Enttäuschte Liebe | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Enttäuschte Liebe

Das Ende des Westens, wie wir ihn zu kennen glaubten

von Edelbert Richter

Erst der Brexit und dann auch noch Donald Trump – mittlerweile schwant den meisten, dass wir gegenwärtig das Ende des Westens erleben. „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, sind ein Stück vorbei“, bilanziert die Kanzlerin.[1] Und Joschka Fischer stellt fast ein bisschen weinerlich fest: „Wir sind auf uns gestellt.“[2]

Für die Ostdeutschen ist das hingegen keine ganz neue Erfahrung. Mit der „Wende“ von 1989/90, dem Ende des sogenannten realen Sozialismus und der folgenden Wiedervereinigung, traf die Umwälzung den Osten – jetzt trifft sie den Westen. Aber als wir Ostdeutschen damals Revolution machten und dann unseren großen Bruder verloren, waren wir durchaus nicht betrübt. Dagegen scheinen die Westdeutschen jetzt irgendwie traurig und ratlos zu sein, weil sie gar keine Veränderung wollen und ihren noch größeren Bruder tatsächlich geliebt haben.

Diese Liebe wird von ihm nun enttäuscht. Wie hatte Habermas gesagt? „Die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit, auf die gerade meine Generation stolz sein könnte.“[3] Was aber soll nun aus dieser Leistung werden, wenn die politische Kultur des Westens doch verfällt?

Nach 1989 ging es um die Verwestlichung des Ostens: die Einführung von Marktwirtschaft und Demokratie. Geht es jetzt etwa umgekehrt um eine Veröstlichung des Westens: mehr staatlichen Schutz und Autorität? Das ist durchaus möglich, wie die gesamtdeutschen Erfolge der AfD zum Ausdruck bringen. Offensichtlich ist die totale Verwestlichung des Ostens nicht gelungen, und selbst wenn sie gelungen wäre, es also gar keinen „richtigen“ Osten mehr gäbe, gäbe es ja auch keinen Westen mehr, weil West und Ost in ihrem alten Gegensatz nun einmal zusammengehören.

Wann aber begann eigentlich dieser Liebesentzug des Westens? Dafür müssen wir zunächst noch einmal zehn Jahre weiter zurückgehen, bis zur neoliberalen Wende von 1979/80. Mit ihr wurde der Grund gelegt für den Sieg von 1989/90; man sollte dabei aber nicht vergessen, dass ihr die tiefste Krise des Westens seit der Großen Depression vorausgegangen ist, nämlich das Ende der „goldenen“ Nachkriegszeit zu Beginn der 70er Jahre.

Dagegen befand sich die Sowjetunion damals gerade auf dem Höhepunkt ihrer Macht und ihres Einflusses in der Welt. Daher hätte in dieser Zeit niemand ihren Zerfall für möglich gehalten. Es ist durchaus bemerkenswert, dass auch damals England und die USA gemeinsam die Wende eingeleitet haben (und zwar durchaus ohne Frankreich als die kontinentaleuropäische Ausprägung der westlichen Idee von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Und zwar unter Rückgriff auf ihre spezifisch liberale Tradition in Abwendung von der europäisch sozialstaatlichen. In der reichlich geschichtsvergessenen Gegenwart wird viel zu wenig beachtet, dass auch darin schon eine Distanzierung von Europa enthalten war, eine Art Liebesentzug – verbunden mit der Verschärfung des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion, das „Reich des Bösen“ (Ronald Reagan). Die Europäer hatten damals kein Interesse an dieser Zuspitzung, und die beiden deutschen Staaten schon gar nicht, weil sie im Falle eines begrenzten Atomkriegs das Schlachtfeld und Opfer gewesen wären. Von Margaret Thatcher wurde dies auch ganz offen ausgesprochen, und zwar mit derselben Begründung, die später von Linken gegen die Wiedervereinigung vorgebracht wurde: Die Deutschen hätten ja den Zweiten Weltkrieg verschuldet, also mit der ganz illiberalen Kollektivschuldthese. Der Westen war somit damals bereit, das Land in der Mitte Europas (und zwischen den Blöcken) um des Sieges über den Osten willen zu opfern. Das entsprach übrigens genau der neoliberalen Doktrin, denn bei Hayek gibt es in Bezug auf die innere Ordnung keine mittlere Position, nur ein Entweder-oder.

