Worüber wir jetzt reden müssen | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Worüber wir jetzt reden müssen

Trumps Amerika: Lehren für die Linke

von Chimamanda Ngozi Adichie

Das progressive Amerika verarbeitet noch den Schock der unerwarteten Wahl Donald Trumps. Eine intensive Debatte um die eigenen Fehler ist im vollen Gange, aus der wir drei wichtige Stimmen präsentieren: Die Feministin Joan C. Williams untersucht, warum so viele Arbeiter von den Demokraten zu Trump umschwenkten und wirft einen genauen Blick auf die Kultur und Werte in den amerikanischen Industriestädten. Der Publizist Mark Lilla wiederum fragt in einem viel diskutierten Essay, welche Rolle die im linksliberalen Milieu vorherrschende Identitätspolitik für die Wahlniederlage gespielt hat. Einen anderen Fokus wählt die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Sie beleuchtet die sprachlichen Grenzverschiebungen rund um die Wahl und plädiert für ein offensives Auftreten gegen rechte Hetze. – D. Red

Amerika war für mich immer richtungsweisend. Selbst wenn ich mich an seiner Heuchelei rieb, erschien es doch in gewisser Weise immer sicher, wie ein Land, das wusste, was es tat. Amerika war erfrischend frei von jener, den Entwicklungsländern so vertrauten, existenziellen Unsicherheit, dass alles passieren könnte.

Aber das ist es nicht länger. Die Wahl Donald Trumps hat der Gründungsphilosophie Amerikas ihren Glanz geraubt: Das aus einer Freiheitsidee geborene Land soll nun von einem unausgeglichenen, starrsinnig uninformierten, autoritären Demagogen regiert werden. Daher leben jetzt Menschen in intuitiver Furcht, versuchen Menschen besorgt, Politik von Gepolter zu unterscheiden, und vollziehen Menschen einen Kotau wie vor einem neuen König. Was erst kürzlich in die Ecken des amerikanischen politischen Raums gedrängt worden ist – offener Rassismus, grelle Frauenfeindlichkeit, Anti-Intellektualismus –, schleicht sich erneut ins Zentrum.

Es ist an der Zeit, auch nur der geringsten Verschiebung der Grenzen dessen zu widerstehen, was richtig und gerecht ist. Es ist an der Zeit, die Stimme zu erheben und die Schmähungen der Fanatiker als Ehrenzeichen zu tragen. Es ist an der Zeit, sich der zentralen Schwäche von Amerikas Hingabe an den Optimismus zu stellen: Sie gibt der Widerstandsfähigkeit zu wenig und der Zerbrechlichkeit zu großen Raum. Nebulöse Vorstellungen von „Heilung“ und „Nicht in jenen Hass verfallen, den wir hassen“ klingen gefährlich nach Appeasement. Die Verantwortung, eine Einheit zu schmieden, liegt nicht bei den Verunglimpften, sondern bei den Verunglimpfern. Die Voraussetzung für Empathie muss eine gleiche Menschlichkeit sein; es ist eine Ungerechtigkeit, wenn man von den Verleumdeten verlangt, sie sollten sich mit jenen identifizieren, die ihr Menschsein in Frage stellen.

Die Dinge beim Namen nennen

Amerika liebt Gewinner, aber der Sieg spricht nicht frei. Ein Sieg, vor allem ein knapper, bei dem ein paar tausend Stimmen in einer Handvoll Staaten entscheidend waren, garantiert keinen Respekt. Niemand verdient automatisch Achtung, bloß weil er zum Anführer irgendeines Landes aufsteigt. Amerikanische Journalisten beherzigen das nur zu gut, wenn sie über ausländische Staatschefs berichten – ihr Standardmodus bei Afrikanern beispielsweise ist fast immer kaum verhohlene Verachtung. Präsident Obama musste Respektlosigkeit von allen Seiten erdulden. Die bei weitem ungeheuerlichste Beleidigung erfuhr er von der rassistischen Bewegung, die man zahm „birtherism“ nannte.[1] Für sie trat Trump ein.

