächen, genauso wie ein innerwestliches Abkommen wie CETA: Wird der globale Handel erleichtert, dürfte dies zu Lasten des regionalen Austauschs gehen.[14]

Generell spielt Afrika bei der zunehmenden internationalen Arbeitsteilung als Zulieferer von verarbeiteten Teilen kaum eine Rolle. Die wachsende Bedeutung globaler Wertschöpfungsketten (GVC) – mehr als die Hälfte der Exporte von Schwellen- und Entwicklungsländern erfolgt heute als Zulieferung für GVCs – geht bislang an Afrika fast völlig vorbei. „Die meisten Länder des subsaharischen Afrika […] kämpfen immer noch mit den ersten Schritten der Integration in globale Wertschöpfungsketten“, stellt die WTO fest. Diese Integration würde nur gelingen, wenn gewisse industrielle Kapazitäten vorhanden wären.[15]

Die Schwäche der afrikanischen Industrie

Dies verweist auf die zentrale Schwäche des afrikanischen Aufschwungs: Er ist fast völlig an der verarbeitenden Industrie vorbeigegangen. Deren Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Produktion des subsaharischen Afrika fiel von 15 Prozent im Jahre 1990 auf 11 Prozent in 2013. Zudem besteht die afrikanische Industrie wesentlich aus Nahrungsmittel- und einfacher Konsumgüterherstellung für lokale Märkte – Bäckereien sind die am meisten verbreiteten „industriellen“ Unternehmen in vielen afrikanischen Ländern.[16]

Entwicklungspolitisch ist dies alarmierend; denn ohne eine minimale industrielle Ausstattung kann ein Land nicht an die globalen Wertschöpfungsketten andocken und in ihnen aufsteigen. Die „Hoffnungen auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft in den armen Ländern ruhen zu einem erheblichen Teil auf der Förderung verarbeitender Industrie“, schreibt zutreffend der Ökonom Dani Rodrik: Die „industrielle Verarbeitung ist der entscheidende Entwicklungsfaktor für Entwicklungsländer“. Zudem sinkt jene Schwelle immer weiter, ab der der Industrieanteil an der Gesamtwirtschaft nicht mehr zunimmt oder zugunsten von Dienstleistungen zurückgeht. Rodrik bezeichnet dies als „vorzeitige Deindustrialisierung“: „Das heißt, dass Länder die Möglichkeit zur Industrialisierung früher und auf einem viel niedrigeren Einkommensniveau einbüßen als die Länder, die zuerst einen Industrialisierungsprozess eingeleitet haben.“[17] Dies zeigt sich in Lateinamerika und Afrika, nicht aber in Asien. Die Hauptursache der vorzeitigen Deindustrialisierung sieht Rodrik im internationalen Handel und dessen Deregulierung: Entwicklungsländer, die sich – anders als viele asiatische Länder – dem Außenhandel öffnen, importieren damit quasi die Deindustrialisierung aus den fortgeschrittenen Ländern, weil sie nicht international konkurrenzfähig werden können.

Der niedrige und weiter rückläufige Anteil der industriellen Produktion in Afrika bewirkt, dass der jetzt endende Boom kaum Arbeitsplätze geschaffen hat – nur etwa drei Prozent der afrikanischen Erwerbspersonen leisten industrielle Lohnarbeit. Insgesamt sind durchschnittlich lediglich 15 Prozent der Erwerbstätigen in Lohnarbeit, wobei ein Drittel beim Staat angestellt ist. Dieser Anteil steigt in ressourcenreichen Ländern sogar auf 69 Prozent: „Rohstoffrenten haben zur Schaffung von Regierungsjobs beigetragen. […] Weder eine industrielle noch eine post-industrielle Dienstleistungsindustrie ist in Sicht“, fasst Helmut Asche die Ergebnisse von Weltbank- und IWF-Prognosen zusammen.[18] Die afrikanischen Beschäftigten bleiben damit auf die informellen, wenig produktiven Haushalts- und agrarischen Subsistenzsektoren angewiesen. Daher stagniert die gesamtwirtschaftliche Produktivität oder sinkt gar, wenn in der Landwirtschaft überschüssige Arbeitskräfte in informelle und wenig produktive städtische Hilfsjobs gedrängt werden.

