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Kapitalismus in der Krise

Aus der Krise nichts gelernt

Die Mythen der Mainstream-Ökonomie

von Ulrike Herrmann

Am 9. August 2017 jährt sich der Beginn der globalen Finanzkrise bereits zum zehnten Mal. Bis heute erschreckt, wie groß zuvor die Naivität der Experten war.[1] Noch 2006 verkündete der Internationale Währungsfonds in einer Studie begeistert, dass die „Finanzinnovationen“ die „Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems erhöht“ hätten.[2] Mit diesen „Finanzinnovationen“ waren genau jene Derivate, Kreditausfallversicherungen und Verbriefungen gemeint, die sich ein Jahr später als toxische Schrottpapiere erweisen sollten. Die Experten irrten so einhellig, weil sie allesamt der falschen Theorie anhingen. Sie waren überzeugt, dass die einzelnen Anleger stets „rational“ und die Finanzmärkte immer „effizient“ seien. Die Ökonomen vertraten eine radikalisierte Neoklassik, die ab etwa 1980 populär wurde, nachdem der Monetarismus gescheitert war. Man ging wieder davon aus, dass die Gesamtwirtschaft stets zum Gleichgewicht tendiert. Der Name für diese Theorie lautete in voller Länge „Dynamic Stochastic General Equilibrium Models“ (dynamische stochastische allgemeine Gleichgewichtsmodelle), kurz DSGE. Diese DSGE-Modelle befassten sich mit der gleichen Frage, die schon den französischen Ökonomen Léon Walras im 19. Jahrhundert umgetrieben hatte: Kann ein allgemeines Gleichgewicht entstehen, wenn sich jeder Haushalt nur für den eigenen Nutzen interessiert?

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es den Ökonomen Kenneth Arrow und Gérard Debreu gelungen, eine mathematisch saubere Lösung zu formulieren – die allerdings nur unter Extrembedingungen galt. Beispielsweise mussten Konsumenten und Produzenten absolut rational handeln und durften sich für nichts anderes interessieren, als ihren wirtschaftlichen Vorteil zu maximieren. Übersetzt: Der normale Mensch war nicht gemeint.

Zudem musste es für jedes denkbare Produkt einen perfekten Markt geben, und alle künftigen Eventualitäten mussten schon jetzt mit einem Preis versehen und abgesichert werden. Übersetzt: Jeder einzelne Haushalt musste viele verschiedene Derivate kaufen, um für Krankheit, Arbeitslosigkeit, eine Scheidung oder ungeplante Kinder vorzusorgen. Solche Derivate gibt es bekanntlich nicht. Außerdem musste absolute Transparenz herrschen. Jede Tatsache musste bekannt sein, und jeder Haushalt musste über diese Informationen auch verfügen. Übersetzt: Jeder einzelne Konsument musste noch mehr wissen, als im gesamten Onlinelexikon Wikipedia steht. Und schließlich musste perfekter Wettbewerb garantiert sein. Es durfte keine Monopole oder Oligopole geben; steigende Skalenerträge waren ebenfalls auszuschließen. Übersetzt: Es handelte sich um eine Welt ohne Großkonzerne.[3]

Für diese Erkenntnisse erhielten Arrow und Debreu den Nobelpreis – zu Recht. Dank ihrer Analyse war nun deutlich, dass der real existierende Kapitalismus niemals zum Gleichgewicht tendieren würde. Denn keine der Bedingungen war erfüllt oder erfüllbar.

Eine »Theorie der rationalen Erwartungen«

Man hätte also erwarten können, dass sich die Ökonomen von der Fiktion des Gleichgewichts verabschieden würden. Weit gefehlt. Auf eine derartige Idee können nur „Laien“ kommen. Die Ökonomie hingegen entwickelte sich in die entgegengesetzte Richtung: Das „allgemeine Gleichgewicht“ wurde verfeinert und zur geltenden „Makroökonomie“ erhoben. Vor der Finanzkrise arbeiteten alle Zentralbanken mit den DSGE-Modellen,[4] obwohl Banken und Kredite dort kaum vorkommen. Wie schon in der alten Neoklassik wurde das Geld wieder zu einem „Schleier“ degradiert, der über der Realwirtschaft lag. Die Zentralbanken konnten die Finanzkrise also unmöglich erkennen: In ihren Theorien hatten sie längst ausgeschlossen, dass es Crashs gibt.

Die Neoklassiker opferten die Realität, weil sie auf jeden Fall vermeiden wollten, dass sie zur Makroökonomie von Keynes zurückkehren mussten. Denn aus ihrer Sicht hatte Keynes’ Theorie einen fatalen Fehler: Es gab in ihr keine Verbindung zwischen der Mikro- und der Makroebene. Bei Keynes waren nur die „Gesamtaggregate“ wichtig, also die Summe aller Investitionen oder die allgemeine Sparquote. Der einzelne Haushalt war unbedeutend und bildete nur eine kleine Ziffer in der Gesamtstatistik.

Damit wollte sich die Neoklassik nicht abfinden. Sie bestand auf einer „Mikrofundierung“. Die Gesamtwirtschaft sollte die Summe ihrer Einzelteile sein. Also bastelte man sich eine Makroökonomie, die sich „mikrofundieren“ ließ: das allgemeine Gleichgewicht. Jede Unwucht musste prinzipiell ausgeschlossen werden, weil sonst nicht mehr gegolten hätte, dass die einzelnen Haushalte den Zustand der Gesamtwirtschaft spiegeln.