Und doch hörte ich einen Tag nach der Wahl, wie ein Journalist im Radio von der Schärfe zwischen Obama und Trump sprach. Nein, die Schärfe kam von Trump. Es ist an der Zeit, die falschen Gleichsetzungen für immer zu begraben. Die Behauptung, beide Streitparteien wären gleich, wenn sie es doch nicht sind, ist kein „ausgewogener“ Journalismus; es ist ein Märchen – und, anders als die meisten Märchen, ist es ein arglistiges.

Es ist an der Zeit, die Trübung der Erinnerung zu verweigern. Jeder Erwähnung des „Stillstands“ unter Obama muss mit der Wahrheit begegnet werden: Dieser „Stillstand“ war eine vorsätzliche und systematische Verweigerung der Zusammenarbeit seitens des republikanisch dominierten Kongresses. Es ist an der Zeit, die Dinge als das zu bezeichnen, was sie wirklich sind, weil Sprache die Wahrheit genauso erhellen wie verdunkeln kann. Es ist an der Zeit, neue Worte zu bilden. „Alt-right“ ist harmlos. „White-supremacist right“ ist treffender.[2]

Es ist an der Zeit, darüber zu sprechen, worüber wir eigentlich sprechen. „Klimaskeptiker“ verdunkelt. „Klimawandelleugner“ tut es nicht. Und das ist wichtig, da der Klimawandel keine Meinung ist, sondern eine wissenschaftliche Tatsache.

Es ist an der Zeit, jene Vorsicht zu verwerfen, die zu sehr einem Mangel an Überzeugung gleicht. Die Präsidentschaftswahl ist keine „einfache Rassismus-Geschichte“, weil keine Rassismus-Geschichte je eine „einfache“ Rassismus-Geschichte ist, in der grinsende böse Menschen in Weiß im Garten Kreuze verbrennen. Eine Rassismus-Geschichte ist kompliziert, aber sie ist dennoch eine Rassismus-Geschichte und der Analyse wert. Es ist nicht an der Zeit, vorsichtig um historische Referenzen herumzuschleichen. Den Nazismus ins Gedächtnis zu rufen, ist nicht extrem; es ist die scharfsinnige Antwort jener, die wissen, dass die Geschichte uns sowohl mit Kontexten als auch mit Warnungen versorgt.

Identitätspolitik ist eine weiße Erfindung

Es ist an der Zeit, die Standardannahmen des amerikanischen politischen Diskurses neu zu eichen. Identitätspolitik ist nicht allein Minderheiten vorbehalten. Diese Wahl erinnert uns daran, dass Identitätspolitik in Amerika eine weiße Erfindung ist: Sie bildete die Grundlage der Segregation. Schwarzen Amerikanern die Bürgerrechte zu verweigern, basierte im Kern auf der Idee, dass ein schwarzer Amerikaner nicht wählen sollte, weil dieser schwarze Amerikaner nicht weiß war.

Das endlose Fragen vor der Wahl von Obama, ob Amerika „bereit“ für einen schwarzen Präsidenten sei, war eine Reaktion auf weiße Identitätspolitik. Dennoch wird „Identitätspolitik“ heute mit Minderheiten verbunden und oft geschieht das mit einem gönnerhaften Unterton, als ob das Sprechen über nicht-weiße Menschen von einem irrationalen Herdentrieb motiviert sei. Weiße Amerikaner haben seit der Gründung Amerikas Identitätspolitik betrieben, aber jetzt ist sie offengelegt worden und man kann ihr nicht entgehen.

Es ist an der Zeit, dass die Medien, die linken wie die rechten, unterrichten und informieren. Beweglich und wachsam sind, klarsichtig und skeptisch, aktiv statt reaktiv. Eine klare Wahl treffen, was tatsächlich wichtig ist.

Es ist an der Zeit, die Idee einer „liberalen Filterblase“ zu begraben. Die amerikanische Realität ist, dass alle verschiedenen Gruppen in Blasen leben. Es ist an der Zeit, anzuerkennen, dass die Demokraten die weiße Arbeiterklasse herablassend behandelt haben – und anzuerkennen, dass Trump sie herablassend behandelt, indem er ihr Fantasien verkauft. Es ist an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass es amerikanische Arbeiter gibt, die nicht weiß sind und die unter denselben Entbehrungen gelitten haben und gleichermaßen eines Medienporträts würdig sind. Es ist an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass „Frauen“ nicht weiße Frauen bedeutet. „Frauen“ muss alle Frauen umfassen.

