Die Geschichte des Schweigens oder: Wie das Patriarchat uns mundtot macht | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Emanzipation oder Backlash

Die Geschichte des Schweigens oder: Wie das Patriarchat uns mundtot macht

von Rebecca Solnit

Schweigen ist Gold – so hieß es doch immer, als ich noch klein war. Später änderte sich alles. „Schweigen ist gleich Tod!”, riefen die queeren Aktivist*innen auf den Straßen, als sie gegen Ignoranz und Unterdrückung rund um das Thema Aids kämpften. Das Schweigen ist der Ozean des Ungesagten, des Unsagbaren, Unterdrückten, Ausgelöschten und Ungehörten. Er umspült die versprengten Inseln, gebildet von jenen, denen es erlaubt ist, zu sprechen, von dem, was gesagt werden kann, und von jenen, die zuhören. Das Schweigen tritt aus vielen Gründen und in vielen verschiedenen Arten auf; jede*r hat sein oder ihr ganz persönliches Meer aus unausgesprochenen Wörtern.

Worte bringen uns zusammen, das Schweigen dagegen trennt uns und beraubt uns der Unterstützung, Solidarität oder auch schlicht der Gemeinschaft, die das Sprechen stiftet oder erzeugt. Und die Geschichte des Schweigens ist für die Geschichte der Frauen eine ganz zentrale.

Wer nicht in der Lage ist, die eigene Geschichte zu erzählen, führt ein trostloses Dasein. Manchmal ist das buchstäblich so, als wäre man lebendig begraben: wenn dir niemand zuhört, obwohl du sagst, dass dein Exmann versucht, dich umzubringen, wenn dir niemand glaubt, obwohl du sagst, du habest Schmerzen, wenn niemand deine Hilferufe hört oder du dich nicht mal traust, um Hilfe zu rufen, weil dir eingetrichtert worden ist, andere Menschen nicht mit deinen Hilferufen zu behelligen. Wenn man es für unangemessen hält, wenn du im Meeting den Mund aufmachst, wenn du nicht zugelassen wirst zu einer mit Macht ausgestatteten Institution, wenn du Kritik ausgesetzt bist, die unsachlich ist und deren Subtext besagt, dass Frauen weder anwesend sein noch überhaupt gehört werden sollten. Geschichten retten dir das Leben. Sie sind dein Leben. Wir sind unsere Geschichten. Ein Mensch, der wertgeschätzt wird, lebt in einer Gesellschaft, in der ihre oder seine Geschichte einen Platz hat.

Gewalt gegen Frauen passiert oft als Gewalt gegen unsere Stimmen und unsere Geschichten. Sie ist die Zurückweisung unserer Stimmen – und dessen, was eine Stimme überhaupt bedeutet: das Recht auf Selbstbestimmung, auf Teilhabe, auf Zustimmung oder eine abweichende Meinung, das Recht darauf, zu leben und mitzumachen, zu interpretieren und zu erzählen. Ein Ehemann schlägt seine Frau, um sie zum Schweigen zu bringen; jemand, der sein Date oder seine Bekannte vergewaltigt, weigert sich, dem Nein seiner Opfer die Bedeutung zu lassen, die es hat: dass nämlich der Körper einer Frau unter die Gebietshoheit allein dieser Frau fällt. Die rape culture behauptet, die Aussage einer Frau sei wertlos und unglaubwürdig. Auch Abtreibungsgegner*innen wollen die Frauen in ihrer Selbstbestimmtheit mundtot machen. Und ein Mörder lässt Menschen für immer verstummen.

Die Stummstellung unserer Stimmen

All diese Fälle zeugen davon, dass ein Opfer keine Rechte und keinen Wert hat und nicht als gleichwertig gilt. Solche Stummstellungen finden auch in geringfügigerem Umfang statt: Menschen, die im Netz so lange drangsaliert und belästigt werden, bis sie schweigen, die ausgeschlossen werden von der Unterhaltung, die kleingemacht, gedemütigt und abgewiesen werden. Eine Stimme zu haben ist das Wichtigste. Zwar geht es bei den Menschenrechten nicht ausschließlich darum, aber es steht in ihrem Zentrum, weswegen man die Geschichte der (nicht existenten) Frauenrechte als eine Geschichte des Schweigens und des Brechens dieses Schweigens interpretieren kann.