Dies führt nun zum zweiten Theorieelement, das Laien staunen lässt: Es wurde eine „Theorie der rationalen Erwartungen“ postuliert. Der sehr einflussreiche Nobelpreisträger Robert Lucas behauptete, dass jeder Mensch in jedem Moment seines Lebens nur darauf sinnen würde, seinen Nutzen zu maximieren. Diese Theorie ist sogar noch extremer, als sie zunächst klingt. Lucas setzte voraus, dass die Menschen die Zukunft kennen. Ereignisse in – sagen wir – zehn Jahren sollten genauso bekannt sein wie die Gegenwart.

Zu dieser ebenso drastischen wie absurden Annahme war Lucas gezwungen, weil es für die DSGE-Modelle nicht reichte, wenn Menschen rational sein wollen – sie müssen es objektiv sein. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn sie die Zukunft kennen. Natürlich ist es Unsinn, dass die Zukunft bekannt wäre, wie jeder weiß, der sich schon einmal mit dem Brotmesser geschnitten hat. Wenn man wüsste, dass gleich ein Unfall droht, würde dieses Missgeschick nicht passieren. Man schneidet sich ja nicht freiwillig in den Finger. Auch abseits dieser banalen Alltagsweisheit hätte das Theorem von Lucas die erstaunlichsten Konsequenzen: Beispielsweise könnte es die Spekulation an den Börsen gar nicht mehr geben. Wenn jeder alles über die Zukunft weiß – wie soll man dann noch auf Aktienkurse wetten?[5]

Zudem ist der Mensch nicht rational. Diese Beobachtung machte schon Adam Smith, der ein Beispiel auswählte, das die „Theorie der rationalen Erwartungen“ schlagend widerlegt: das Lottospiel. Dort ist nämlich der seltene Fall gegeben, dass die Zukunft tatsächlich genau kalkulierbar ist. Mühelos lässt sich berechnen, dass man beim Lotto höchstwahrscheinlich verliert. Doch obwohl die allermeisten Teilnehmer garantiert draufzahlen, lassen sie sich nicht davon abhalten, ihr Glück zu versuchen, wie Smith erstaunt notierte: „Dass die Gewinnchancen meist überschätzt werden, können wir vom allgemeinen Erfolg der Lotterien lernen.“[6]

Inzwischen hat auch die Verhaltensökonomie unzählige Beispiele geliefert, dass „Rationalität“ keine Eigenschaft ist, die den Menschen besonders auszeichnen würde. Man hätte also erwarten können, dass die „Theorie der rationalen Erwartungen“ einen raschen Tod sterben würde. Doch erneut passierte genau das Gegenteil – die Theorie wurde ins irrwitzige Extrem getrieben. Das größte Problem der Neoklassik taucht nämlich dort auf, wo man es zunächst gar nicht vermuten würde: bei ihrem „Fundament“, also bei den Konsumenten und Produzenten. Denn es ist ja uninteressant, nur einen einzelnen Haushalt zu betrachten. Die Ökonomie will zu volkswirtschaftlichen Gesamtaussagen kommen – dafür muss man aber die Summe aller Konsumenten bilden. Man muss deren Nutzenkalkül „aggregieren“.

Dies ist jedoch unmöglich, wie bereits ein einfaches Beispiel zeigt: Konsument A isst lieber Bananen als Kekse – eigentlich. Aber wenn Konsument B auch Bananen kauft, dann steigt der Preis für die Tropenfrüchte.[7] Daher könnte es für Konsument A doch besser sein, Kekse statt Bananen zu kaufen, um den eigenen Gesamtnutzen zu optimieren.[8] Man stelle sich dieses Prozedere mit Milliarden von Menschen vor, die Billionen von Kaufentscheidungen treffen. Es geht nicht. Daher entwickelte die Neoklassik ein Modell, das diese Theorieprobleme umging, indem es die Makroökonomie auf eine einzige exemplarische Person reduzierte. Das Modell ähnelte also dem Roman „Robinson Crusoe“: Die gesamte Weltwirtschaft soll aus nur einem einzigen Konsumenten bestehen, der zugleich der einzige Produzent ist. Selbst Freitag darf dieses Eiland nicht betreten, da die Theorie mit zwei Menschen schon überfordert wäre. Dieser Robinson Crusoe ist zudem kein normaler Mensch – sondern lebt ewig. Die Neoklassik kann nämlich nicht modellieren, wie das Altern den Konsum verändert. Außerdem stellt Robinson lebenslang nur eine einzige Ware her, weil schon zwei Güter die Theorie ebenfalls ins Chaos treiben würden.

Das Leben in dieser neoklassischen Theoriewelt nimmt also sehr merkwürdige Konturen an: Der einsame Konsument, der ewig lebt, verbraucht alle Waren, die aber nur aus einem einzigen Produkt bestehen, das in einer einzigen Firma hergestellt wird, die der einzige Konsument selbst besitzt und in der er auch der einzige Angestellte ist.[9] Banken, Kredite oder gar Geld sind in diesem Modell überflüssig. Mit Kapitalismus hat diese Fiktion nichts zu tun. Der Nobelpreisträger Ronald Coase merkte 1992 bissig an, die Neoklassik sei nur in der Lage, „Einzelgänger“ zu analysieren, „die am Rande eines Waldes mit Beeren und Nüssen handeln“.[10] Die Neoklassik nennt ihren „Einzelgänger“ etwas pompöser einen „repräsentativen Agenten“, was einmal einen intelligenten Studenten zu der Frage animierte: „Wen oder was repräsentiert denn dieser repräsentative Agent?“[11] Darauf gibt es keine Antwort. Die Neoklassik behauptet zwar, dass sich die unterschiedlichen Bedürfnisse der Haushalte gegenseitig aufheben würden, weswegen es legitim sei, nur von einem einzigen „repräsentativen Konsumenten“ auszugehen. Doch das ist reine Tautologie. Das makroökonomische Gleichgewicht wird bereits vorausgesetzt, das die „Mikrofundierung“ erst beweisen soll.