Es ist an der Zeit, die Kunst des Fragens zu verfeinern. Ist die einzig gültige Verbitterung in Amerika jene von weißen Männern? Wenn wir Verständnis für die Vorstellung haben sollen, dass wirtschaftliche Sorgen zu fragwürdigen Entscheidungen führen, gilt das dann für alle Gruppen? Wer genau ist die Elite?

Das Stigma weiblicher Ambitionen

Es ist an der Zeit, die Fragen anders zu rahmen. Wenn alles andere so bliebe, aber Hillary Clinton ein Mann wäre, würde sie dann immer noch eine derart überhitzte, übergroße Feindseligkeit hervorrufen? Würde eine Frau, die sich genau wie Trump verhielte, gewählt? Es ist an der Zeit, mit der Behauptung aufzuräumen, es habe bei dieser Wahl keinen Sexismus gegeben, nur weil weiße Frauen nicht überwiegend für Clinton gestimmt haben. Frauenfeindlichkeit ist nicht das alleinige Vorrecht von Männern.

Es geht nicht darum, dass Frauen von Natur aus besser oder moralischer seien. Es geht darum, dass sie die Hälfte der Menschheit stellen und dieselben Möglichkeiten haben – und nach denselben Standards beurteilt werden – sollten wie die andere Hälfte. Von Clinton wurde erwartet, dass sie nach widersprüchlichen Standards perfekt sein sollte, und die Wahl wurde zu einem Referendum über ihre Sympathiewerte.

Es ist an der Zeit, zu fragen, warum Amerika bei der Repräsentation von Frauen in der Politik weit hinter anderen Ländern (etwa Ruanda) zurückliegt. Es ist an der Zeit, die Mainstreameinstellungen zu weiblichen Ambitionen zu untersuchen. Das heißt, darüber nachzudenken, in welchem Ausmaß gewöhnliche strategische Kalkulationen, die alle Politiker vornehmen, als ein moralisches Versagen interpretiert werden, wenn wir sie bei Frauen beobachten. Clintons sorgsam ausbalanciertes Auftreten wurde als Verschlagenheit aufgefasst. Aber würde ein männlicher Politiker, der sorgsam ausbalanciert auftritt – Mitt Romney beispielsweise – nicht bloß als sorgsam ausbalanciert betrachtet?

Es ist an der Zeit, bei der Bedeutung von Worten genau zu sein. Wenn Trump von einem Angriff auf Frauen sagt „sie lassen es dich tun“, so beinhaltet das keine Zustimmung. Denn die Zustimmung erfolgt vor der Handlung.

Es ist an der Zeit, sich zu erinnern, dass es angesichts dieser Welle von dunklem Populismus, die über den Westen kommt, alternative Formen gibt. Bernie Sanders‘ Botschaft machte die Verletzlichen nicht zu Sündenböcken. Obama ritt vor seiner ersten Wahl eine populistische Welle, die von bemerkenswerter Inklusivität gekennzeichnet war. Es ist an der Zeit, Lügen mit Tatsachen zu begegnen, wiederholt und unermüdlich, und zugleich die größeren Wahrheiten zu verkünden: von unserem gleichen Menschsein, von Anstand, von Mitleid. Jedes kostbare Ideal muss bekräftigt, jedes offensichtliche Argument vorgebracht werden, weil eine üble Idee, die unwidersprochen bleibt, zunehmend als normal erscheint. So wie es ist, muss es nicht sein.

© 2016 Chimamanda Ngozi Adichie. All rights reserved. Übersetzung: Steffen Vogel

 

[1] Die Bewegung behauptete, Obama sei nicht von Geburt an US-Bürger und damit laut Verfassung nicht befugt, das Präsidentenamt zu bekleiden (Anm. d. Red.).

[2] „Alt-right“ ist die Kurzform für „alternative Rechte“ und bezeichnet eine Strömung der Neuen Rechten in den USA. (Anm. d. Red.).

(aus: »Blätter« 1/2017, Seite 52-55)
Themen: USA, Rassismus und Kultur

Sommerabo

top