Dies ist umso problematischer, als sich die Altersstruktur der Bevölkerung verschiebt: Bei langsam rückläufigen Geburtenraten seit Beginn des Jahrhunderts nimmt die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter rascher zu als die Gesamtbevölkerung. Jährlich strömen etwa 20 Millionen junge Erwerbstätige auf den städtischen Arbeitsmarkt.[19] Dies wird als „demographische Dividende“ bezeichnet. Ob diese Dividende auch anfällt, hängt jedoch davon ab, ob es produktive Beschäftigungsmöglichkeiten gibt: „Ein ausreichendes Arbeitsplatzangebot muss […] insbesondere dann vorhanden sein, wenn der große Sockel an Kindern und Jugendlichen zu Erwerbsfähigen herangewachsen ist. An diesem Punkt entscheidet sich, ob die Altersstruktur zur demographischen Dividende oder zur demographischen Last wird.“[20] Hinzu kommt im afrikanischen Fall, dass immer mehr Kinder und Jugendliche eine – wenn auch oft nur rudimentäre – Schulbildung genießen. Zwischen 1999 und 2014 ist der Anteil der Grundschüler an den jeweiligen Jahrgängen von 58 auf 77 Prozent und im Sekundarschulbereich von 20 auf 34 Prozent gestiegen.[21] Das ist im internationalen Vergleich zwar immer noch wenig, Afrika hat aber aufgeholt. Eigentlich wäre das ein hoffnungsvoller Trend. Allerdings wird die große Mehrheit der rund 50 Millionen afrikanischen Sekundarschüler weder einen Studienplatz noch einen akzeptablen Arbeitsplatz finden. Aufs Land zurückkehren werden sie aber auch nicht. Ihre Zukunftsaussichten sind damit sehr ungewiss.

Mythos afrikanische Mittelschicht

Auch deswegen ist der vielzitierte Befund, in Afrika sei nach dem Wirtschaftsboom ab 2000 eine Mittelschicht entstanden, deutlich zu optimistisch. Zwar ist zunächst positiv anzumerken, dass der Anteil der extrem armen Bevölkerungsgruppen im Zuge des Booms merklich zurückgegangen ist.[22] Heute sind mehr Menschen in der Lage, Ausgaben zu tätigen, die über das absolut Überlebensnotwendige hinausgehen. Jedoch besteht jene Mittelschicht, die meist an den Konsumausgaben gemessen wird und laut Analyse der Afrikanischen Entwicklungsbank 34 Prozent der Bevölkerung umfasst, ganz überwiegend aus Menschen, die knapp über der Schwelle zur extremen Armut leben. Ihr Tageseinkommen liegt zwischen zwei und vier Dollar. Klammert man diese Gruppe aus, die jederzeit in absolute Armut zurückfallen kann, schrumpft die so definierte „Mittelschicht“ auf lediglich 13 Prozent der Bevölkerung.[23]

Diese Daten haben sich inzwischen herumgesprochen. Hatte der mediale Mittelklassen-Hype noch die Hoffnung internationaler Nahrungsmittelkonzerne auf neue Kundenschichten in Afrika genährt, so ist inzwischen wieder Ernüchterung eingekehrt. Cadbury und Coca-Cola schließen Produktionsstätten, Nestlé lässt verlauten: „Wir haben inzwischen begriffen, dass die Mittelklasse […] extrem klein ist und nicht wirklich wächst.“[24] Bei einem Wirtschaftsaufschwung, der kaum Jobs schafft, und bei einer anhaltend ungleichen Einkommensverteilung wäre die Stärkung mittlerer Einkommensschichten in der Tat ein Wunder. Die Einkommensverteilung in den meisten Ländern des subsaharischen Afrikas ist so polarisiert wie sonst nirgends auf der Welt.[25] Die Weltbank bilanziert: „Die Länder mit den größten Ungleichheiten liegen in Afrika. […] Über die ganze Region hinweg gesehen ist die Ungleichheit in Afrika im Vergleich mit anderen Regionen hoch und nimmt weiter zu.“[26]

Afrikanisches Erwachen: Soziale Bewegungen und Zivilgesellschaft

Mit der Beschwörung einer wachsenden afrikanischen Mittelschicht geht die Hoffnung einher, dass Menschen mit höheren Einkommen politisch wacher wären. Sie wären weniger anfällig für die politische Instrumentalisierung von ethnischen Zugehörigkeiten und würden sich autoritären Tendenzen eher widersetzen, hoffen manche Beobachter. Tatsächlich ziehen höhere Einkommen aber keineswegs automatisch demokratische Haltungen nach sich: „Je stärker der Wohlstand der Mittelklassen von einer regierenden Partei abhängt, desto weniger werden deren Mitglieder geneigt sein, sich gegen diese zu wenden“, schreiben etwa Lena Giesbert und Simone Schotte.[27]

Dennoch gehören wachsende demokratische Bewegungen zu den Hoffnung machenden Veränderungen in Afrika: Menschen, die nicht mehr ums tägliche Überleben kämpfen müssen, können sich eher um andere Fragen kümmern. Außerdem ist der Informationsstand großer Bevölkerungsteile heute ungleich besser als vor dem Boom. Dies hängt unter anderem mit der Ausbreitung moderner Kommunikationstechnologien zusammen: Mittlerweile gibt es in Afrika mehr als 630 Mio. Mobilfunkverträge, über ein Viertel der Bevölkerung nutzt das Internet.[28] Und diese Technologien verbreiten sich in Afrika schneller als auf anderen Kontinenten – die digitalen Medien überspringen eine kommunikative Infrastrukturlücke. Das heißt allerdings nicht, dass die Ausbreitung digitaler Medien nur demokratische Bewegungen befördert, auch islamistische Strömungen bedienen sich ihrer. Ob jene „digitalen Dividenden“ anfallen, die etwa die Weltbank erwartet, ist daher ungewiss.

