Degrowth: Von der Theorie zur Praxis | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Degrowth: Von der Theorie zur Praxis

von Janna Aljets

Der Begriff „Degrowth“ formuliert ein weit verbreitetes Unbehagen an einer Wirtschaftsweise, die allein auf Wachstum ausgerichtet ist. Doch obwohl sich zahlreiche Initiativen und Konferenzen schon lange mit dem Thema befassen, bleibt einer breiteren Öffentlichkeit oft unklar, welche praktische Bedeutung „Degrowth“ hat – jenseits einer rein intellektuellen linken Debatte. Vor allem aber stellt sich die Frage: Gibt es so etwas wie eine Degrowth-Bewegung überhaupt und wenn ja, wie sieht sie aus?

Nun bietet ein Sammelband des Konzeptwerks Neue Ökonomie Einblick in eine vielgestaltige Bewegung, die sich unter dem Begriff „Degrowth“ subsumieren lässt. Er entstand im Anschluss an die bislang größte internationale Degrowth-Konferenz, die im Spätsommer 2014 in Leipzig stattfand. Über 3000 Teilnehmer debattierten damals über ökologische, soziale und demokratische Alternativen zur wachstumsorientierten Wirtschaft.

Sie und ihre Initiativen und Projekte stärker untereinander zu vernetzen, ist nicht zuletzt Anspruch des Bandes. Denn in Leipzig zeigte sich, dass die Kritik an der Wachstumsorientierung nur den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt. Viele wollten nicht bei einer Ablehnung des Bruttoinlandsprodukts als Indikator für eine funktionierende Wirtschaft stehenbleiben. Vielmehr wurde gefragt, welche alternativen Wirtschaftssysteme tatsächlich ein gutes Leben für alle ermöglichen könnten. Zudem wurde deutlich, dass es neben der Entwicklung von wissenschaftlichen Konzepten auch eine starke soziale Bewegungsbasis braucht, die sich aktiv gegen zerstörerische Projekte einsetzt.

So bietet der Band „Degrowth in Bewegung(en)“ ein ausführliches, wenn auch nicht abschließendes Kaleidoskop jener sozialen Bewegungen und Initiativen, die sich derzeit für Alternativen zu einer wachstumsbasierten Wirtschaft einsetzen. Dabei erfüllt das Buch gleiche mehrere Ansprüche.

Es kann zunächst als Einstieg in die Hintergründe, Ziele und Herangehensweisen der unterschiedlichen linken Bewegungen gelesen werden. Selten konnte man so diversen Bewegungen und Themen gebündelt und gut verständlich geschrieben auf den Zahn fühlen und dabei viel Neues lernen. Dabei sind auch immer Querverbindungen, gegenseitige Einflüsse und Inspirationen zwischen den Bewegungen erkennbar.

Das Buch bietet aber auch einen Einblick in die unterschiedlichen Auseinandersetzungen mit und praktischen Ausgestaltungen von Degrowth. Viele der hier vorgestellten Bewegungen lassen den Begriff endlich praktisch, themenbezogen und innerhalb von politischen Kämpfen lebendig werden. Während die einen die Städte durch Gärten grüner machen, blockieren die nächsten Braunkohlebagger, und wieder andere reparieren alte Elektrogeräte oder bauen solidarische Landwirtschaftskooperativen auf. Die politischen Handlungsfelder beziehen sich dabei ebenso auf die lokale Ebene wie auf globale Verflechtungen. Sie beschäftigen sich mit Geld, Massentierhaltung, Klimaschutz, Wohnraum oder Software. Sie alle aber entstehen, weil Menschen sich zusammenschließen und gemeinsam aktiv werden.

Der Begriff Degrowth wird durch die verschiedenen Perspektiven dabei zwar nicht unbedingt griffiger, aber deutlich bunter und komplexer. Das allerdings ist als eine Qualität zu sehen: Degrowth lässt sich schwer in eine alles aufnehmende Form gießen. Es zeigt sich vielmehr, dass der Begriff die Überschneidungen vermeintlich unterschiedlicher politischer Kämpfe und Handlungsfelder aufzeigt und damit (potentielle) Allianzen ermöglicht. Die Komplexität ergibt auch deshalb Sinn, weil Fragen nach nachhaltigen Wirtschaftsformen, nach sozialer Teilhabe und Gerechtigkeit sowie emanzipatorischen Widerstandsmöglichkeiten nicht mit einfachen Formeln zu beantworten sind.