Die Selbstabdankung des Westens

Was aber war der Grund für die Selbstabdankung des Westens, den Joschka Fischer offengelassen hat, ja vielleicht offenlassen musste? Vielleicht kann Fischer den Bruch deshalb nicht erklären, weil er wie viele westdeutsche Intellektuelle auf die Gemeinsamkeiten zwischen Angelsachsen und Deutschen fixiert ist und so die Differenzen gar nicht erkennen kann. Liebe macht bekanntlich blind. Schauen wir auf die unmittelbaren Gründe für den Brexit, so ist es für viele Engländer offensichtlich schwer zu ertragen, einer EU anzugehören, in der Deutschland einen derart maßgebenden Einfluss hat. Man spricht inzwischen wieder von einer deutschen „Halbhegemonie“, ein Begriff, den Ludwig Dehio schon auf das Wilhelminische Reich angewandt hatte.[4] Sollte man von den Briten tatsächlich erwarten können, dass sie sich dem Land, das sie in zwei Weltkriegen besiegt haben, jetzt mehr oder weniger unterordnen? Genau deshalb haben sie es doch bekämpft, weil es eine Hegemonie über Europa anstrebte. Ganz abgesehen davon, dass Deutschland schon durch den Ersten Weltkrieg dazu beigetragen hat, dass die Briten ihr Empire verloren.

Man kann verstehen, wie schwer das zu verkraften ist, auch wenn die Briten als Pragmatiker gelten. Schon als Großbritannien noch gar nicht der Europäischen Gemeinschaft angehörte und von einer deutschen Dominanz in ihr noch keine Rede sein konnte, hieß es im „Evening Standard“ (vom 20. Januar 1962): „Es gibt eine Verschwörung des Schweigens […], die die Menschen vergessen machen will, wie der wirkliche Boss in Brüssel heißt, mit seinem ingoutablen Namen, der sich weder weich noch angenehm noch französisch spricht, der vielmehr deutsch ist – kein anderer als Dr. Adenauers vertrauter Kumpan, Professor Walter Hallstein. […] Was Hitler im Krieg nicht gelang, will Hallstein im Frieden schaffen. […] Für Adenauer und Hallstein ist kein wirtschaftliches Opfer groß genug, wenn es auf dem Weg zu einer deutsch-kontrollierten politischen Herrschaft über Europa weiterhilft.“[5]

Diese Vorbehalte wirkten lange nach, ja mehr noch: Sie verstärkten sich mit zeitlichem Abstand. Der Londoner Historiker John Ramsden urteilt über Margaret Thatcher, dass zu deren Amtszeit England „mehr offen antideutsche Vorurteile unter den Regierenden erlebte als zu jeder anderen Zeit seit 1945.“ Ramsden kommt zu dem Schluss, dass der Sieg über Deutschland „noch immer wesentlich für die Identität der Briten ist und definiert, wer sie sind und wie sie es wurden.“[6]

Bekanntlich kam von Thatcher 1990 auch der stärkste Widerstand gegen die deutsche Wiedervereinigung. Gegen die Bemühung Helmut Kohls, Deutschland fest in die Europäische Gemeinschaft zu integrieren, war ihr Einwand, dabei werde das Gegenteil herauskommen: „Manche Leute meinen, man müsse Deutschland nur in Europa verankern, um zu verhindern, dass sich die Charakterzüge seines politischen Übergewichts wieder durchsetzen. Statt aber Deutschland in Europa zu verankern, haben wir Europa an ein neuerdings dominantes Deutschland gebunden.“[7]

Im März 1990, wenige Tage vor einem Zusammentreffen mit Kohl, veranstaltete sie sogar ein Seminar mit Historikern, das ihr Klarheit über den deutschen Nationalcharakter verschaffen sollte. Im Memorandum des Seminars stand als zusammenfassende Einschätzung, dass die Deutschen ängstlich, aggressiv, anmaßend, tyrannisch, egoistisch und sentimental seien und außerdem unter Minderwertigkeitskomplexen litten.