Obwohl es keinen automatischen Zusammenhang zwischen Einkommensentwicklung, digitalen Medien und dem Entstehen demokratischer Bewegungen gibt, nehmen die sozialen Auseinandersetzungen in Afrika doch zu. Westliche Medien berichten darüber allerdings nur selten, eine Ausnahme bildete jüngst der Kampf um Demokratie in Burkina Faso: Eine breite Volksbewegung hatte 2015 den langjährigen Diktator Compaoré gestürzt und einen Militärputsch gestoppt. Die Themen, an denen sich im subsaharischen Afrika soziale Konflikte entzünden, sind vielfältiger geworden.[29] Wenn es einzelnen Regierungen beispielsweise gelungen ist, ihren Einnahmenanteil an der Ausbeutung natürlicher Ressourcen zu steigern, so liegt das auch an einer wachen Zivilgesellschaft, die verstärkt emanzipatorische Anliegen vertritt und sich nicht bloß als Anhängsel des Staates versteht.

„Heute bestimmt die wachsende Dynamik dieser Bewegungen, die für Veränderung eintreten, die soziale und politische Szene des Kontinents“, bilanzierte schon 2011 Firoze Manji nach dem Weltsozialforum in Senegals Hauptstadt Dakar. So sei es allein 2011 in 19 Ländern des subsaharischen Afrikas zu größeren sozialen Konflikten gekommen.[30] Viele dieser Bewegungen richten sich gegen politische Willkür, andere gegen die Folgen von Privatisierung und Deregulierung. Ob westliche Entwicklungspolitik diese unter dem Vorzeichen von „Demokratieförderung“ unterstützen kann, ist aber fraglich.[31] Zu sehr ist diese oftmals mit den Interessen der jeweiligen Regierung verquickt.

Wichtiger wäre es, dass Entwicklungspolitik sich dafür einsetzt, den politischen und wirtschaftlichen Spielraum für eine unabhängige Wirtschaftspolitik zu vergrößern und dafür zu sorgen, dass die in Afrika tätigen transnationalen Konzerne ihre Aktivitäten transparent gestalten. Die dafür notwendigen Reformen müssen vom entwickelten Westen ausgehen. Dies würde es lokalen Initiativen erleichtern, ihrerseits afrikanische Regierungen dazu zu zwingen, vermehrt Rechenschaft über die Ressourceneinnahmen und deren Verwendung abzulegen.

Zudem erscheint China vielen afrikanischen Regierungen als attraktives Gegenmodell zur Privatisierungspolitik von IWF und WTO. Und die Notwendigkeit einer Industriepolitik für Afrika ist wieder stärker in den Vordergrund getreten. Die „Agenda 2063“ der Afrikanischen Union von 2013 besteht zu einem erheblichen Teil aus der Strategie des „Accelerated Industrial Development of Africa“ (AIDA; zu Deutsch: beschleunigte industrielle Entwicklung Afrikas). Sie legt den Fokus auf „vernünftige Industriepolitik“ als „Voraussetzung für Afrikas Entwicklungserfolge“.[32] Industrialisierung wird somit wieder als politische Aufgabe begriffen, die nicht der Marktlogik überlassen werden kann.

Wichtig ist jedoch, dass diese Ansätze mit einer wachen und kritischen Zivilgesellschaft diskutiert werden, damit sie zum Gegenstand sozialer Auseinandersetzungen werden können. Wenn dabei Ansätze zu einer demokratischen Gestaltung der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik entstehen, könnte dies der Ausgangspunkt für eine nachhaltige Entwicklung des Kontinents werden. Das Auslaufen des Rohstoffbooms wäre dann nur der Beginn eines neuen Aufbruchs.

 

[1] So eine vielzitierte Studie: McKinsey&Company, Lions on the Move. Progress and Potential of African Economies, 2010.

[2] Vgl. Helmut Asche, Down to Earth Again: The Third Stage of African Growth Perspective, in:„Africa Spectrum”, 3/2015, S. 125.

