Ausgabe März 2018

Wie viel Marx steckt im Marxismus?

Zum 200. Geburtstag einer Jahrhundertgestalt

Die Marx-Festspiele gehen weiter: Nachdem im vergangenen Jahr „150 Jahre – Das Kapital“ feierlich begangen wurden, kündigt sich nun Karl Marx‘ 200. Geburtstag am 5. Mai an. Damit stehen zwei zentrale Fragen im Raum: Wer war dieser Marx? Und in welchem Verhältnis steht er zu seinem Werk – und vor allem zu dem, was anschließend daraus gemacht wurde?

Dass „der“ Marxismus, wie er im 20. Jahrhundert im Namen der Parteihäuptlinge Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot als Dogmenensemble auftrat, nur periphere Ähnlichkeiten mit dem urban-humanen Leben und Werk von Marx aufweist, ist eine oft übersehene Einsicht. Auch die Vorstellung, Marx habe ein geschlossenes Ganzes hinterlassen, ist eine Illusion. Das zeigt eindrucksvoll die neue historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels (MEGA). Sie belegt, dass es sich bei zentralen Werken von Marx wie dem „Kapital“ oder der „Deutschen Ideologie“ um Fragmente handelt, die erst von fremder Hand zu „Marx-Werken“ kompiliert wurden. 70 von 140 geplanten Text- und Kommentarbänden weist die MEGA definitiv als Konstrukt Nachgeborener aus. Dieser Schatz aus Textvarianten, Skizzen und Kommentaren bildet die Grundlage einer jeden Restaurations- und Historisierungsarbeit. Auf Basis dessen können Einsichten in die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte von Marx’ Schriften gewonnen werden und Widersprüche zu den „marxistischen“ Ideologien des 20. Jahrhunderts aufgedeckt werden.

Welche Etappen wies es also auf, das Leben und das Werk dieses großen Mannes namens Marx?

Das Leben der Familien Marx und von Westphalen – aus dieser stammt Marx‘ Jugendliebe und spätere Frau Jenny – spielte sich in dem nach Napoleons Sturz preußisch gewordenen Rheinland ab. Es war geprägt vom Zwiespalt zwischen dem Erbe Napoleons (Code civil, beseitigte Feudalaristokratie) und den Hoffnungen, dass sich die Verfassungsversprechen des preußischen Königs erfüllen würden. Es war auch die Zeit der Repression an den Universitäten nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 und dem Widerruf der Emanzipation der Juden. Letzterer bewog Marx‘ Vater Heinrich, sich und seine neun Kinder taufen zu lassen. Auch der Hegelianer Eduard Gans entschied sich für diesen Schritt, um in Berlin Professor zu werden. Während seines Studiums in der preußischen Hauptstadt kam der junge Marx im liberalen „Doctorclub“ mit Gans und anderen Hegelianern, wie dem Theologen Bruno Bauer, in Kontakt. Lange bevor er sich mit der Akkumulation im ökonomischen Sinne beschäftigte, akkumulierte der junge Marx Wissen durch das Exzerpieren von Büchern. 168 Notizbücher haben sich auf diese Weise im Laufe seines Lebens angesammelt.

Marx reichte seine Dissertation über Demokrit und Epikur 1841 in Jena ein. Im junghegelianischen Duktus tauchten darin bereits jene Motive auf, die in unterschiedlichen Formen sein Denken und seine Werke prägten: Dem „menschlichen Selbstbewusstsein“ zollte er zunächst noch in Hegelscher Manier Anerkennung als „oberste Gottheit“. In den Taumel der „wahren Theorie“, in den sich Junghegelianer wie der Privatdozent Bruno Bauer hineinsteigerten – „Der Terrorismus der wahren Theorie muss reines Feld machen“ –, ließ sich Marx jedoch nicht versetzen. Das Motiv, „das Philosophischwerden der Welt (ist) zugleich ein Weltwerden der Philosophie“, ist wörtlich bereits präsent und wird von ihm zeit seines Lebens verwendet werden, beispielsweise in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ (1844), in den „Thesen über Feuerbach“ (1845) oder in den „Grundrissen“ (1857/58). Der Anspruch von Hegels Philosophie, „das Ganze ist das Wahre“, lebt in diesen Schriften fast ungebrochen weiter, blieb jedoch immer ein Versprechen.

