Agitatorische Totenmesse | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Agitatorische Totenmesse

von Tamara Tischendorf

„Amerikas Sokrates“, „akademischer Aktivist“ und „letzter lebender Linksintellektueller“: Das sind nur einige der unzähligen Etiketten für Noam Chomsky. Ja, er publiziert immer noch, der 1928 geborene Linguist von Weltruhm, der bis zu seiner Emeritierung als Professor für Linguistik und Philosophie am renommierten MIT, dem Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, lehrte. Dabei begründete er seinen guten Ruf als Sprachwissenschaftler bereits Ende der 1950er Jahre. Damals veröffentlichte er die These, dass grundlegende grammatikalische Strukturen bei jedem Menschen von Geburt an angelegt seien. Eine „Universalgrammatik“ bildet Chomsky zufolge die biologische Grundlage für die über 6000 Sprachen der Welt. In Analogie zur Funktionsweise von Computerprogrammen formulierte er bei seiner „Generativen Transformationsgrammatik“ bestimmte Verarbeitungsschritte, aus denen sich „wohlgeformte“ Sätze ergaben. Damit warf er die damals vorherrschende Annahme, Kinder lernten Sprache in erster Linie über Nachahmung, über den Haufen. Zwar hegen inzwischen viele Kognitionswissenschaftler und Linguisten begründete Zweifel an Chomskys Theorie der Universalgrammatik, und dennoch hat er die Sprachwissenschaft über Jahrzehnte stark geprägt.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat sich Noam Chomsky zeitlebens auch als zeitdiagnostischer Mahner zu Wort gemeldet. In den 1960er Jahren wetterte er gegen den Vietnamkrieg, heute kann er sicherlich als einer der bekanntesten und profiliertesten Kapitalismuskritiker weltweit gelten. Er selbst nennt sich „Anarchist“ oder „libertärer Sozialist“. Als solcher tritt er auch jetzt wieder in Erscheinung: In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch mit dem Titel „Requiem für den Amerikanischen Traum“ schreibt Chomsky seine Geschichte der Konzentration von Macht und Reichtum in den USA: eine Kampfschrift gegen die soziale Ungleichheit und ein Loblied auf den politischen Aktivismus. Der Text basiert auf dem gleichnamigen Dokumentarfilm, für den die Autoren und Regisseure Peter Hutchison, Kelly Nyks und Jared P. Scott vier Jahre lang Interviews mit dem heute 88jährigen geführt haben. Angereichert ist das Buch mit Auszügen aus Schriften und Reden, die von der griechischen Antike über die Gründungsphase der USA bis hin zur Gegenwart datieren. Die Reihe der Gewährsmänner Chomskys ist bunt gemischt: Der bekennende Eklektiker zitiert den Philosophen Aristoteles oder den Gründer der Nationalökonomie, Adam Smith, genauso wie den Menschenrechtler Malcolm X oder den PR-Strategen Edward Bernays. 

Chomskys Hang zur ganz großen Draufsicht, den er als Linguist gepflegt hat, spiegelt sich strukturell durchaus auch in seinem Abgesang auf den amerikanischen Traum wider. „Schauen wir uns die amerikanische Gesellschaft einmal an. Stellen Sie sich vor, Sie würden sie vom Mars aus betrachten. Was sehen Sie?“ – wendet sich Chomsky direkt an die Leser. Was er selbst sieht, ist eine nahezu beispiellose soziale Ungleichheit. Um Schuldzuweisungen ist er, wie üblich, nicht verlegen: Es seien „vor allem die Superreichen, die für diese Ungleichheit sorgen“ – das „oberste Zehntel Prozent“ der Bevölkerung. Innerhalb der letzten drei und mehr Dekaden sei die amerikanische Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik so umgebaut worden, dass sie vornehmlich deren Interessen diene, während die Mittelschicht zunehmend unter Druck geraten sei. Der systematische gesellschaftliche Umbau folge dabei zehn Prinzipien: 1. „Demokratie einschränken“, 2. „Ideologie bestimmen“, 3. „Wirtschaft umgestalten“, 4. „Andere die Last tragen lassen“, 5. „Solidarität bekämpfen“, 6. „Regulierungsbehörden deregulieren“, 7. „Wahlen manipulieren“, 8. „Den Pöbel im Zaum halten“, 9. „Zustimmung konstruieren“ und 10. „Die Bevölkerung an den Rand drängen.“

Chomsky formuliert seine Totenmesse auf den amerikanischen Traum bisweilen agitatorisch und persönlich. Er sagt „ich“, wenn er von seinen kindlichen Erfahrungen mit der „Great Depression“, der schweren Wirtschaftskrise in den USA in den 1930er Jahren, berichtet. Anders als damals fehle heute der Glaube an bessere Zeiten, so seine Ausgangsanalyse, der amerikanische Traum sei ausgeträumt: „Ein wesentlicher Bestandteil des amerikanischen Traums ist die soziale Mobilität“, hält Chomsky fest. „Auch wer arm geboren ist, kann es durch harte Arbeit zu Wohlstand bringen.“ Und weiter heißt es: „Gemeint ist damit, dass jeder einen gut bezahlten Job finden, sich ein Haus und ein Auto leisten und seinen Kindern eine Ausbildung finanzieren kann [...] All das ist in sich zusammengebrochen.“