Obwohl die DSGE-Modelle so bizarr sind, wurden sie trotzdem von den Zentralbanken benutzt. Die Finanzaufsicht war entsprechend lasch, denn die fiktive Robinsonade schien ja zu beweisen, dass Banken und Kredite für das Gesamtsystem irrelevant sind. Makroökonomisch hatte man also ausgesorgt, und auch in der Mikroökonomie gab es keine Zweifel, dass die Finanzmärkte stets effizient seien. Dies wurde durch eine Theorie „bewiesen“, die ebenfalls höchst seltsam anmutete: die „Efficient Market Hypothesis“ (Markteffizienzhypothese).

Drei Annahmen sollten belegen, dass die Finanzmärkte immer recht haben und jederzeit den „wahren“ Wert von Aktien und Anleihen abbilden. Erstens: Die Anleger sind rational. Zweitens: Sollten die Anleger nicht rational sein, macht das auch nichts. Denn ihre irrationalen Entscheidungen würden sich gegenseitig aufheben, so dass der Markt als Ganzes wieder rational sein würde. Drittens: Sollte der Markt tatsächlich einmal irrational sein, dann gäbe es garantiert Spekulanten, die sofort erkennen, dass die Aktien und Anleihen von ihrem „echten“ Wert abweichen – und entsprechende Wetten abschließen. Prompt würde sich der Markt wieder einpendeln.[12]

In dieser schönen Plastikwelt war die Zukunft so bekannt wie die Gegenwart. Spekulanten folgten nie der Herde, und es war auch nicht denkbar, dass sich eine Spekulationsblase aufpumpte, weil ständig Kredite ins System flossen. Die Ökonomen konnten die Finanzkrise gar nicht vorhersehen – denn sie hatten Crashs theoretisch ausgeschlossen.

Das blinde Marktvertrauen

Blind vertraute man der Effizienz des Marktes, was so absurd war, dass selbst Ökonomen schon Witze machten. Einer ging so: „Ein Ökonom und ein Freund laufen die Straße entlang. Plötzlich sehen sie einen 100-Dollar-Schein auf dem Gehweg. Als sich der Freund bückt, um den Schein aufzuheben, sagt der Ökonom: ‚Lass es – wenn es ein echter 100-Dollar-Schein wäre, hätte ihn schon jemand aufgehoben.‘“[13] Es wäre lustig, wenn es nicht so tragisch wäre. Denn die Finanzkrise war extrem teuer. Weltweit summierten sich die Schäden auf viele Billionen.[14] Verantwortlich waren auch jene Ökonomen, die liberalisierte Finanzmärkte forcierten, weil sie an die „Theorie der rationalen Erwartungen“ glaubten. Ihre Hybris hat Robert Lucas perfekt zum Ausdruck gebracht. Vor der Krise sagte er: „Ich glaube, Keynes’ gegenwärtiger Einfluss als Ökonom ist ziemlich nah bei null, und war bei null in den vergangenen fünfzig Jahren. Keynes war kein besonders guter Ökonom. Er hat nicht viel zur Entwicklung des Fachs beigetragen.“[15] So kann man sich irren.

Die Mainstream-Ökonomen hatten den Crash zwar produziert, aber deuten konnten sie ihn nicht – und Lösungen hatten sie auch keine zu bieten. Achtzig Jahre Forschung erwiesen sich als weitgehend überflüssig.

Da die Neoklassiker ratlos waren, orientierten sich die Regierungen nun wieder an Keynes: Banken wurden gerettet, Konjunkturprogramme angeschoben und gigantisches „deficit spending“ betrieben. Diese Rettungsmaßnahmen waren enorm erfolgreich; eine Dauerdepression wie 1929 konnte vermieden werden.

Doch es hatte seinen intellektuellen Preis, dass es nicht zu einer furchtbaren Krise kam: Die Neoklassik wurde nicht gezwungen, sich mit dem eigenen Scheitern auseinanderzusetzen. Nach einer kurzen Schockstarre erholte sich der Mainstream wieder und postulierte unbeirrt die alten Gewissheiten. FED-Chef Ben Bernanke etwa sagte selbstbewusst: „Ich denke, dass die Forderung übertrieben ist, dass das ganze Fach neu überdacht werden muss. Ich würde argumentieren, dass die Finanzkrise im Wesentlichen ein Versagen der ökonomischen Steuerung und des ökonomischen Managements war – aber nicht der ökonomischen Wissenschaft.“[16]

Bernanke scheint also zu glauben, dass die „ökonomische Steuerung“ in einem luftleeren Raum stattfindet und die Theorie keinerlei Einfluss darauf hat, wie die Banken beaufsichtigt werden. Wäre dies wahr, wären die Wirtschaftswissenschaften überflüssig.