Auch Nicholas Ridley, Kabinettsmitglied und ein enger Vertrauter Thatchers, trug nicht gerade zu einer Verbesserung der Beziehungen bei, als er in einem Interview die Währungsunion „als deutschen Schwindel zur Übernahme ganz Europas“ bezeichnete.[8] Damals gab es allerdings, anders als heute, eine Differenz zwischen England und den Vereinigten Staaten. Denn Letztere sind es ja gewesen, die die deutsche Einheit schließlich durchgesetzt haben. Für sie hatte offenbar, ganz im Geiste des Kalten Krieges, der Sieg über die Sowjetunion den Vorrang, für die Briten dagegen das europäische Gleichgewicht.

Die Hitlerisierung des Geschichtsunterrichts

Durch die Wiedervereinigung hat sich das Verhältnis der Briten zu Deutschland noch einmal radikal verändert. Als die Briten 1977 gefragt worden waren, ob „der Nazismus oder etwas dieser Art“ in Deutschland noch einmal Auftrieb bekommen könnte, antworteten 23 Prozent mit Ja, 61 Prozent mit Nein. 1992 hatte sich das Verhältnis fast umgekehrt: 53 Prozent antworteten mit Ja, 31 Prozent mit Nein. Ein Leitartikler des „Daily Telegraph“ kam im Mai 2005 zu dem Schluss, dass Großbritannien sechzig Jahre nach dem Tag des Sieges in Europa „eine auf den Zweiten Weltkrieg fixierte Nation ist und immer mehr wird.“

Im Juli 2003 veranstaltete das Goethe-Institut in London eine Konferenz, auf der diskutiert werden sollte, wie man das Ansehen der Bundesrepublik aufpolieren könnte. Eine Studie der Programmzeitschrift „Radio Times“, die in der Woche vor dem Beginn dieser Konferenz veröffentlicht worden war, hatte ergeben, dass im Lauf von nur sechs Tagen nicht weniger als dreizehn Sendungen zu „Themen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg“ ausgestrahlt worden waren. 2004 wurden zehn- bis sechzehnjährige englische Schüler befragt, was sie mit Deutschland verbinden: 78 Prozent nannten den Zweiten Weltkrieg, 50 Prozent Hitler. Ein Grund dafür wurde erkennbar, als die Qualification and Curriculum Authority (QCA) Ende 2005 in ihrem Jahresbericht zu dem Schluss kam, dass der Geschichtsunterricht an höheren Schulen „nach wie vor von Hitler dominiert wird. […] Es ist zu einer schrittweisen Einengung und Hitlerisierung des Geschichtsunterrichts für Schüler über 14 gekommen.“[9] Es scheint also in Großbritannien tatsächlich eine latente Abneigung gegenüber Deutschland zu geben, die wir in all den Jahren diplomatisch-vornehm überspielt haben.

In den USA gab es eine ähnliche Tendenz, die Deutschen auf ihre NS-Vergangenheit festzulegen, die aber nicht so ausgeprägt war wie in England, weil man ja weit weniger gelitten hatte und zudem der eindeutige Sieger der beiden Weltkriege war. Ich erinnere nur an den Bestseller von William L. Shirer über die angeblich von Hitler geplante Invasion in den USA (1961). Der Vorwurf ging seit der Wiedervereinigung aber eher dahin, dass die Deutschen ihre NS-Vergangenheit als Vorwand benutzten, um sich vor den harten Nato-Aufgaben zu drücken. Hier knüpft nun Donald Trump an und spitzt zu: Wir sollen mehr für die Rüstung ausgeben und für unsere Sicherheit selber sorgen, anstatt immer größere Exportüberschüsse anzuhäufen. Die wirtschaftspolitisch durchaus begründete Polemik gegen die deutschen Exportüberschüsse ist nicht neu. Neu ist, dass Trump tatsächlich zum Protektionismus zurückkehren will, dass er darüber hinaus den Brexit begrüßt und wie viele Briten der Meinung ist: „Im Grunde ist die EU ein Mittel zum Zweck für Deutschland […]. Wenn Sie mich fragen, es werden weitere Länder austreten.“[10]