Mit dem Buch lassen sich die vorgestellten Bewegungen in klareren Strukturen verorten: So ist ein größerer Zweig der Bewegungen im direkten Widerstand gegen kapitalistische, undemokratische und zerstörerische Produktionen und Institutionen erkennbar. Die Anti-Kohle-Bewegung, die Klimagerechtigkeitsbewegung, die Tierrechtsbewegung oder der künstlerische Protest des „Artivism“ (Art + Activism, Kunst und Aktivismus) suchen nach kreativen und direkten Aktionsformen, um Widerstand zu leisten und Druck aufzubauen. Ein weiterer wichtiger Strang der mit Degrowth verbundenen Bewegungen besteht in der Teil-, Tausch- und Schenkökonomie: Hacker entwickeln freie Software, offene Werkstätten reparieren und teilen ihr Wissen, die solidarischen Ökonomien bauen Kooperativen auf und die Commons-Bewegung pflegt und nutzt Produkte und Ressourcen gemeinsam. Schließlich gibt es jene Gruppen und Gemeinschaften, die vor Ort Alternativen aufbauen. Dazu zählen die Ökodörfer genauso wie Urban-Gardening-Gruppen sowie Bewegungen für ein Recht auf Stadt oder für Ernährungssouveränität. Bei allen wird deutlich, dass diese Bewegungen nicht an der Kritik und dem Widerstand stehenbleiben, sondern vielmehr schon jetzt lebbare Alternativen vorantreiben und mitgestalten.

Dies ist beispielsweise in der vorgestellten losen Bewegung der „Demonetarisierung“ erkennbar. Jene, die sich für eine geldfreie(re) Gesellschaft einsetzen, kritisieren aus marxistischer und auch anarchistischer Perspektive die profit- und geldbasierte Wirtschaft. Sie offenbaren in Tausch-, Teil- und Schenkexperimenten, dass geldbasierte Tauschsysteme eher auf Profit ausgerichtet sind, anstatt den Fokus auf die menschlichen Bedürfnisse zu legen. Damit sind sie auch in engem Zusammenhang zu solidarischen Ökonomien, Commons und Subsistenzwirtschaft zu sehen, die ebenfalls alternative Wirtschaftskreisläufe aufbauen.

Die Vereinigung von Kritik, Widerstand und gerechten Alternativen wird auch von der globalen Bewegung für „Ernährungssouveränität“ vorgelebt. Sie kämpft für ein Recht auf Land, Nahrung und Autonomie und widersetzt sich damit der landwirtschaftlichen Praxis von industriellen Monokulturen. Sie fordert ein Recht für alle Menschen, über Produktion, Verteilung und Konsum von Nahrung mitzubestimmen. Dafür erproben sie etwa anpassungsfähige Produktionsweisen, die samenfestes, gentechnikfreies Saatgut verwenden, die Erdölabhängigkeit der landwirtschaftlichen Produktion reduzieren und auf ökologischen Kreisläufen basieren. Auch hier wird dem Wachstumszwang in der Praxis die Stirn geboten und auf nachhaltigen Nutzen statt auf Profit gesetzt.

Der immer gleiche Aufbau der einzelnen Kapitel ermöglicht ein Nachschlagen, Quer- und Rückwärtslesen des Buches, je nach den Interessen der Lesenden. Zudem ist dadurch ein direkter Vergleich zu bestimmten Fragen möglich. Da alle Beiträge von Aktivistinnen und Aktivisten selbst verfasst wurden, sind sie so subjektiv wie stilistisch vielfältig: Der Band vereint blumige Aufsätze, aktivistische Aufrufe sowie eher wissenschaftliche Sprachstile. Er richtet sich damit an eine breite Leserschaft und längst nicht nur an jene, die schon tief im Thema stecken.

Allerdings erscheint die Auswahl der vorgestellten Bewegungen an einigen Stellen willkürlich. Auch wird die Grenze, was eine „Bewegung“ ist, nicht klar gezogen. So kann man beispielsweise fragen, ob es sich bei einer Reparaturwerkstatt schon um eine Bewegung handelt und was diese mit den Anti-Kohleprotesten gemein hat. Doch diese scheinbare Beliebigkeit ist bewusst gewählt, um das ganze Spektrum wachstumskritischer Initiativen deutlich zu machen. Gemeinsamkeiten, aber auch Spannungen und Kontroversen zwischen den verschiedenen Ansätzen werden denn auch in einem einleitenden und einem abschließenden Kapitel von den Herausgebern treffend herausgearbeitet.

Trotz dieser analytischen Unschärfen erfüllt das Buch vor allem einen Zweck: Die vielen hier vorgestellten Ideen, Initiativen und Menschen machen große Lust, selbst aktiv zu werden, mit anderen gemeinsam soziale, ökologische und demokratische Projekte voranzutreiben und somit Teil der Degrowth-Bewegung(en) zu werden.

Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V. und DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hg.), Degrowth in Bewegung(en). 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation, oekom Verlag, München 2017, 416 S., 22,95 Euro.

(aus: »Blätter« 7/2017, Seite 121-123)
Themen: Soziale Bewegungen, Ökologie und Wirtschaft

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