Tatsächlich ist es umgekehrt: Da die Neoklassik bei ihren alten Theorien verharrte, hat sich auch auf den Finanzmärkten nicht viel geändert. Nach der Krise wurden zwar neue Vorschriften erlassen, die inzwischen viele tausend Seiten umfassen – aber an den zentralen Stellschrauben des Systems wurde nicht gedreht.[17] Der Derivatehandel läuft fast unverändert weiter und kommt immer noch, wie schon dargestellt, auf ein Volumen von 493 Billionen Dollar. Nach der Krise ist also vor der Krise. Der Kapitalismus entwickelt sich völlig ungesteuert, weil der Mainstream eine Theorie vertritt, in der dieser Kapitalismus nicht vorkommt. Es ist eine Theorie ohne Großkonzerne, ohne Produktion, ohne Kredite – ja ohne Geld. Zur Neoklassik zählen sich etwa 85 Prozent aller Ökonomen.[18] Sie werden wieder scheitern und Kosten produzieren, die in die Billionen gehen.

Die Ökonomie ist keine Naturwissenschaft. Diese Aussage mag trivial erscheinen – aber die Neoklassik versucht seit dem 19. Jahrhundert, ihre Theorie als eine Variante der Physik zu verkaufen. Symptomatisch ist Milton Friedman, der in seiner Nobelpreisrede verkündete: Die Prognosen der Ökonomie seien zwar manchmal falsch – aber nicht häufiger als in der Physik, Biologie, Medizin oder Meteorologie.[19]

Diese Sicht ist so erstaunlich wie unsinnig. Aber es hat eine Funktion, dass die Neoklassiker gern eine Naturwissenschaft wären: Dies entsorgt das leidige Thema namens „Macht“. Plötzlich ist es keine politische Frage mehr, warum einige reich und viele arm sind. Die Ungleichheit wird zu einem angeblichen Naturgesetz erhoben, an dem sich nichts ändern lässt.

Der Mensch wird zu einem Atom stilisiert, das einsam auf seiner Bahn kreist. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher brachte diese Fiktion einst wunderbar auf den Punkt, als sie ihren berühmt-berüchtigten Satz äußerte: „There is no such thing as society.“ (Es gibt keine Gesellschaft.)

Glaubt man Thatcher und den Neoklassikern, dann wird eine Stadt wie London von 8,7 Millionen Robinson Crusoes bevölkert, die alle auf ihrer eigenen separaten Insel sitzen. Mit diesem Einzelgängermodell lässt sich der Kapitalismus nicht verstehen, der ein komplexes Zusammenspiel der gesamten Gesellschaft ist.

Kehren wir zurück – zu Smith, Marx und Keynes

Die Ökonomie muss daher zu Smith, Marx und Keynes zurückkehren, wenn sie relevante Erkenntnisse produzieren will. Allerdings darf man nicht den neoklassischen Fehler wiederholen, nun ebenfalls nach „Wahrheiten“ zu suchen. Der Kapitalismus ist so dynamisch, dass sich die Perspektiven und Themen ständig ändern. Jede Generation muss ihre eigene Wirtschaftswissenschaft erfinden. Trotzdem können Smith, Marx und Keynes wesentliche Anregungen liefern. Um bei der Mikroökonomie zu beginnen: Die Neoklassik liegt falsch, wenn sie glaubt, dass die „Grenzkosten“ oder die „Grenzproduktivität“ die Preise bestimmen würden. Stattdessen hatte Adam Smith mit seiner „additiven Sicht“ recht, dass sich die Preise aus Kosten plus Gewinnmarge zusammensetzen. Genauso gehen die meisten Firmen auch heute vor, wie aktuelle Umfragen unter Managern zeigen: Sie kalkulieren ihre Aufwendungen und schlagen eine Profitrate oben drauf.[20] Natürlich gibt es zahllose Zusatztricks, wie Firmen ihre Kunden übertölpeln können, was in der Beratungsliteratur für Führungskräfte auch breit beschrieben wird. Doch auch diese „Preisbibeln“ kommen gänzlich ohne Begriffe wie Grenznutzen, Grenzkosten oder Grenzertrag aus.[21] Die Neoklassik hat also mit der Praxis der Firmen nichts zu tun und sich in eine fiktive Welt abgesondert. Die Betriebswirtschaftslehre hat die Neoklassik nie übernommen, weil diese so offensichtlich realitätsfern ist.[22] Aber anderswo hinterlässt diese irrige Preistheorie noch immer immense Schäden. Ganz besonders ist dies beim Thema Lohnpolitik zu beobachten.

Die Neoklassiker sind sehr einflussreich und dominieren alle Expertengremien, die die Ministerien beraten. Permanent werden also die Regierungen ermahnt, dass die Löhne der „Grenzproduktivität“ des einzelnen Arbeitnehmers entsprechen müssten. Übersetzt: Wenn es Arbeitslose gibt, müssen die Löhne runter, denn die Arbeitslosigkeit scheint ja zu zeigen, dass die Beschäftigten zu teuer sind. Hierbei handelt es sich zwar um einen klassischen Zirkelschluss, aber das fällt in der Hitze der Debatte nicht auf. Auch wissen die meisten Politiker nicht, dass die Neoklassik auf einer Theorie beruht, die eine Fiktion namens Robinson Crusoe modelliert.

Wie zirkulär die neoklassische Theorie argumentiert, zeigt sich auch daran, dass man fast nie gehört hätte, dass die Neoklassiker für deutliche Lohnsteigerungen plädieren. Völlig unabhängig von der realen Lage dekretieren diese Ökonomen immer, dass die Gehälter tendenziell zu hoch seien, „Lohnzurückhaltung“ angesagt und ein Mindestlohn brandgefährlich sei.