Vergleichen wir diese Haltung mit jener Großbritanniens, so erfolgt die Distanzierung der USA von Europa aus einer ohnehin schon größeren Distanz und Überlegenheit. Die USA haben Europa zunächst gegen die Sowjetunion unterstützt, schon unter Ronald Reagan sich aber über seine Interessen hinweggesetzt und unter George Bush jun. dann an der EU vorbei gehandelt und massiv gegen sie polemisiert (vgl. nur Donald Rumsfelds These der „Neuen gegen die Alten Europäer“ oder Robert Kagans Dichotomie von Mars USA gegen Venus Europa). Jetzt aber wollen die USA jene Verpflichtungen, die sich aus ihrer Machtstellung ergeben, möglichst ganz lösen, um endlich wieder freie Hand zu haben.

Die langen Linien der Geschichte

Das aber führt uns nun zu tieferen historischen Gründen des gegenwärtigen Abschieds der Angelsachsen vom Kontinent und von Deutschland. Wenn wir sie ausfindig machen wollen, so sollten wir bis zum Siebenjährigen Krieg (1756-63) zurückgehen, denn in ihm hat sich bekanntlich der Keim des deutschen Nationalstaats herausgebildet, und zwar schon damals in der Mitte zwischen den Flügelmächten in West und Ost.

Das Preußen Friedrichs war sozusagen ein Kind der Liebe, zuerst Englands und dann Russlands. Denn mit dem Beginn des Krieges erfasste die Briten eine Begeisterung für Preußen, wie man sie sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.[11] Im ganzen Land wurden die ersten Siege Friedrichs enthusiastisch gefeiert, besonders der über die Franzosen bei Roßbach Anfang November 1757. Aus Anlass seines Geburtstags im Januar 1758 huldigte man im Parlament und in den Kirchen, in den Kneipen und auf den Straßen dem „preußischen Helden“. Dass er überhaupt „der Große“ genannt wird, verdankt Friedrich den Briten. Auf Teekannen und Bierkrügen war sein Kopf zu sehen. Die Schiffe schossen Salut, das Militär paradierte zu seinen Ehren, und es gab sogar englische Freiwilligenverbände, die sich in der „preußischen Disziplin“ übten. Die Solidarität mit Friedrich hatte auch Hand und Fuß, denn er wurde finanziell kräftig unterstützt.

Was aber war der Grund dieser überschwänglichen Liebe der Engländer? Ein sehr handfester, dass nämlich Preußen ihren großen Gegner Frankreich in Europa festhielt und beschäftigte, so dass sie ihn in Indien und Nordamerika besiegen konnten. Preußen diente also als Assistent bzw. Instrument des britischen Weltmachtstrebens, was William Pitt, der damals leitende Minister, recht treffend in die Worte fasste, Amerika sei in Deutschland erobert worden.

Dementsprechend zahlten die Briten 1761, als der Krieg in Amerika im Grunde entschieden war, an Preußen auch keine Subsidien mehr – obwohl es sich gerade in einer ganz verzweifelten Lage befand. Das war der plötzliche Liebesentzug, der vorangegangene Überschwang erwies sich als trügerisch. Preußen wurde letztlich nur gerettet, weil 1762 völlig überraschend der neue russische Zar Peter III., ein glühender Verehrer Friedrichs, aus der Koalition gegen ihn ausbrach und mit Preußen Frieden schloss. Wir können dabei durchaus an Gorbatschow denken, der in den 1980er Jahren als Retter begrüßt wurde – zwar nicht aus einem tatsächlichen Krieg, aber aus der Gefahr eines Atomkriegs, der Deutschland wahrscheinlich vernichtet hätte.

Die späteren Napoleonischen Kriege verliefen nach einem ganz ähnlichen Schema: Die deutschen Länder hatten physisch die Hauptlast zu tragen, England bezahlte dafür große Summen und stand am Ende als der unüberwindliche Weltherrscher da. Preußen dagegen blieb nach 1806 als Staat überhaupt nur bestehen, weil der Zar sich gegenüber Napoleon dafür eingesetzt hatte. Es musste in den Jahren der französischen Besetzung (bis 1808) für Kontributionen, Verpflegung, Sachlieferungen und Arbeitsleistungen eine Summe aufbringen, die dem 16fachen des Jahresaufkommens des preußischen Staates entsprach.[12]

Es wird oft als Verdienst der Briten angesehen, dass sie eine Hegemonie in Europa verhinderten und für das Gleichgewicht der Mächte sorgten. Vergessen wird dabei gerne, dass dies die Grundlage ihrer Expansion in die Welt war. Die Deutschen wurden deshalb unterstützt und „geliebt“, weil sie sich für Großbritannien als „Kriegshelden“ als nützlich erwiesen.