Sprache, Worte und Stimme ändern die Dinge manchmal von Grund auf – immer dann, wenn sie zu Inklusion und Anerkennung führen, Entmenschlichung rückgängig machen und Rehumanisierung ins Werk setzen. Manchmal sind Sprache, Worte und Stimme nur die Voraussetzungen dafür, Regeln, Gesetze und Regime so zu verändern, dass sie Gerechtigkeit und Freiheit hervorbringen. Manchmal sind allein das Sprechenkönnen, Gehörtwerden und Glaubengeschenkt-Bekommen ausschlaggebend dafür, Teil einer Familie, einer Community, einer Gesellschaft zu werden. Manchmal lässt unsere Stimme Gemeinschaftliches auch entzweibrechen; manchmal wird das Gemeinschaftliche zum Gefängnis. Und wenn dann Worte die Unaussprechlichkeit durchbrechen, wird das, was vorher von einer Gesellschaft toleriert wurde, manchmal untragbar. Nicht davon Betroffene können die Auswirkungen von Diskriminierung, polizeilicher Brutalität oder häuslicher Gewalt oft nicht sehen oder fühlen: Geschichten jedoch machen das Problem greifbar und unausweichlich.

Wer aber wurde nicht gehört? Der Ozean ist weit, und die Oberfläche eines Meeres lässt sich nicht kartieren. Wir wissen, wer in den vergangenen Jahrhunderten bei den offiziellen Themen meistens gehört wurde: derjenige, der gerade das Amt innehatte, der studiert hatte, der Armeen befehligte, der Richter oder Schöffe war, Bücher schrieb und ganze Reiche unter sich hatte. Wir wissen auch, dass sich diese Situation dank der zahllosen Revolutionen des 20. Jahrhunderts latent geändert hat – dank dem Aufbegehren gegen Kolonialismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und gegen das massenhaft von der Homophobie zwangsverordnete Stillschweigen und vieles mehr. Wir wissen, dass die Klassenunterschiede im Laufe des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten in gewissem Maße eingeebnet wurden und dann gen Ende durch Einkommensungleichheiten, das Wegbrechen sozialer Mobilität und das Erstarken einer neuen, extremen Elite wieder an Bedeutung gewonnen haben. Auch Armut bringt zum Schweigen. Im Kampf um die Freiheit ging es immer auch darum, Bedingungen zu schaffen, die denen, die vormals zum Schweigen gebracht wurden, zu Sprache und Gehörtwerden verhelfen.

Eine Engländerin hat mir neulich erzählt, in Großbritannien gebe es eine wachsende Gefängnispopulation von alten Männern, weil zahllose Opfer, denen vorher niemand zuhören wollte, endlich von ihrem sexuellen Missbrauch erzählen. Der berüchtigtste Fall in Großbritannien ist der des BBC-Showmoderators Jimmy Savile, der zum Ritter geschlagen, mit Lob überschüttet und zum Prominenten gemacht wurde – und dann starb, bevor mehr als 450 Menschen, mehrheitlich junge Frauen, aber auch Jungen und erwachsene Frauen, ihre Klage wegen sexueller Nötigung gegen ihn einreichten. 450 Menschen, die vorher nicht angehört wurden – vielleicht, weil sie glaubten, kein Recht zu haben, sich zu äußern, Protest einzulegen oder überhaupt für voll genommen zu werden. Oder weil sie einfach wussten, dass sie dieses Recht tatsächlich nicht hatten, dass sie schlicht die Stimmlosen waren.

John Lydon, bei den Sex Pistols bekannt als Johnny Rotten, sagte 1978 in einem BBC-Interview über Savile: „Ich wette, der hängt in all diesen schäbigen Geschichten drin, die man so hört, über die man aber nicht sprechen darf. Mir sind da so ein paar Gerüchte zu Ohren gekommen. Und ich wette, dass nichts davon je ans Tageslicht kommen wird.” Lydons Worte wurden erst 2013 öffentlich gemacht, als die BBC endlich das ungekürzte Interview freigab. In dieser Zeit kamen auch andere Geschichten heraus, Geschichten über Pädophilenringe, in die auch prominente britische Politiker verwickelt waren. Viele dieser Verbrechen waren vor langer Zeit geschehen. Manche davon führten nachgewiesenermaßen zum Tod einiger Opfer, noch im Kindesalter. Skandale um Personen des öffentlichen Lebens sind nationale oder sogar internationale Versionen jener Dramen, die auch auf niedriger lokaler Ebene ablaufen, wenn es darum geht, wessen Geschichte die Oberhand gewinnt. Oft ist das abhängig davon, in welche Richtung sich der Wind der öffentlichen Meinung dreht – schließlich lösen Skandale eine Menge Gespräche und Auseinandersetzungen aus. Manchmal legen solche Fälle den Grundstein dafür, dass auch andere nach vorne treten und von ihrem Leid und anderen Tätern erzählen. In jüngster Zeit hat sich daraus ein Prozess entwickelt, bei dem in den sozialen Medien kollektive Tribunale eingerichtet und massenhaft Zeugenaussagen getätigt werden sowie Betroffene sich gegenseitig unterstützen.