Mit der Philosophie Ludwig Feuerbachs entdeckte Marx das „Dasein der Religion“ als das „Dasein eines Mangels“ bzw. einer „verkehrten Welt“, nämlich die Aufspaltung des Menschen in einen gläubigen Menschen und einen politischen und aufgeklärten Staatsbürger. Mit dem Verhältnis von Basis und Überbau oder einer „materialistischen Weltanschauung“ (Friedrich Engels) hat diese Spaltung oder „Entfremdung“ nichts gemein. Marx‘ Einsicht beruhte auf seinem an Hegel orientiertem Verständnis von Arbeit als menschliche Selbsttätigkeit und Weltveränderung. Marx folgte darin der Tradition der Aufklärung, in der sich der Mensch mithilfe seiner Vernunft (Kant) und seiner Arbeit (Locke) „aus der Vormundschaft der Natur“ befreite. Marx erweiterte den Begriff der Befreiung in den „Grundrissen“ um eine politisch-soziale Dimension als „Selbstverwirklichung, Vergegenständlichung des Subjekts, daher reale Freiheit, deren Aktion eben die Arbeit“[1] ist.

Marx auf dem Weg durch ein Europa der Revolution und des Aufruhrs

Marx war zu keinem Zeitpunkt seines Lebens ein Parteichef, auch wenn Engels in einem Essay von 1843 von den „Führern der Partei“ sprach und die „Rheinische Zeitung“ zum „politischen Organ der Partei“ adelte.[2] Marx eminente Bedeutung für die Entstehung der sozialistisch-sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Europa war keiner Funktion in einer Partei geschuldet, sondern seinem überragenden intellektuellen und persönlichen Profil. In der neuen Ausgabe der MEGA finden sich die zahlreichen Anfragen und Antworten der Briefpartner von Marx und Engels. Dabei zeigt sich eindrucksvoll, wie dicht das Kommunikationsnetz war, das die beiden über ganz Europa (einschließlich Russland) und bis in die USA knüpften. Es gab keinen wichtigen Akteur der europäischen Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, mit dem die beiden nicht in Kontakt standen.

Nach seiner Flucht aus Preußen nach Paris im Oktober 1843 beschäftigte sich Marx mit Feuerbachs Religionskritik, aber auch mit Gesellschaftskritik aus dem Kreis französischer Frühsozialisten und Radikaldemokraten sowie mit sozialen Bewegungen wie dem Chartismus in England. Die Einsichten französischer Sozialisten und Feuerbachs Konzept, wonach die Religion den Menschen von sich selbst entfremde, beherzigte Marx 1844 in seiner Kritik am Geld und am „Geldmenschen“: „Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.“[3] Friedrich Engels brachte Marx in Paris dazu, auch die fortgeschrittenen politischen Ökonomen (Adam Smith, David Ricardo, Jean-Baptiste Say und Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi) zu lesen.

Am 3. Februar 1845 wurde Marx auf Druck Preußens aus Paris ausgewiesen und flüchtete mit seiner Ehefrau und seinem Kind nach Brüssel. Nur dank des Verkaufs der Mitgift von Jenny konnte sich die Familie in prekären Verhältnissen über Wasser halten.