Zumindest ein eklatanter Widerspruch sollte jedoch sofort auffallen: Die Neoklassiker sind zwar hingebungsvoll damit beschäftigt, die „Grenzproduktivität“ von Friseurinnen in Ostdeutschland zu analysieren – aber auf sich selbst wenden sie ihre Theorie niemals an. Nie wird gefragt, wie hoch eigentlich die „Grenzproduktivität“ eines Wirtschaftsprofessors ist, der unbeirrt an einer Theorie festhält, die schwere Finanzkrisen und damit Billionenschäden produziert. Wäre die Welt tatsächlich neoklassisch, wären alle Neoklassiker längst entlassen, weil ihre „Grenzproduktivität“ eindeutig weit unter null liegt. Aber Löhne entstehen eben anders, als die Neoklassiker glauben: Das Lohnniveau hängt nicht von der „Grenzproduktivität“ des einzelnen Arbeitnehmers ab – sondern entscheidend ist das technische Niveau der gesamten Volkswirtschaft. Je höher die Wirtschaftsleistung ist, desto höher sind auch die Löhne des Einzelnen. Der südkoreanische Ökonom Ha-Joon Chang illustriert diesen Effekt sehr anschaulich anhand von zwei Busfahrern: Sven lebt in Schweden und Ram in Indien. Beide sind gleich „produktiv“, denn beide transportieren Menschen in einem Bus. Trotzdem verdient Sven fast fünfzigmal so viel wie Ram.

Auch der erfolgreiche Investor Warren Buffett weiß genau, dass er seine Milliarden nur verdienen konnte, weil er in den USA geboren wurde: „Ich persönlich glaube, dass ich mein Einkommen zu einem wesentlichen Teil der Gesellschaft zu verdanken habe. Würde man mich irgendwo in Bangladesch oder Peru aussetzen, würde man schnell feststellen, wie wertlos mein Talent in der falschen Umgebung ist. Ich würde nach dreißig Jahren immer noch ums Überleben kämpfen.“[23]

Neoliberale berufen sich zwar gern auf Adam Smith, haben aber nie verstanden, was aus dem Prinzip der Arbeitsteilung folgt: Jeder ist Teil eines Teams, und die Leistung des Einzelnen ist nur sehr eingeschränkt individuell messbar, weil sie von der Zuarbeit anderer abhängt. Im Kapitalismus kann der Erfolgreiche nur erfolgreich sein, weil ihm viele andere diesen Erfolg ermöglichen. Daher lässt sich auch nicht wissenschaftlich bestimmen, wie hoch das Gehalt einer Sekretärin im Vergleich zur Vergütung eines Managers sein sollte. Dies ist eine Machtfrage, um noch einmal das M-Wort zu benutzen, das die Neoklassiker so fürchten. Nur ein Beispiel: Aktuell verdienen DAX-Manager fünfzigmal so viel wie durchschnittliche Angestellte.[24] Es fällt schwer zu glauben, dass sie auch so viel leisten wie fünfzig Angestellte.

Keynes hatte also recht, dass es sinnlos ist, auf den „Arbeitsmarkt“ zu starren, um herauszufinden, warum es Arbeitslose gibt. Wie hoch die Beschäftigung ist, wird ganz woanders bestimmt – auf den Finanzmärkten. Die Anleger entscheiden, ob sich „echte“ Investitionen in „echte“ Firmen lohnen – ob es sich also rentiert, Arbeitskräfte einzustellen – oder ob es lukrativer ist, mit Derivaten, Anleihen, Aktien und Immobilien zu spekulieren.

Die ganz eigene Logik der Finanzmärkte lässt sich aber nur verstehen, wenn man, wie Keynes, makroökonomisch und damit in Gesamtaggregaten denkt. Nur dann fällt sofort auf, dass es sich um blanke Spekulation handeln muss, wenn täglich vier Billionen Dollar um den Erdball kreisen, um mit Währungen zu spekulieren – obwohl die globale Wirtschaftsleistung insgesamt nur 73 Billionen Dollar im Jahr beträgt.

Die Neoklassik hingegen kann diese Spekulation gar nicht erkennen, weil sie in ihrer Mikroökonomie verharrt und sich nur für das einzelne Derivat interessiert. Unbeirrt nimmt die Neoklassik an, dass die „Finanzmärkte“ echte Märkte seien, auf denen sich normale Preise bilden. Dies ist offensichtlich falsch: Wenn Kartoffeln teurer werden, kaufen viele Kunden lieber Nudeln. Doch wenn die Preise für Aktien steigen, werden nicht etwa weniger Papiere gekauft – sondern mehr. Sobald die Kurse zulegen, stürzen sich die Spekulanten erst recht auf die Aktien, um die „Rallye“ bloß nicht zu verpassen. Für den einzelnen Finanzanleger ist es rational, der Herde zu folgen, selbst wenn die gesamte Herde in die falsche Richtung hetzt.

Verrammeln wir der Herde das Gatter!

Die Herde der Finanzanleger lässt sich nur stoppen, wenn man das Gatter ihrer Weide verrammelt. Es ist kein Zufall, dass Keynes letztlich sein Leben opferte, um ausgerechnet ein optimales Weltwährungssystem durchzusetzen. Er wusste, dass der Kapitalismus nur störungsfrei funktionieren kann, wenn man die Devisenspekulation unterbindet. Keynes’ System ist unverändert aktuell, denn sein Bancor war weder an den Dollar noch ans Gold gekoppelt. Er hat damit genau jene Tücken vermieden, an denen das System von Bretton Woods gescheitert ist.