Das Schweigen macht es Tätern möglich, unbehelligt durch ganze Jahrzehnte zu marodieren. Es ist, als hätten die Stimmen dieser prominent in der Öffentlichkeit stehenden Männer die Stimmen anderer bis zur Nichtigkeit verschluckt. Ein Akt des narrativen Kannibalismus. Diese Männer beraubten andere der Stimme, mit der sie sich hätten weigern können, und ließen sie mit ihren zermürbenden Geschichten zurück, die unglaublich waren. „Unglaublich” heißt in diesem Fall: Die die Macht hatten, wollten nichts davon wissen, hören oder glauben, sie wollten nicht, dass diese Menschen eine Stimme haben. Menschen sind gestorben, weil sie kein Gehör fanden. Dann aber hat sich etwas verändert. Dieselbe Geschichte könnte auch über unzählige Akteure in Nordamerika erzählt werden. Die jüngsten Beispiele sind Harvey Weinstein, jener Hollywood-Produzent, der über Jahrzehnte junge Schauspielerinnen eingeschüchtert, sexuell bedrängt und mit Schweigegeldern mundtot gemacht hat, Roger Ailes, der CEO des Fernsehsenders Fox News, dem von mehreren Frauen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Nachstellung, sexuelle Ausbeutung, Erpressung und psychologischer Missbrauch über den Zeitraum eines halben Jahrhunderts vorgeworfen wurde; Bill Cosby und seine seriellen, mit Unterstützung von Drogen begangenen Vergewaltigungen über die gleiche Zeitspanne; und Jian Ghomeshi in Kanada, der von mehreren Frauen brutaler sexueller Übergriffe bezichtigt wird. Sie alle waren Männer mit Macht, die wussten, dass ihre Stimme und ihre Glaubwürdigkeit die derer übertönen würden, gegen die sie tätlich geworden waren. Was so lange gutging, bis etwas brach: bis das Schweigen gebrochen wurde, ein ganzer Ozean an Geschichten heranrauschte und ihre Immunität hinfortspülte. Aber sogar als die Beweislage längst erdrückend war, vergingen sich einige von ihnen weiterhin an ihren Opfern, schleuderten ihnen Drohungen entgegen oder fanden andere Wege, um die Glaubwürdigkeit ihrer Geschichten in Frage zu stellen. Denn den Opfern Glauben zu schenken, bedeutete schließlich, überaus grundlegende Annahmen in Zweifel zu ziehen. Was unbequem war. Viele aber halten Bequemlichkeit für ihr Grundrecht, sogar – beziehungsweise vor allem – wenn diese Bequemlichkeit auf dem Leid und dem Zum-Schweigen-Bringen anderer basiert.

Wenn das Recht, sich zu äußern, glaubwürdig zu sein und gehört zu werden, eine Art Reichtum ist, dann wird dieser Reichtum momentan umverteilt. Über lange Zeit hat es eine gut vernehmbare Elite mit hoher Glaubwürdigkeit gegeben sowie eine Unterschicht der sprachlosen Massen. Bei der alten Elite bricht während dieses Umverteilungsprozesses immer und immer wieder fassungsloses Unverständnis hervor: Dass sich jene Frau oder jenes Kind tatsächlich getraut hat, den Mund aufzumachen, dass die Leute es wagen, ihnen zu glauben, dass deren Stimme tatsächlich etwas zählt, dass ihre Wahrheit möglicherweise die Herrschaft eines mächtigen Mannes beendet, wird mit Zorn und Unglauben quittiert. Diese endlich gehörten Stimmen verkehren die Machtverhältnisse. Ein Zimmermädchen stand am Anfang vom Ende der Karriere des IWF-Direktors und Serientäters Dominique Strauss-Kahn. Frauen haben die Karrieren von Stars auf vielen Feldern beendet. Besser gesagt: Stars haben ihre Karrieren selbst zerstört, indem sie in dem Glauben handelten, eine mit der Ohnmacht ihrer Opfer einhergehende Straffreiheit zu genießen. Viele sind über Jahre hinweg straffrei geblieben, manche auch ihr ganzes Leben lang; viele stellen jetzt fest, dass es so nicht mehr läuft.