Warum es so weit gekommen ist, trägt der Autor auf 192 Seiten zusammen. Die selbst gewählte „Marsperspektive“ liefert dabei allerdings nur schemenhafte Konturen bereits bekannter Versatzstücke aus dem argumentativen Arsenal der Globalisierungskritiker. Chomskys Text ist leicht zugänglich geschrieben und zielt eher auf die Bestsellerlisten denn auf den Geschmack der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

Gleich zu Beginn des Buchs macht Chomsky eine Konstante in der US-amerikanischen Geschichte seit der Staatsgründung im 18. Jahrhundert aus: „Wie ein roter Faden zieht sich der Gegensatz zwischen der Forderung nach mehr Freiheit und Demokratie von unten und dem Bemühen der Elite um Macht und Herrschaft durch die amerikanische Geschichte.“ So habe etwa James Madison, einer der maßgeblichen Gestalter der amerikanischen Verfassung, trotz aller Demokratiebestrebungen dafür gesorgt, die politische Macht bei den wohlhabenden – ernannten und nicht gewählten – Senatsmitgliedern zu konzentrieren: „Madison kam zu dem Schluss, man müsse die Demokratie einschränken – mit anderen Worten, das System so gestalten, dass die Macht in den Händen der Reichen liege, und die Bevölkerung auf vielerlei Weise spalten, damit sie sich nicht zusammenschließen könne, um den Reichen die Macht zu entreißen.“

Seit den 1970er Jahren spiele die globale Wirtschaftsentwicklung den „Herren der Welt“ wieder besonders stark in die Hände. Die Tendenzen sind oft beschrieben worden: Viele Firmen verlagerten ihre Produktionen ins Ausland, zugleich gewann der Finanzmarktsektor innerhalb der Wirtschaft enorm an Bedeutung – mit fatalen Folgen, meint Chomsky: „Die beiden Entwicklungen [...] sind Teil eines Prozesses, der einen Teufelskreis der Konzentration von Reichtum und Macht erzeugt. Produzierende Unternehmen machen immer noch eine Menge Geld, aber eben anderswo. Die größten amerikanischen Konzerne beziehen ihre Profite mehrheitlich aus dem Ausland, und damit eröffnet sich ihnen die Gelegenheit, die Kosten für den Unterhalt der Gesellschaft auf den Rest der Bevölkerung abzuwälzen.“

Unterdessen säßen die Profiteure der global organisierten Wirtschaft an den Schalthebeln der Macht – selbst nach der Finanzkrise noch. Oft befänden sie sich sogar als Berater mit am Regierungstisch, um den Abgeordneten beim Abfassen von Gesetzestexten die Hand zu führen. Es ist selten, dass Chomsky mit stichhaltigen Belegen Ross und Reiter nennt – wie etwa „Robert Rubin und seine Kumpane“ oder „die Clique von Goldman und Sachs“. Meist belässt er es bei generalisierenden Anschuldigungen, was oft nach verschwörungstheoretischen Argumentationsmustern klingt.

Der altersabgeklärte Aktivist Chomsky macht keinen Hehl daraus, dass er der aus seiner Sicht durch und durch korrumpierten US-amerikanischen Demokratie nicht zutraut, all den Negativ-Trends etwas entgegenzusetzen. Bisweilen formuliert er unverhohlen zynisch. Etwa, wenn er empfiehlt, den alle vier Jahre stattfindenden Wahlen lediglich zehn Minuten zu widmen. Die Tour de force durch die Gemeinplätze der Globalisierungskritik endet denn auch ziemlich düster: „Ich glaube nicht“, schreibt Chomsky, „dass wir klug genug sind, eine in jeder Hinsicht wirklich gerechte und freie Gesellschaft zu entwerfen.“ Dennoch setzt er, sich selbst treu bleibend, am Ende auf die kleinen Erfolge des politischen Aktivismus: „Wenn sich etwas verändert, dann liegt das daran, dass viele Leute unablässig tätig sind. Sie arbeiten in ihren Gemeinden, am Arbeitsplatz oder wo immer sie auch sind – und sie legen die Basis für Massenbewegungen, die dann Veränderungen herbeiführen. So hat sich die Geschichte seit jeher fortentwickelt.“ Und, so Chomsky fast schon euphorisch: „Wohin geht die Reise? Das liegt wirklich an Ihnen. Die Richtung bestimmen Sie.“

Noam Chomsky, Requiem für den amerikanischen Traum: Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht, Hg. von Peter Hutchison, Kelly Nyks und Jared P. Scott. Aus dem Englischen von Gabriele Gocke und Thomas Wollermann, Kunstmann Verlag 2017, 192 Seiten, 20 Euro. 

(aus: »Blätter« 10/2017, Seite 121-123)
Themen: USA, Armut und Reichtum und Kapitalismus

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