Revolutionsphantasien gegen jede Realität

Marx‘ Schriften aus der Revolutionszeit von 1848 in Brüssel, Köln und Paris orientierten sich am Vorbild der Französischen Revolution von 1789. Im Vordergrund stand die Forderung nach der „bürgerlichen Republik“, die Marx jedoch im Unterschied zu seinen liberalen Bündnispartnern nur als Durchgangsstadium verstand. Der Fahrplan, den Marx in seinen politischen Schriften aus dem Verlauf der Französischen Revolution für die deutsche Revolution von 1848 entwickelte, hatte jedoch kaum Aussicht auf Verwirklichung.

Für den „Bund der Kommunisten“ etwa verfasste Marx 1847/48 das zugleich eigenartigste und weltweit meistgelesene Parteiprogramm – das „Kommunistische Manifest“. Die tatsächlichen Mitglieder der „Partei Marx“, die offiziell als „Bund der Kommunisten“ firmierte, konnte man an zwei Händen abzählen, und eine „Partei“ der Kommunisten existierte zu dieser Zeit und noch lange danach überhaupt nicht. Nur Engels‘ trickreichem Vorgehen ist es zu verdanken, dass Marx den Auftrag bekam, das Programm der „Nicht-Partei“ zu verfassen. Als politisches Programm war der sprachlich brillant formulierte Text des Manifests allerdings aussichtslos. So empfahl er eine politische Allianz mit den Liberalen, um dem Kapitalismus, den Marx zu dieser Zeit mit Fortschritt gleichsetzte, zum Durchbruch zu verhelfen. Gleichzeitig unterstellte das Manifest dem bürgerlichen Liberalismus und seinen Regierungen das alleinige Motiv, die Lage des Proletariats verschlechtern zu wollen. Das verärgerte das reformwillige Bürgertum und erschreckte das liberal-konservative Lager. Dem Unternehmen stand das Scheitern auf der Stirn geschrieben.

Einen Monat nach Ausbruch der Revolution konnte Marx im April 1848 nach Köln zurückkehren und wurde für 13 Monate Chefredakteur der „Neuen Rheinischen Zeitung“. Diese bezeichnete sich in ihrem Untertitel als „Organ der Demokratie“ und vermied alles, was an Kommunismus, Sozialismus, Klassenkampf oder Arbeiterinteressen erinnern konnte. Marx fixierte sich ganz auf die Einrichtung von Demokratie und Republik als erstem Schritt der revolutionären Bewegung. Engels, unterwegs auf der Einwerbung von Aktienkapital für das radikaldemokratische Blatt, bekam das Dilemma der als Demokraten auftretenden Revolutionäre zu spüren und berichtete in seinem Brief vom 25. April 1848 an Marx über den Misserfolg beim Fundraising: „Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei. […] Die Sache ist im Grunde die, dass auch diese radikalen Bourgeois hier in uns ihre zukünftigen Hauptfeinde sehen und dass sie uns keine Waffen in die Hand geben wollen, die wir sehr bald gegen sie kehren würden.“

Revolutionsphantasien statt Auseinandersetzung mit den politischen Realitäten bestimmten Marx‘ Schriften aus den Jahren 1848/49: Der Juniaufstand in Paris endete zwar für die Aufständischen katastrophal, aber das hinderte Marx nicht daran, einen triumphalen Kommentar zu verfassen, welcher die Grenzen der Logik stark strapazierte: „Die Pariser Arbeiter sind erdrückt worden von der Übermacht, sie sind ihr nicht erlegen. Sie sind geschlagen, aber ihre Gegner sind besiegt.“ Zum Jahreswechsel erklärte Marx noch immer siegesgewiss: „Revolutionäre Erhebung der französischen Arbeiterklasse, Weltkrieg – das ist die Inhaltsanzeige des Jahres 1849.“ Im November 1848, als sich die Niederlage der Revolution abzeichnete, verstieg sich Marx zur Prognose – auch damit am Ablauf der Französischen Revolution und der Schreckensherrschaft 1793/94 orientiert –, die Konterrevolution sei nur noch durch den „revolutionären Terrorismus“ abzuwenden.