Wer Gehör findet und wer nicht, definiert der Status quo. Diejenigen, die diesen Status quo verkörpern – oft nur zum Preis eines massiven Schweigens untereinander –, rücken ins Zentrum; diejenigen, die für das stehen, was nicht gehört wird und was die verletzt, die auf dem Schweigen anderer Größe erlangen, werden ausgestoßen. Wenn wir neu definieren, wessen Stimme Wertschätzung entgegengebracht wird, definieren wir auch unsere Gesellschaft und ihre Werte neu.

Jeder Mann eine Insel – das männliche Schweigen

Im Patriarchat ist das Schweigen omnipräsent. Allerdings wird von Männern und Frauen jeweils ein anderes Schweigen gefordert. Die strenge Einhaltung der Gender-Rollen darf man sich als Kreieren eines wechselseitigen Schweigens vorstellen, und dabei wird man das männliche Schweigen nach und nach als Preis für Macht und Mitgliedschaft erkennen. Niemand hat es je besser formuliert als bell hooks, die sagte: „Den ersten gewaltsamen Akt, den das Patriarchat Männern abverlangt, ist nicht die Gewalt gegen Frauen. Nein, das Patriarchat verlangt von jedem Mann, Akte der psychischen Selbstverstümmelung an sich vorzunehmen und die emotionalen Anteile seiner selbst abzutöten. Ein Individuum, das diese emotionale Selbstverkrüppelung nicht erfolgreich betreibt, muss damit rechnen, dass patriarchalische Männer entsprechende Machtrituale einsetzen, die sein Selbstwertgefühl angreifen.”

Will sagen: Für die Ordnung des Patriarchats ist es unerlässlich, dass Männer sich zunächst selbst zum Schweigen bringen. (Vielleicht sollte an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen werden, dass das System des Patriarchats, das Männer und Männlichkeit privilegiert, auch von vielen Frauen aktiv gestützt wird, während sich manche Männer dagegen auflehnen und wieder andere die das System stabilisierenden Gender-Regeln gleich ganz außer Kraft setzen.) Was bedeutet, dass Männer lernen müssen, nicht nur gegenüber anderen zu schweigen, sondern auch mit sich selbst nicht zu kommunizieren über Aspekte des eigenen Innenlebens und Ichs.

Als ich diese Passage bei bell hooks las, lief es mir kalt den Rücken hinunter, weil ich plötzlich begriff, dass wir es hier mit dem Plot eines Horror- oder Zombiefilms zu tun haben. Die fühllos Gemachten spüren den Lebenden nach, um auch deren Gefühle zu eliminieren – entweder indem sie ihre Opfer dazu bringen, sich ihrer Erstarrung anzuschließen, oder indem sie sie einschüchtern, angreifen oder vergewaltigen – und dadurch mundtot machen.

Es ist üblich, Vergewaltigung fein säuberlich von häuslicher Gewalt, Mord und institutioneller Frauenfeindlichkeit zu trennen. Aber Frauen, die vergewaltigt und geschlagen, auf der Straße belästigt und gestalkt werden, fürchten oft aus gutem Grund, auch ermordet zu werden, was ihnen – uns – dann auch tatsächlich manchmal widerfährt. Unterscheidungen zu treffen zwischen verschiedenen Arten von Gewalt hilft uns nicht weiter, weil diese Unterscheidungen uns davon abhalten, über das zu reden, was als verbreitet anzutreffendes, tief in der Gesellschaft wurzelndes Phänomen „Gender-Gewalt” genannt wird. Ja, dass der Begriff Gender-Gewalt als solcher schon verschleiert, dass Gewalt immer nur Mittel zum Zweck ist und dass es immer auch andere Mittel gibt.