[3] African Growth Recurring: An Economic History Perspective on African Growth Episodes 1690-2010, in: „Simon Papers in Security and Development“, 4/2010, S. 30.

[4] Vgl. Steven Radelet, Africa’s Rise – Interrupted?, in: „Finance & Development“, Juni 2016.

[5] Die Senkung der Lizenzgebühren (royalty rates) und anderer Steuern „ist vor allem dem Einfluss der multilateralen Entwicklungsbanken, hauptsächlich der Weltbank, geschuldet“, schreibt die Afrikanische Entwicklungsbank. Vgl. AfDB, Royalty Rates in African Mining Revisited: Evidence from Gold Mining, Addis Abeba 2012, S. 2.

[6] AfDB, Royalty Rates in African Mining Revisited, a.a.O., S. 1.

[7] Vgl. Christopher S. Adam und Anthony M. Simpasa, The Economics of the Copper Price Boom in Zambia, in: Alastair Fraser und Miles Larmer, Zambia, Mining and Neoliberalism. Boom and Bust on the Globalized Copperbelt, New York 2010, S. 70.

[8] Vgl. ebd., S. 77 und S. 87.

[9] Daten zu Struktur und Entwicklung des Außenhandels beruhen auf Angaben der Welthandelsorganisation. Vgl. WTO, World Trade Report, laufende Ausgaben.

[10] Vgl. Jörg Goldberg, Die Emanzipation des Südens, Köln 2014, vor allem S. 155 ff.

[11] Dabei muss man in Rechnung stellen, dass ein Teil des intraafrikanischen Handels statistisch nicht erfasst wird. Vgl. UNECA, Economic Development in Africa Report. Intra-African Trade: Unlocking Private Sector Dynamism, Addis Ababa 2013, S. 14.

[12] Vgl. UNECA, Economic Development in Africa Report, a.a.O., S. 37.

[13] Vgl. UNECA, Economic Development in Africa Report, a.a.O., S. 49 ff.

[14] Vgl. Helmut Asche, Europa, Afrika und die Transatlantik. Die Nord-Süd-Herausforderung für entwicklungsorientierte Handelspolitik, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2015.

[15] Vgl. WTO, World Trade Report 2014. Trade and Development: Recent Trends and the role of the WTO, S. 99.

[16] Vgl. Asche, Down to Earth again, a.a.O., S. 128.

[17] Dani Rodrik, Premature Deindustrialization, New York 2015, S. 1.

[18] Vgl. Asche, Down to Earth again, a.a.O., S. 131.

[19] Vgl. African Development Bank, OECD und UNDP, African Economic Outlook 2016. Sustainable Cities and Structural Transformation, Paris 2016, S. 30.

[20] Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Afrikas demografische Herausforderung. Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann, Berlin 2011, S. 71.

[21] Vgl. World Bank, World Development Indicators, Tabelle 2.11, Participation in Education, 2016.

[22] Der Anteil der Bevölkerung mit weniger als 1,90 Kaufkraftdollar pro Person und Tag ist zwischen 1999 und 2012 von 58 auf 42,7 Prozent gesunken, obwohl die absolute Zahl noch leicht von 375 auf 389 Millionen gestiegen ist. Vgl. World Bank, World Development Indicators, a.a.O.

[23] Vgl. Lena Giesbert und Simone Schotte, Africa’s New Middle Class: Fact and Fiction of its Transformative Power, in: „GIGA Focus Africa“, 1/2016, S. 4.

[24] Africa’s middle class. Few and far between. Africans are mainly rich or poor, but not middle class, in: „The Economist“, 24.10.2015.

[25] Vgl. Quandl Databases, Gini Index by Country, www.quandl.com.

[26] World Bank Group, Africa Poverty Report. Poverty in a Rising Africa, Washington 2016, S. 128 und S. 137.

[27] Giesbert/Schotte, a.a.O., S. 9.

[28] Vgl. „The Guardian“, 17.6.2015.

[29] Vgl. Nikolai Brandes und Bettina Engels, Mehr als Zivilgesellschaft: Soziale Bewegungen in Afrika südlich der Sahara, in: „Forschungsjournal Soziale Bewegungen“, 3/2014.

[30] Vgl. Firoze Manji, Afrikanisches Erwachen: Der Mut, die Zukunft zu erfinden, in: „Peripherie“, 1/2013, S. 80 ff.

[31] Vgl. Patrick Hönig, Afrikanische Wahlautokratien, in: „Blätter“, 6/2016, S. 32.

[32] Vgl. African Union, Strategy for the implementation of the plan of Action for the accelerated industrial development of Africa, Addis Ababa, September 2008, S. 4.

(aus: »Blätter« 1/2017, Seite 105-113)
Themen: Afrika, Entwicklungspolitik und Wirtschaft

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