Ein halbes Jahr später musste er Köln Richtung Paris verlassen, von wo er am 24. August 1849 auf Lebenszeit ins Londoner Exil ausgewiesen wurde. Zu diesem Zeitpunkt herrschte in Paris die „Ordnungspartei“, und in Berlin und Wien saßen König und Kaiser wieder fest im Sattel.

Die Entdeckung der Arbeiterbewegung

Ab Juni 1850 verbrachte Marx einen großen Teil seines restlichen Lebens in London: Er war oft krank, meistens in Geldsorgen und wurde permanent von Gläubigern in Atem gehalten. Friedrich Engels sicherte der Familie Marx das Überleben und übernahm auch die Vaterschaft für ein von Marx außerehelich gezeugtes Kind. Marx arbeitete jahrelang für eine große amerikanische Zeitung und fraß sich im British Museum durch Berge von Büchern zur Geschichte, Ökonomie, Politik, Mathematik, Geologie, Agronomie, Statistik und Chemie. Sein Plan, mit dem „Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ eine an Hegels Philosophie orientierte Gesamtdarstellung der Funktionsweise, Reproduktion und Geschichte von Staat und Gesellschaft zu schreiben, erwies sich angesichts der Geschwindigkeit und der Komplexität der Wissensvermehrung als undurchführbar. Mit der Wertformanalyse, das heißt der Darstellung, worauf eine Gesellschaft beruht, in der sich Menschen als Geschöpfe ökonomischer Logik und Kalküle vorfinden, schuf Marx, nach einem Wort Adornos, „wahrhaft ein Stück Erbe der klassischen deutschen Philosophie“.[4] Aber die Analyse und Darstellung des Gesamtsystems, die Subsumtion der Arbeit unter das Kapital bis in alle gesellschaftlich relevanten Bereiche, blieb ein Torso und bildete nie ein „artistisches Ganzes“[5] von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Geschichte und Politik, das er ursprünglich anstrebte. So umfasst das Material zum „Kapital“ in der neuen MEGA rund 12 000 handgeschriebene Seiten, aus denen Marx nur den ersten Band 1867 selbst zusammenstellte. Auch „Die Deutsche Ideologie“, eines der Schlüsselwerke des „Historischen Materialismus“, war ursprünglich eine Reihe von Fragmenten, welche David Rjazanov erst 1932 eigenmächtig in einen Sinnzusammenhang stellte und unter dem heute bekannten Titel veröffentlichte.

Je intensiver sich Marx in den 1850er Jahren in die „Kritik der Politischen Ökonomie“ einarbeitete, desto mehr verloren die zentralen Kategorien ihre spekulativ-geschichtsphilosophische Stoßrichtung. Dafür gewannen sie stärkeren empirisch-deskriptiven Charakter. Aus dem als Subjekt der Geschichte erdachten „Proletarier“ und der ihm zugeschriebenen „Mission“ wurde der schlichte, dem kapitalistischen Lohnsystem unterworfene „Lohnarbeiter“. Auch die beschworene „Arbeiterrevolution“ wurde zum „Arbeits- und Produktionsprozess“ umgedeutet. Marx führte aus, dass die Freiheit des Individuums jenseits dieses Prozesses in dessen „disposable time“ liege.