Gender-Gewalt oder die Verteidigung des Status quo

Das weitverbreitete Auftreten sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt dient dazu, die Freiheit und das Vertrauen derjenigen einzuschränken, die sich in einer Welt zurechtfinden müssen, in der Bedrohung das Hintergrundrauschen ihres Lebens ist. Das sind keine „Verbrechen aus Leidenschaft”, wie sie oft bezeichnet werden. Diese Verbrechen werden nicht aus dem Begehren heraus begangen, sondern aus dem wütenden Wunsch, zu kontrollieren und die alten Machtverhältnisse zu stärken oder wiederherzustellen. Viele Morde unter dem Vorzeichen häuslicher Gewalt sind eine Strafe oder Versuche, die Kontrolle zu behalten über Frauen, die angekündigt haben, gehen zu wollen, die versucht haben, zu gehen, oder die gegangen sind. Jemanden zu töten bedeutet, seine oder ihre Freiheit zu töten und ihre Autonomie, ihre Macht, ihre Stimme gleich mit. Dass viele Männer glauben, es sei ihr Recht und eine Notwendigkeit, Frauen zu kontrollieren – ob gewaltsam oder anderweitig –, sagt eine Menge aus über die Glaubenssysteme, in denen sie leben, und über die Kultur, in der wir existieren.

Viele Vergewaltigungsfälle stoßen die Opfer in die Mühlen der Gerichts- und Universitätsbürokratie, wo sie durch die Fragen des Verwaltungspersonals weiterer Diskreditierung und Herabsetzung unterworfen sind. Oft werden die Opfer hier wie Täter behandelt, als per se nicht vertrauenswürdige Personen, und mit zudringlichen, irrelevanten und lüsternen Fragen angegangen, die meist um ihre sexuelle Vergangenheit kreisen. Entscheidungsträger an Universitäten und Gerichten scheinen sich häufig mehr um die Zukunft von Campusvergewaltigern zu sorgen als um deren Opfer und neigen dazu, Ersteren mehr Glaubwürdigkeit zuzugestehen als Letzteren. Die konsequente Ablehnung vieler Überlebender, mit dem juristischen System zusammenzuarbeiten, bedeutet in der Konsequenz die Einbuße gesetzlich zugesicherter Rechte, Mundtot-Gemacht-Werden und die Straffreiheit von Vergewaltigern, die somit Folgetaten begehen können. Und das alles in einer Gesellschaft (den Vereinigten Staaten), in der nur drei Prozent aller Vergewaltiger überhaupt für ihre Straftaten ins Gefängnis kommen.

So also vollzieht sich Zwangskontrolle sowohl auf häuslicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Darüber, wie mit Opfern umgegangen wird und wie weitverbreitet die Toleranz epidemisch auftretender Gewalt ist, wird Frauen beigebracht, dass sie einen geringen Wert haben, dass sie eventuell noch mehr bestraft werden, wenn sie den Mund aufmachen, und dass es womöglich die bessere Überlebensstrategie sein könnte, zu schweigen. Exakt dieser Zusammenhang wird manchmal als rape culture, also Vergewaltigungskultur bezeichnet, aber genau wie bei der häuslichen Gewalt stellt dieser Begriff den Fokus eher eng auf eine einzelne Tat, statt das Motiv vieler in den Blick zu nehmen. Der Begriff „Patriarchat” ist in dieser Hinsicht umfassender und besser zu gebrauchen. Die Epidemie der Vergewaltigungen an Universitäten gemahnt uns daran, dass diese Form der Straftat nicht von einer Gruppe begangen wird, die man als marginalisiert abtun könnte; innerhalb von Studentenverbindungen an Elite-Unis wie Vanderbilt oder Stanford hat es schon ganz besonders abscheuliche Vorfälle gegeben. Jedes Frühjahr macht wieder die nächste Horde ungestraft davongekommener Vergewaltiger an unseren besten Universitäten ihren Hochschulabschluss. Diese Leute erinnern uns daran, dass dieses Abgestumpftsein im Kern aller Dinge ruht und nicht an deren Rändern, dass das Fehlen von Einfühlungsvermögen und Respekt eine ganz zentrale Angelegenheit ist und keine marginale.

Das Verkümmern der Empathiefähigkeit

Empathie ist ein Narrativ, das wir uns selbst erzählen, um andere Menschen für uns Wirklichkeit werden zu lassen, um mit ihnen zu fühlen und auf diesem Weg über uns selbst hinauszugehen, größer zu werden und uns zu öffnen. Empathiefrei zu sein bedeutet, Teile des eigenen Ichs und der eigenen Menschlichkeit runtergefahren oder abgetötet zu haben, sich gewappnet zu haben gegen eine gewisse Form der Verletzlichkeit. Jemanden zum Schweigen zu bringen oder sich zu weigern zuzuhören, bricht mit dem Gesellschaftsvertrag, das Gegenüber als Mensch und die Verbundenheit untereinander anzuerkennen.