Wenn man Wechselkurse fixiert, ist jedoch eine Bedingung zu beachten: Der Außenhandel muss ausgeglichen sein. Es darf nicht sein, dass einige Länder permanent Exportüberschüsse anhäufen, während andere Staaten genauso unbekümmert Defizite produzieren. Beim Bancor war daher vorgesehen, dass sowohl Überschüsse wie Defizite mit Strafzinsen belegt werden.

Leider wurde Keynes’ kluge Idee bei der Einführung des Euros nicht befolgt – dabei wäre es bei der Währungsunion noch nötiger gewesen, Überschüsse und Defizite zu ahnden. Denn beim Bancor wäre es immerhin jederzeit möglich gewesen, dass die Zentralbanken die Wechselkurse neu festsetzten, falls ein Land zu viel exportierte oder importierte. Dies geht beim Euro bekanntlich nicht, weil alle Mitgliedsländer das gleiche Geld haben.

Inzwischen ist die Eurozone kaum noch funktionsfähig. Deutschland hat gigantische Exportüberschüsse aufgehäuft, während Staaten wie Griechenland oder Spanien beträchtliche Auslandsschulden haben. Diese Unwucht wäre gar nicht erst entstanden, wenn von Anfang an klar gewesen wäre, dass sowohl Überschüsse als auch Defizite massiv bestraft werden.

Noch immer sind viele Deutsche stolz auf den großen Exportüberschuss, den ihr Land jedes Jahr erwirtschaftet. Doch ist dieses Plus nur möglich, weil woanders ein Minus entsteht. Zudem ist dieses Plus völlig wertlos und nur noch eine fiktive Zahl in einem Bankcomputer, denn die Schuldner werden ihre Schulden niemals zurückzahlen können. Besonders deutlich wird dies am Beispiel Griechenlands: Das Land steckt in genau jener Falle, in der Deutschland ab 1919 festsaß, als es Reparationen leisten sollte. Keynes hat damals das zentrale Problem herausgearbeitet: Wer Auslandsschulden bedienen soll, benötigt Exportüberschüsse. Diese Überschüsse hat Griechenland nicht. Es wäre daher sinnvoll, die Schulden der Eurokrisenländer endlich abzuschreiben. Sie sind sowieso rettungslos verloren.[25]

Die Eurozone funktioniert nicht, weil auch sie an einem Irrtum der Neoklassiker krankt: Es wird unterstellt, dass Einzelstaaten genau wie Unternehmen funktionieren würden. Dieses groteske Missverständnis manifestiert sich in dem beliebten Schlagwort der „Wettbewerbsfähigkeit“. So wie einzelne Firmen nur überleben können, wenn sie mindestens so kostengünstig produzieren wie die Konkurrenz, so soll auch für Staaten gelten, dass sie sich im „Wettbewerb“ durchsetzen müssen, indem sie möglichst billig sind und Exportüberschüsse anhäufen. Deutschland hat daher seit 1996 gezielt seine Reallöhne gedrückt, um die anderen Euroländer zu unterbieten.

Doch anders als Unternehmen sind Staaten keine Konkurrenten. Die heutige Neoklassik macht exakt den gleichen Fehler, den Adam Smith schon bei den Merkantilisten diagnostiziert hat: Sie setzt auf eine Verarmungspolitik des Nachbarn, auf die Strategie „beggar-thy-neighbour“.

Doch wie Adam Smith ebenfalls klar erkannte, kann eine solche Staatenkonkurrenz gar nicht funktionieren: Wohin soll die Exportnation denn exportieren, wenn den anderen Ländern das Geld fehlt, um zu importieren? Kapitalistische Länder können nur gemeinsam reich werden, nicht gegeneinander.

Werden wir endlich auch zum Importweltmeister

Deutschland muss sich also dringend von seinen gewaltigen Exportüberschüssen verabschieden, wenn die Eurozone überleben soll. Viele Bundesbürger entwickeln sofort Verlustängste, wenn sie diese Nachricht hören, doch auch diese Furcht beruht auf einem Missverständnis: Man darf ruhig „Exportweltmeister“ bleiben – solange man auch „Importweltmeister“ ist.[26] Wichtig ist nur, dass der Außenhandel ausgeglichen ist, damit alle Länder gemeinsam wachsen können.

„Importweltmeister“ kann Deutschland jedoch nur werden, wenn hierzulande die Löhne deutlich steigen. Die frohe Botschaft lautet: Europaweit werden alle reicher, auch die deutschen Unternehmer, wenn die deutschen Arbeitnehmer mehr verdienen. Es handelt sich um eine klassische Win-win-Situation, die nur die Neoklassiker nicht wahrnehmen können, weil sie niemals die Perspektive der Einzelfirma verlassen.

Die Neoklassiker haben überhaupt ein sehr beschränktes Bild vom Außenhandel: Er kommt bei ihnen nur als Freihandel von Waren vor. Die grassierende Devisenspekulation wird genauso ignoriert wie das Problem der Auslandskredite und -schulden. Doch obwohl dieser neoklassische Begriff vom Freihandel so außerordentlich reduziert ist, soll ausgerechnet diese Schrumpfversion die Welt retten. Die Neoklassik stilisiert den Freihandel zum zentralen Wachstumsmotor, weswegen derzeit etwa 110 Länder damit beschäftigt sind, 22 regionale Handelsabkommen zu verhandeln.