Mehr Realismus, weniger Liebe wagen

Für einen politischen Realisten sollte all das eigentlich nicht sonderlich überraschend sein – und dennoch fällt diese Einsicht den bundesdeutschen Westlern ersichtlich schwer. Von Bismarck ist eine Äußerung überliefert, die wiederum wunderbar auf die gegenwärtige Wendung der Dinge angewandt werden könnte: „Ich habe, was das Ausland anbelangt, in meinem Leben nur für England und seine Bewohner Sympathie gehabt und bin stundenweis noch nicht frei davon; aber die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben
lassen.“[13] Was soll das aber heißen, dass die Briten nicht geliebt werden wollen? Sie wollen es nicht, weil sie dann selber lieben, also Gegenliebe aufbringen müssten. Ohne Lyrik ist der Satz von Bismarck nur eine Umschreibung des von Lord Palmerston (1784-1865), dem britischen Außenminister, formulierten Prinzips, dass Großbritannien keine dauerhaften verpflichtenden Bündnisse eingehen dürfe.[14] Das hat es bis 1945 im Großen und Ganzen auch genauso gehalten.

Und dennoch hat im 19. und 20. Jahrhundert das Werben um die „Liebe“ (oder wenigstens die Nichtfeindschaft) Englands auf deutscher Seite nicht aufgehört. So hoffte Wilhelm II., obwohl er selbst zur Entfremdung von England nicht wenig beigetragen hatte, im Sommer 1914 bis zuletzt, dass das Empire nicht in den Krieg eintreten werde; und selbst seine späteren Hassreden können leicht auf enttäuschte Liebe zurückgeführt werden. Immerhin war er äußerlich gesehen in England so unbeliebt nicht: Die Königin Victoria war 1901 in seinen Armen gestorben; bei seinen regelmäßigen Besuchen in London wurde er umjubelt; er war Ehrenbürger von London, Ehrendoktor von Oxford, Ritter des Hosenbandordens usw. Freilich beweist all das nur, welch geringe Rolle die verwandtschaftlichen Verbindungen der Fürstenhäuser 1914 noch spielten.[15]

Noch klarer liegen die Dinge aber bei Hitler. Soviel ich sehe, gab es vor 1933 keinen deutschen Staatsmann, der die Briten und Amerikaner so bewundert hat wie gerade Hitler. Um nur ein charakteristisches Diktum zu zitieren: „Wenn die Erde heute ein englisches Weltreich besitzt, dann gibt es aber auch zur Zeit kein Volk, das aufgrund seiner allgemeinen staatspolitischen Eigenschaften sowie seiner durchschnittlichen politischen Klugheit mehr dazu befähigt wäre.“[16] Es war denn auch von Anfang an Hitlers Gegenkonzeption zur Politik des Kaiserreichs gewesen, den Osten zu unterwerfen und dafür mit England zu einem Bündnis zu kommen (bzw. zu einer Abgrenzung der Einflusssphären) – und die USA möglichst herauszuhalten.

Zunächst hatte er damit ja auch Erfolg. Zu denken ist dabei nicht nur an die Appeasement-Politik unter Chamberlain, die Hitler außenpolitisch Auftrieb gab, sondern auch an die gewaltige Faszination, die das Dritte Reich auf viele Briten ausübte. Britische Besucher kamen seit 1933 in Scharen, um das neue Deutschland mit eigenen Augen zu sehen und sein Führungspersonal kennenzulernen. Und sie berichteten meist begeistert über ihre Eindrücke in den Zeitungen. Eine solche Attraktivität hatte die Weimarer Republik für die Engländer nie besessen[17] – und auch solche politischen Zugeständnisse waren ihr nicht gemacht worden. Dass die Engländer dann 1939 Hitler plötzlich die kalte Schulter zeigten, hat er daher nie verstanden. Im persönlichen Leben nennt man dergleichen wohl verschmähte Liebe.