Beim Betrachten eines vor einigen Jahrzehnten veröffentlichten Buchs mit Lynchmordfotografien stellte ich mir vor, dass jene Weißen, die sogar ihre Kinder und Picknickkörbe mitbrachten zu den Schauplätzen von Folter und Qual, eigentlich ihre eigene Gefühllosigkeit, ihre Distanz zu den Dingen feierten. Bei Menschen, die Vergewaltigungsvideos und misogyne Pornos produzieren und konsumieren, muss es sich ähnlich verhalten.

Unsere Menschlichkeit ist aus Geschichten oder – im Fall der Abwesenheit von Worten und Narrativen – aus Phantasien gemacht, in denen es darum geht, dass ich mir das, was ich nicht direkt fühle, weil es nicht mir, sondern dir passiert ist, trotzdem vorstellen kann, und dass es mich etwas angeht. Auf diese Weise stehen wir miteinander in Verbindung. Solche Geschichten können brutal stummgestellt werden, die Stimmen, aus denen vielleicht Empathie erwächst, können zum Schweigen gebracht, diskreditiert, unaussprechlich und unhörbar gemacht werden. Diskriminierung schult einen darin, sich nicht zu identifizieren und nicht Anteil zu nehmen am Schicksal anderer, und zwar einzig aus dem Grund, dass er oder sie irgendwie anders ist. Diskriminierung ist der Glaube daran, dass die Unterschiede alles sind und die uns gemeinsame Menschlichkeit nichts.

Tom Digby führt in seinem Buch „Love and War: How militarism shapes sexuality and romance“aus, dass wir in einer militarisierten Gesellschaft leben, in der ein Mann auf tausenderlei Art unter Druck gesetzt wird, um sich die Einstellung und die Fähigkeit eines Soldaten anzueignen. Ein Soldat, der ständig dem Sterben anderer und der Gefahr ausgesetzt ist, selbst zerfetzt und getötet zu werden, macht dicht. So tun es auch viele, die als Individuum oder Kollektiv Gräueltaten überlebt haben, wobei solche Gräueltat oft von Menschen verübt werden, die längst dichtgemacht haben, um eben jene Gräueltaten verüben zu können.

Damit aus Soldaten Tötungsmaschinen werden, trainiert man sie darauf, ihre Empathiefähigkeit verkümmern zu lassen. So können sie ihre Arbeit im Krieg verrichten; und so kehren sie mit Traumata zurück, über die sie oft nicht sprechen können. In seinem bemerkenswerten Buch über posttraumatische Belastungsstörungen, „The evil hours“, stellt David Morris fest: „Die zersetzende Kraft des Traumas hängt unter anderem damit zusammen, dass es Narrative zerstören kann. [...] Geschichten jedoch, egal ob aufgeschriebene oder erzählte, haben sowohl für Erzähler als auch für Zuhörer eine gewaltige heilende Kraft.“

Morris schreibt, dass Vergewaltigungsopfer und Soldaten vieles gemein haben. Das Trauma unterbricht die Erzählung eines Lebens, weil es das Erinnerte in Scherben schlägt. Die Scherben wiederum werden nicht mehr als glaubwürdige Geschichte erkannt, manchmal nicht mal mehr von dem oder der Erzähler*in – weswegen manche Überlebenden von Vergewaltigung und anderen Gräueln aus dem Erlebten mit in Stücke zerbrochenen Geschichten hervorgehen, die wiederum oft als Zeichen gedeutet werden für die Unglaubwürdigkeit und Unzuverlässigkeit des/der Erzähler*in. Eine Vergewaltigung ist entsprechend ein Akt, der es darauf anlegt, ein Subjekt und dessen Narrativ zu zerschlagen, ein Akt, dem manchmal ein Gerichtsprozess folgt – vorausgesetzt, das Subjekt setzt sich erst wieder als schlüssiges Narrativ zusammen (zu schlüssig darf es allerdings auch nicht sein: Eine erfolgreiche Zeugenaussage darf weder klinisch unterkühlt noch emotional überladen sein). Morris fährt fort: „Ungeachtet der Tatsache, dass Vergewaltigung die am häufigsten vorkommende und am tiefsten verletzende Form von Trauma ist, kümmert sich die Forschung rund um posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) mehrheitlich um Kriegstraumata und -veteranen. Der Großteil dessen, was wir über PTBS wissen, ist das Ergebnis von Studien über Männer.” Anders gesagt: Wer hauptsächlich an dieser Krankheit leidet, wird verschwiegen. Es ist ein Schweigen, das Frauen immer weiter verstummen lässt. Und so baut ein Schweigen auf dem anderen auf, es entsteht eine ganze Stadt aus Schweigen, die gegen die Geschichten zu Felde zieht. Staudämme und Deiche werden gegen die Geschichten errichtet, doch manchmal durchbrechen sie sie und überschwemmen die Stadt.