Eine realistische, von geschichtsphilosophischen Projektionen freie Sicht auf die Arbeiterbewegung gewann Marx in seinen politischen Schriften erst in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Dies fiel zusammen mit der Gründung der „Internationalen Arbeiter-Assoziation“ (IAA) und der deutschen „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ („Eisenacher“). Marx‘ Darstellung der Kämpfe um die Pariser Commune von 1871 war keine Beschreibung eines bereits erreichten Zustands, sondern ein Vorgriff auf die Chancen, die sich aus echter Demokratie ergeben könnten, wenn diese länger Bestand gehabt hätte: „Die große soziale Maßregel war ihr [der Commune, d.A.] eigenes arbeitendes Dasein. Ihre besonderen Maßregeln konnten nur die Richtung andeuten, in der eine Regierung des Volks durch das Volk sich bewegt“.[6] Marx‘ Einfluss auf die führenden Politiker der deutschen Sozialdemokratie sowie die Programmatik der IAA trugen zur Etablierung einer „sozialdemokratischen“ Terminologie und Praxis bei, die sich bald in Europa und Amerika durchsetzte. Dazu gehörten Begriffe wie „Solidarität“, „Streik“ und „Gewerkschaft“ ebenso wie „Assoziation“ und „Aussperrung“. In diesen praktischen Anleitungen eines Journalisten wurde Marx dem europäischen Publikum bekannt und etablierte sich als Mentor von Arbeiterbewegungen in verschiedenen europäischen Ländern. In Marx‘ späten Schriften bis zu seinem Tod 1883 spielten „Revolution“ und „Gewalt“ eine geringere Rolle. Unter dem Eindruck der Erfolge der europäischen Arbeiterparteien und Gewerkschaften verdampfte die Aura von 1789. Die letzte Schaffensphase von Marx kennzeichnete der Versuch, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche „Umwälzungsprozesse“ in den Vordergrund zu stellen, wie Marx im Vorwort zum ersten Band des „Kapital“ (1867) hervorhob.

Trittbrettfahrer und Totengräber des Marxschen Werks

Im Zusammenhang mit Marx’ andauernder Bekanntheit war die Rezeption seiner Theorien und Fragmente von Anfang an von Vergröberungen, Verkürzungen und unterschiedlichen Spielarten politischer Vereinnahmung gekennzeichnet. Max Horkheimer hat diese drei Prozesse der Rezeption 1934 als „Kategorien der Bestattung“ beschrieben. In dem Moment, meinte Horkheimer, in dem die Theorie „eines genialen Mannes genügend Macht gewinnt, um zwangsläufig von sich reden zu machen, setzt die Arbeit ihrer Angleichung an das Bestehende ein“. Zahlreiche Experten machten sich daran, „die Begriffe der revolutionären Theorie in ihre Darstellungen […] einzuweben und ihren ideologischen Bestrebungen dienstbar zu machen“.[7] In der Folge gewannen Trittbrettfahrer, Usurpatoren, Totengräber, Friedhofsgärtner und Grabschänder die Oberhand über Marx’ Schriften und Fragmente.

Jones‘ These, wonach der Marxismus und das, was man im 20. Jahrhundert darunter verstand, erst nach Marx‘ Tod entstand, ist nicht neu. Zu den wichtigsten Vorläufern der These gehören die Marx-Forscher Maximilien Rubel (1905-1996) und Iring Fetscher (1922-2014). Als frühester Vertreter der These gilt Karl Korsch (1886-1951) mit seinen „Zehn Thesen über Marxismus heute“ aus dem Jahr 1950.[8]

Sie alle haben sich mit den Bestattungsverfahren der Vergröberung, Verkürzung und politischen Vereinnahmung von Marx‘ Schriften nach dessen Tod beschäftigt. Das Ergebnis dieser drei Prozesse war zunächst „der“ Marxismus, der auf alle wichtigen Fragen und Problemlagen eine umfassende Antwort hatte, wenn auch nur im Sinne eines Katechismus der „proletarischen Weltanschauung“. Mit dieser setzte sich die sozialistisch-sozialdemokratische Arbeiterbewegung ideologisch vom Rest der Gesellschaft ab.