Kritiklos wird unterstellt, dass der Freihandel grundsätzlich effizient sei, und in jedem Lehrbuch wird Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile ausbuchstabiert. Tatsächlich ist dieses Modell mathematisch absolut sauber. Doch wie schon Keynes feststellte, gilt es in seiner reinen Form nur unter einer Bedingung: wenn allseits Vollbeschäftigung herrscht. Zudem lebte Ricardo in einer Zeit, als es nur kleine Firmen gab. Er hätte sich niemals vorstellen können, dass 200 transnationale Konzerne etwa 10 Prozent der gesamten weltweiten Wirtschaftsleistung produzieren. Geschätzte 50 Prozent des globalen Handels finden nicht mehr zwischen Ländern statt – sondern innerhalb von grenzüberschreitenden Großkonzernen.[27]

Der Staat ist als Gegengewicht unerlässlich

Den klassischen Freihandel gibt es also genauso wenig wie den „freien Markt“, auf dem perfekter Wettbewerb herrscht. Stattdessen wird die globale Wirtschaft von Großkonzernen beherrscht, was Marx und Engels als Erste erkannten. Dieser Konzentrationsprozess ist jedoch keine Intrige böser Kapitalisten, sondern das Paradox des Wettbewerbs: Ausgerechnet das Prinzip der Konkurrenz führt dazu, dass am Ende nur noch Oligopole übrig bleiben. Denn jeder einzelne Unternehmer ist gezwungen, permanent seine Effizienz zu steigern und mehr zu produzieren, wenn er im Wettbewerb bestehen will. Doch da der Markt irgendwann gesättigt ist, überleben nur wenige Giganten.

Das Thema Macht lässt sich also nicht ignorieren, wie die Neoklassik gern behauptet. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Wirtschaft von den Großkonzernen und den Finanzmärkten dominiert wird. Der Staat ist daher unerlässlich, um als Gegengewicht zu wirken. Doch ist er mehr als nur ein Reparaturbetrieb, der die Schäden des Kapitalismus beseitigt. Ohne den Staat könnte sich der Kapitalismus gar nicht entwickeln – nicht zuletzt weil den Unternehmern die Ideen ausgehen würden.

Neoklassiker glauben zwar gern, dass die wichtigen Erfindungen einzelnen Genies zu verdanken seien. Doch das ist reine Fiktion. Forschung findet im Kollektiv statt – und wird meist vom Staat finanziert. Die italienisch-amerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato hat kürzlich untersucht, wie es zu den technischen Erfindungen kam, die neue Produkte wie Google, Smartphones oder komplexe Krebstherapien möglich machten. Ergebnis: Die nötigen Erkenntnisse waren immer in staatlichen Labors entstanden. Private Firmen haben diese Innovationen „nur“ noch zu marktfähigen Waren zusammengebaut. Steve Jobs beispielsweise war besonders genial darin, staatliches Wissen in neue Produkte umzusetzen – und den Gewinn zu privatisieren.[28] Den perfekten Markt, den die Neoklassik herbeisehnt, gibt es also nicht. Das ist gut so. Hätte der Markt immer recht, wären ökonomische Theorien überflüssig.

Die Deutung des Kapitalismus wird nie eindeutig sein, und es wird immer konkurrierende Interpretationen geben. Aber keine Theorie sollte so banal sein, dass sie den Kapitalismus auf eine fiktive Tauschwirtschaft reduziert, in der es noch nicht einmal Kredite gibt.

Der Kapitalismus ist nicht nur komplex, sondern paradox, wie Smith, Marx und Keynes wussten: Er ist ein Prozess, der keinen Stillstand kennt. Er ist niemals stabil, sondern schwankt zwischen Boom und Krise. Vermögen existiert nicht per se, sondern hat nur Bestand, wenn es ständig neu eingesetzt wird. Einkommen ist niemals garantiert, sondern entsteht nur, wenn unablässig investiert wird. Für den Einzelnen ist Sparen sinnvoll – für die Gesellschaft als Ganzes kann es gefährlich sein, weil dann die Nachfrage fehlt. Zwischen den Firmen gibt es Wettbewerb, bis kein Wettbewerb mehr übrig ist und nur noch Großkonzerne herrschen. Kapitalismus ist also keine „Marktwirtschaft“, obwohl es Märkte gibt. Maschinen sind nur Hilfsmittel, doch diese technischen Innovationen definieren die Realität und verändern sie.

Der Kapitalismus produziert immensen Wohlstand, aber gleichzeitig vergrößert er den Abstand zwischen Arm und Reich. Es herrscht Überfluss, aber in Krisen kann es plötzlich zu großer Not kommen. Geld entsteht „aus dem Nichts“, ist aber kein Nichts, sondern ein zentraler Machtfaktor, weil die Spekulation die Realwirtschaft aussaugt und erdrückt. Der Kapitalismus scheint das Gegenteil vom Staat zu sein, kann aber ohne den Staat gar nicht existieren. Der Kapitalismus ist das einzige dynamische soziale System, das die Menschheit je hervorgebracht hat. Die Ökonomie sollte ihn erforschen, statt ihn und seine Krisen aus der Theorie zu verbannen.

Der Beitrag basiert auf „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können“, dem neuen Buch der Autorin, das im Westend Verlag erschienen ist.

 

[1] Nur wenige Außenseiter warnten, dass es wieder zu einem Finanzcrash kommen würde. Der heute berühmteste Kritiker des Mainstreams war Hyman Minsky (1919-1996), der jedoch zu Lebzeiten kaum beachtet wurde.

[2] Zit. nach Adair Turner, Between Debt and the Devil. Money, Credit and Fixing Global Finance, Princeton 2016, S. XI.