Die Ansteckungskraft des Schweigens – und des Redens

Schweigen und Scham sind ansteckend; genauso wie Mutigsein und Reden. Die Frauen heute haben angefangen, über ihre Erfahrungen zu sprechen, und es passiert regelmäßig, dass gleich die nächste vortritt, um die Vorrednerin zu unterstützen und von eigenen Erfahrungen zu berichten. Der erste Ziegelstein wird gelockert, dann noch einer. Dann bricht der Damm, und die Wassermassen stürzen hervor. Als Frauen in den 70er und 80er Jahren darüber gesprochen haben, wie sie als Kind sexuell missbraucht und als Erwachsene belästigt und tätlich angegriffen wurden, hatte das ganz konkrete Auswirkungen. Gesetze und die Anwendung dieser Gesetze veränderten sich. Gleichzeitig waren die Geschichten auch ein Angriff auf die Straffreiheit der Autorität – einer Autorität, die vorher meist nicht zu unterscheiden war vom Patriarchat. Die Geschichten besagten, dass man Autorität nicht notwendigerweise Vertrauen schenken kann und dass Macht zum Missbrauch verleitet.

Diese Geschichten waren Teil des großen antiautoritären Aufstands, den man manchmal schlicht „die 60er Jahre” nennt, obwohl der Begriff „Sixties” oft verengt wird auf junge weiße Männer oder auf protestierende Studenten, was der Breite der damaligen die Grundfesten unserer Kommunikationsweise erschütternden Bewegungen nicht gerecht wird. Schließlich waren da auch die Bürgerrechts- und Antidiskriminierungsbewegung, die sowohl von den Native Americans, den Latin und Asian Americans als auch von den Black Communitys ausging, das Eintreten für Schwulen-, Lesben- und Behindertenrechte, dazu die Umweltschutzbewegungen und die antikolonialen und antikapitalistischen Ausprägungen der Kritik.

Es fand eine große Angleichung statt – von Hörbarkeit, Glaubwürdigkeit, Wertigkeit, Partizipation, Macht und Recht –, und sie hält bis heute an. Allerdings gab es auch Gegenreaktionen: Versuche, Menschen zurück in das Schweigen zu bugsieren, aus dem sie kamen.

Irgendwann im Laufe der letzten Jahre ging der feministische Diskurs in eine neue Runde, teils als Reaktion auf Gräueltaten, über die nicht länger geschwiegen wurde. Darunter die vielen Vergewaltigungen auf Universitätsgeländen (woran die heute an vielen Universitäten tätigen „Campus Organizer” einen großen Anteil haben, die meist selbst Betroffene sind). Eine ganze Reihe von Geschichten erlangte eine Aufmerksamkeit, wie es sie vorher so noch nie gegeben hatte, und das Zusammentreffen von weniger frauenfeindlichen Mainstreammedien und Feminist*innen in sozialen und alternativen Medien hat eine energische, lebendige neue Diskussionskultur hervorgebracht. Gleich mehrfach ist es in den vergangenen Jahren passiert, dass ein einzelner namhafter Fall von Gender-Gewalt (sei es das Isla-Vista-Massaker in Santa Barbara, die häusliche Gewalt des Football-Spielers Ray Rice in New Jersey oder die jahrzehntelangen sexuellen Übergriffe auf junge Frauen durch den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein) Frauen dazu bewegt hat, sich in den sozialen Medien zu bekennen und über eigene Erfahrungen zu berichten. Manche teilen einfach nur die Hashtags: Unter #MeToo solidarisieren sich tausende Frauen mit den Opfern von Weinstein und teilen ihre eigenen Erfahrungen von Sexismus und sexualisierter Gewalt, unter #YesAllWomen, #WhyIStayed und #WhyILeft geht es um häusliche Gewalt; und unter dem Hashtag #NotOkay sind bislang mehr als 27 Millionen Tweets in Umlauf gebracht worden von Frauen, die in Reaktion auf die Videoaufzeichnung, in der der damalige Präsidentschaftskandidat Donald Trump darüber spricht, wie er Frauen „an die Möse” grapscht, ihre eigene Geschichte erzählen, davon, wie sie selbst einen sexuellen Übergriff erlebt haben.