Heute, im Nachhinein, verstehen wir zwar, warum es wohl so kommen musste: Der Nationalsozialismus sollte durchaus Bollwerk gegen den Bolschewismus sein, aber nicht mit ihm paktieren, und erst recht nicht den Bolschewismus besiegen, denn dann wäre er ja endgültig zu mächtig geworden. Dagegen musste der Westen, zu unser aller Glück, gemeinsam mit der Sowjetunion Front machen – selbst wenn Churchill später bekanntlich der (wieder ganz realpolitischen, aber wohl doch fälschlichen) Meinung war, man habe das „falsche Schwein“ geschlachtet, nämlich Hitler und nicht Stalin.

Zweierlei Westen, zweierlei Kapitalismus

Spätestens der Sieg gegen den Nationalsozialismus wie der anschließende Marshallplan begründeten in Westdeutschland die bis heute anhaltende Liebe zum Westen. Dabei hätte der Wegfall des großen Systemgegensatzes nach 1989 den Blick eigentlich frei machen können für die bedeutsamen Differenzen innerhalb der kapitalistischen Welt. So hat Gøsta Esping-Andersen schon 1990 deutlich gemacht, dass es ein beträchtlicher Unterschied ist, ob man in einem Kapitalismus lebt, der die Gleichheit, oder in einem, der die Freiheit institutionell präferiert. Und Michel Albert hat schon 1991 in „Kapitalismus contra Kapitalismus“ sehr einprägsam zwischen Rheinischem und angelsächsischem Kapitalismus unterschieden, genau wie zehn Jahre späger Peter A. Hall and David Soskice zwischen coordinated und liberal market economies. Dabei stellte sich heraus, dass die sogenannte Globalisierung der 1990er Jahre die traditionellen Differenzen zwischen angelsächsischem und kontinentalem Westen zwar in Frage stellen, aber keineswegs nivellieren konnte. Werden sie jetzt etwa ausgetragen? Kehrt Brexit-Großbritannien heute – freilich zusammen mit den USA unter Trump – zu dieser alten Tradition des „Britania first“ bloß zurück?

Tatsächlich kann man sich sogar wundern, dass „der Westen“, nachdem er seinen Gegner 1989/90 verloren hatte, überhaupt so lange zusammengehalten hat – zumal angesichts der immensen Konjunktur von Krisen, die diese Form der Globalisierung mit sich gebracht hat. Da aber die neoliberale Globalisierung ein Projekt der glorreichen amerikanischen Sieger war, konnte leicht der Anschein entstehen, als gäbe es zu ihr gar keine Alternative. Man muss deshalb heute daran erinnern, dass es sie sehr wohl gibt und dass sie unter anderem auf eine deutsche Tradition zurückgeht („organisierter Kapitalismus“), die eben durchaus Widerhall in der Welt gefunden hat, in Europa und bei Ländern, die eine nachholende Entwicklung betrieben haben.

Wenn dieses Modell aber standgehalten hat und womöglich sogar erfolgreicher war als das neoliberale, dann lässt sich der Rückzug der Angelsachsen verstehen. Sie wollen schlicht das alternative kontinentale Modell nicht länger unterstützen.

Trumps Amerika: Protektionismus statt Universalismus

Ein Problem bei diesem Erklärungsversuch ist allerdings, dass jedenfalls Trump dem neoliberalen Muster gar nicht treu bleiben will, sondern Protektionismus ins Auge fasst. Sollte das aber mit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 zusammenhängen, die den Amerikanern selber die Grenzen ihres neoliberalen Projekts gezeigt hat? Wohingegen die Deutschen die Krise ja relativ gut überstanden haben und die Chinesen von ihr sogar ganz unberührt geblieben sind. Daraus erklärt sich auch die Polemik Trumps gegen die deutschen und chinesischen Exportüberschüsse. Sie könnte allerdings mit der Gegenpolemik beantwortet werden, wieso die USA eigentlich so viel importieren und konsumieren, dass sie seit Jahrzehnten eine negative Handelsbilanz haben.