[3] Vgl. Dani Rodrik, Economic Rules. Why Economics Works, When It Fails, and How To Tell The Difference, Oxford 2015, S. 50 f.

[4] Martin Wolf, The Shifts and the Shocks. What We’ve Learned – and Have Still to Learn – from the Financial Crisis, London 2014, S. 197; Adair Turner, Between Debt and the Devil. Money, Credit and Fixing Global Finance, Princeton 2016, S. 28 ff.

[5] Vgl. Michael Heine und Hansjörg Herr, Volkswirtschaftslehre. Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie, Oldenbourg 42013, S. 354.

[6] Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Oxford 2008 [1776], S. 104 f.

[7] Die Neoklassik geht ja davon aus, dass die Grenzkosten steigen, was wiederum höhere Preise bedeutet, wenn der Absatz zunimmt. Diese weltferne Annahme ist nötig, weil es sonst keinen perfekten Wettbewerb gäbe.

[8] Steve Keen, Debunking Economics: The Naked Emperor Dethroned? Revised and Expanded Edition London 2011, S. 43 f. Bei den Produzenten tauchen spiegelbildlich die gleichen Probleme auf, worauf der italienische Ökonom Piero Sraffa schon 1926 hingewiesen hat.

[9] Zit. nach Steve Keen, Debunking Economics, a.a.O., S. 256 f.

[10] Zit. nach Ha-Joon Chang, Economics: The User’s Guide, London 2014, S. 127.

[11] Zit. nach Philip Mirowski, Never Let a Serious Crisis Go to Waste. How Neoliberalism Survived the Financial Meltdown, London und New York 2014, S. 279.

[12] Zit. nach Turner, Between Debt and the Devil, a.a.O., S. 37 f.

[13] Zit. nach Mirowski, Never Let a Serious Crisis Go to Waste, a.a.O., S. 264.

[14] Allein in Deutschland stieg die Staatsverschuldung durch die Finanzkrise um knapp 20 Prozentpunkte, was umgerechnet etwa 400 Mrd. Euro waren. Die direkte Hilfe für die Banken dürfte am Ende etwa 50 Mrd. Euro betragen. Viel teurer waren die indirekten Kosten durch Steuerausfälle, Konjunkturpakete und Unterstützung für die Arbeitslosen. Dieses Bild zeigt sich auch international: Im Durchschnitt mussten die westlichen Industriestaaten „nur“ etwa 3 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aufwenden, um die Banken zu retten. Aber die Staatsverschuldung stieg im Durchschnitt um 34 Prozent (vgl. Turner, Between Debt and the Devil, a.a.O., S. 3).

[15] Zit. nach Mirowski, Never Let a Serious Crisis Go to Waste, a.a.O., S. 178.

[16] Ebd., S. 188.

[17] Vgl. auch Wolf, The Shifts and the Shocks, a.a.O., S. 191 f.

[18] Keen, Debunking Economics, a.a.O., S. 8.

[19] Milton Friedman, Inflation and Unemployment, Nobel Memorial Lecture, 1976, S. 267, www.lexissecuritiesmosaic.com.

[20] Joan Robinson, Economic Philosophy, London 1964, S. 41 f.; Keen, Debunking Economics, a.a.O., S. 124.

[21] Einer der weltweit führenden „Preisberater“ ist Hermann Simon. In seinem Standardwerk „Preisheiten. Alles, was Sie über Preise wissen müssen“, Frankfurt a. M. 2013, kommt der Begriff „Grenzkosten“ nicht vor. Simons Buch ist allerdings auch ein wunderschönes Beispiel dafür, dass selbst Experten der betrieblichen Preisfindung nicht verstehen, wie Geld volkswirtschaftlich funktioniert: Simon würde gern den Goldstandard wieder einführen (S. 47).

[22] Um eventuelle Verwechslungen zwischen Mikroökonomie und Betriebswirtschaft zu vermeiden: Die Mikroökonomie ist ein Teil der Volkswirtschaftslehre und befasst sich mit dem vermeintlichen Verhalten aller Haushalte und Firmen und versucht dort Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Die Betriebswirtschaftslehre hingegen sieht sich ganz konkret an, wie Unternehmen geführt werden: Da geht es um Themen wie Managementtechniken, Formen der Kreditfinanzierung, die Organisation des Cash-Flows etc.

[23] Ha-Joon Chang, 23 Things They Don’t Tell You about Capitalism, London 2011, S. 23 f. und S. 30.

[24] Deutsche Schutzvereinigung für Wertbesitz (DSW), zit. nach dpa, 7.7.2016.

[25] Die eleganteste Lösung wäre, wenn die Europäische Zentralbank zumindest einen Teil der Schulden einfach aufkaufen würde, die die Krisenländer erdrücken. Eine Inflation wäre nicht zu befürchten: Es handelt sich nur um die Bereinigung von Altschulden.

[26] Heiner Flassbeck, Die Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2011, S. 17 f.

[27] Freihandel ist vor allem für Industriestaaten vorteilhaft, die auf dem höchsten technologischen Stand sind. Vgl. dazu auch Ulrike Herrmann, Freihandel – Projekt der Mächtigen, Brüssel 2014, sowie Ha-Joon Chang, Kicking Away The Ladder. Development Strategy in Historical Perspective, London 2003.

[28] Vgl. Mariana Mazzucata, The Entrepreneurial State. Debunking Public vs. Private Sector Myths, London 2014.

(aus: »Blätter« 1/2017, Seite 71-82)
Themen: Wirtschaft, Kapitalismus und Wissenschaft

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