Manchmal haben auch Männer diese Hashtags weiterverbreitet oder die Sprecherinnen unterstützt. Männer, die sich aktiv engagieren für Frauenrechte und Feminismus, sind ein Grund dafür, dass es in den letzten Jahren vorwärtsgegangen ist (obwohl es auch viele Rückschritte gab). Die sozialen Medien wurden zum Schauplatz wütender Kampagnen mit dem Ziel, Frauen, die sich über Gewalt gegen Frauen und Frauenfeindlichkeit geäußert hatten, zum Schweigen zu bringen, und insbesondere Twitter tolerierte eine breitangelegte Aktion, die sich für Vergewaltigung und Todesdrohungen aussprach. Ja, Twitter wurde zu der neuen Plattform, auf der sowohl das Schweigen gebrochen als auch versucht wird, dieses Schweigen durch Drohungen und Einschüchterungen wieder durchzusetzen. „Sexuelle Belästigung im Internet ist zum gedanklichen Äquivalent der Belästigung auf der Straße geworden”, sagte die Medienkritikerin Jennifer Pozner, nachdem die schwarze Schauspielerin Leslie Jones so lange beschimpft, beleidigt und gemobbt worden war, dass sie sich bei Twitter abmeldete. „Es ist der Versuch, in der Öffentlichkeit stehende Frauen in ihre Schranken zu weisen und zu bestrafen. Er geht aus von Männern und Jungs, die sagen: ‚Bleibt weg von meinem Spielplatz!’”

Sogar der „Guardian“ machte 2016 eine Bestandsaufnahme der Hass-Posts und -kommentare von Seiten seiner Leser und berichtete, dass unter den zehn am häufigsten attackierten Kolumnist*innen acht Frauen und zwei men of color seien und dass die Feministin Jessica Valenti die Spitzenreiterin unter den Angegriffenen sei. Diese Feldzüge im Netz, die Frauen zum Schweigen bringen sollen, sind noch lange kein Schnee von gestern, auch wenn vieles darauf hindeutet, dass es ein Backlash ist, ein Versuch, das, was längst auf den Plan getreten ist, wieder zurückzudrängen, und das, was längst gehört wurde, wieder zum Schweigen zu bringen.

Das große feministische Experiment, die Welt neu zu erschaffen, indem wir unsere Vorstellungen von Geschlecht und Gender überarbeiten und uns fragen, wer berechtigt ist, das Schweigen zu brechen, war im großen Stil erfolgreich – und bleibt trotzdem extrem unvollendet. Die Zerlegung der über Jahrtausende gewachsenen sozialen Rahmenbedingungen kann schwerlich von nur einer Generation oder in nur ein paar Jahrzehnten erledigt werden. Es ist ein Prozess der Schöpfung und der Zerstörung, der episch ist in seinen Ausmaßen und der während seiner Umsetzung oft bekämpft und angegangen wird. Er bedeutet Arbeit, die die kleinsten alltäglichen Gesten und Interaktionen genauso in den Blick nimmt wie die Änderung von Gesetzen, Glaubensvorstellungen, Politik und kulturellen Übereinkünften, und zwar auf nationaler wie auf internationaler Ebene. Letzteres ergibt sich dabei oft aus der kumulativen Schlagkraft von Ersterem.

Die Aufgabe, die Dinge beim Namen zu nennen, so weit wie möglich die Wahrheit zu sagen, zu wissen, wie wir es bis hierher geschafft haben, jenen zuzuhören, die in der Vergangenheit zu schweigen hatten, zu erkennen, wie Abertausende von Geschichten zusammenpassen und worin sie sich jeweils unterscheiden, und jedes uns zuteilgewordene Privileg zu nutzen, um Privilegien aufzubrechen oder auf mehr Menschen umzuverteilen, ist unser aller Aufgabe. So gestalten wir die Welt.

Der Beitrag basiert auf: Rebecca Solnit, Die Mutter aller Fragen, Hoffmann und Campe Verlag (320 S., 20 Euro). Copyright © 2017 by Rebecca Solnit. Für die deutschsprachige Ausgabe Copyright © 2017 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. Übersetzung: Kirsten Riesselmann.

(aus: »Blätter« 1/2018, Seite 61-70)
Themen: Feminismus und Kultur

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