Dahinter steckt jedoch die Schwäche der amerikanischen Realwirtschaft, gegen die Trump offenbar etwas tun will. Man muss auch einräumen, dass er mit seiner Idee in gewisser Hinsicht recht hat, denn wenn es um das Wohl der Arbeitnehmer geht, sind die USA in der Tat auf Protektionismus angewiesen, weil sie keinen ausreichenden sozialen Schutz gewähren. Deutschland dagegen kann sich den Freihandel mit seinen Risiken auch deshalb leisten, weil seine Arbeitnehmer sozial besser abgesichert sind.[18] Hier zeigt sich, allen Agenda-Reformen zum Trotz, der Unterschied zwischen den Varianten des Kapitalismus. Was viele heute gar nicht mehr wissen, ist allerdings, dass Protektionismus für die Angelsachsen gar nichts Ungewöhnliches ist, sondern historisch sogar die Grundlage ihrer Freihandelspolitik war. Die Briten haben ihn rund 200 Jahre lang praktiziert und sind erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als sie den Weltmarkt unangefochten beherrschten, zum Freihandel übergegangen. Die Amerikaner hielten sogar, als sie in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts den Weltmarkt dominierten, noch am Protektionismus fest, was zu einer wesentlichen Ursache der Weltwirtschaftskrise wurde.

Haben wir heute also, wenn Trump sich durchsetzt, ähnliche Verheerungen zu erwarten? Dagegen spricht, dass die USA ihre die Weltwirtschaft beherrschende Stellung bekanntlich längst verloren haben. Und dennoch scheinen sie gefangen zu sein in dem Muster, nach dem sie einmal angetreten sind, und so zu ihrem Ausgangspunkt, eben dem Protektionismus, zurückzukehren. Damit aber schließt sich der Kreis ihrer Herrschaft und besiegelt sich das Ende des Westens, wie ihn die alte Bundesrepublik zu kennen glaubte.

Für die deutschen Westler kann daraus aber nur eines folgen: mehr Realismus in der Außenpolitik. Denn wer hier von Liebe spricht oder sich sogar schwärmerisch in ihr übt, kann nur enttäuscht werden – vergleiche die „unverbrüchliche Freundschaft“ mit der Sowjetunion.

 


[1] Vgl. „Die Zeit“, 1.6.2017.

[2] Vgl. „Die Zeit“, 27.7.2017.

[3] Jürgen Habermas, Eine Art Schadensabwicklung, in: Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse, München und Zürich 1987, S. 75. 

[4] Vgl. Hans Kundnani, Die Geschichte kehr zurück: Deutschlands fatale Rolle in Europa, in: „Blätter“, 2/2016, S. 64-74, hier: S. 66. 

[5] Wolfgang J. Mommsen (Hg.), Die ungleichen Partner. Deutsch-britische Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1999, S. 20.

[6] Peter Watson, Der deutsche Genius, München 2010.

[7] Mommsen, a.a.O., S. 264.

[8] Ebd.

[9] Alle Zitate in Watson, a.a.O., S. 18 ff.

[10] Vgl. „Der Spiegel“, 4/2017.

[11] Mommsen, a.a.O., S. 35 f.

[12] Hans-Dieter Otto, Für Einigkeit und Recht und Freiheit. Die deutschen Befreiungskriege gegen Napoleon 1806-1815, Stuttgart 2013, S. 23.

[13] Brief an Leopold von Gerlach, Datum 1857, in: Otto von Bismarck, Die gesammelten Werke, Bd. 14/1, Berlin 1933. Der Satz ist übrigens von Tirpitz in seinen Erinnerungen wörtlich übernommen worden, vgl. Deutschland und der Westen im 19. und 20. Jahrhundert, Teil 2, in: „Historische Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft“ (HMRG), Beiheft 11, Stuttgart 1994, S. 88.

[14] Ebd., S. 55.

[15] Mommsen, a.a.O., 123 f.

[16] Mark Mazower, Hitlers Imperium, Zweites Buch, München 2011, S. 533.

[17] Mommsen, a.a.O., S. 147 f.

[18] Elmar Rieger und Stephan Leibfried, Grundlagen der Globalisierung, Frankfurt a. M. 2001.

   

(aus: »Blätter« 11/2017, Seite 50-58)
Themen: Außenpolitik, Geschichte und USA

top