Hauptverantwortlicher für diese „Ver-Weltanschaulichung“ der Marxschen Kritik war Friedrich Engels, der Ende der 1870er Jahre den Versuch unternahm, dem Einfluss des eklektisch-esoterischen Privatdozenten Eugen Dühring (1833-1921) auf die Arbeiterbewegung zu begegnen. Zu den Hörern und Lesern Dührings gehörten auch führende Sozialdemokraten wie August Bebel und Eduard Bernstein, die Dühring als „neuen Communisten“ begrüßten. Ihrer Ansicht nach verschaffte Dühring in seiner „Kritischen Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus“ (1875) der Bewegung eine wissenschaftliche und obendrein „materialistische“ Grundlage. In seinen Büchern versuchte Dühring eine integrale Erklärung von Welt, Natur und Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften, Moral und Recht zu geben. Engels‘ Widerlegung dieses Gesamtsystems gewann zwangsläufig den Charakter eines Gegen-Systems, umso mehr, als Dühring dazu überging, Marx als seinen Hauptgegner zu beschimpfen: „Marxsche Scholastik“, „Marxereien“, „Marxotheokratie“, „Marxistische Art von Socialrabbinismus“, „marxistischer Staatsdespotismus“[9] lauteten Dührings Etikettierungen. Obwohl Engels den Begriff „Marxismus“ nicht verwendete, erhielt sein populärer „Anti-Dühring“ (1878) den Nimbus eines Gegenkatechismus zur esoterischen Religion Dührings unter der Marke „Marxismus“. Engels‘ Vergröberungen betrafen auf theoretischer Ebene die Berufung auf einen grobschlächtigen „Materialismus“ gegen Dührings „Idealismus“. Engels pumpte die Kategorien „Klasse“ und „Proletariat“ wieder mit zirkulär begründeten, spekulativ-geschichtsphilosophischen Zuschreibungen, „Missionen“ und „Aufgaben“ auf. Er formulierte Marx’ Thesen zu Glaubenssätzen um und deklarierte sie als „Volkspropaganda“.[10] Seiner Ansicht nach müsse das „moderne Proletariat die Revolution, diese weltbefreiende Tat durchführen“.[11]

Die SPD zwischen Kautsky und Bernstein

Mit Karl Kautsky (1854-1938), der von sich sagte, „erst durch den Anti-Dühring haben wir das ‚Kapital‘ richtig lesen und verstehen gelernt“,[12] setzte die Verkürzung der Marxschen Theorie auf ein „wesentlich historisches Werk“ mit „ökonomischen Lehren“ ein.[13] Dessen Buch bestimmte die Marx-Rezeption im Kaiserreich und erreichte bis 1914 nicht weniger als 15 Auflagen. Es zeitigte zwei Folgen. Die politisch dominierende Mehrheit der Partei verstand Marx‘ „ökonomische Lehren“ als „Naturgesetze“, welche die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft bestimmten. In Analogie zur Wirkung von Naturgesetzen sei in beiden Fällen menschliches Eingreifen weder nötig noch möglich, denn die Entwicklung folge unaufhaltsam vorgegebenen Gesetzen. Kautsky brachte das mit dem Ausdruck schlagend zum Ausdruck, dass „die Sozialdemokratie eine revolutionäre, aber keine Revolutionen machende Partei“ sei.[14] Eine Minderheit in der Partei wollte sich mit dem daraus resultierenden politischen Attentismus allerdings nicht abfinden.

Ausgangspunkt für diese Denker war die Theorie von Marx, wie sie Kautsky in seinen Werken dargestellt hatte. Vor allem Eduard Bernstein (1850-1932) bescheinigte Marx in Anschluss an Kautsky eine Theorie des automatischen „Zusammenbruchs“ des Kapitalismus, die er heftig kritisierte. Bernstein ging es allerdings nicht vorrangig um eine theoretische Revision. Die Kritik an der angeblich von Marx stammenden Theorie war nur das Vehikel, um die SPD von ihrer Nicht-Politik abzubringen. Ziel war es, die SPD einer Zusammenarbeit mit linksliberalen Parteien zu öffnen, um die konservativ-obrigkeitsstaatliche Dominanz zu bekämpfen. Das Verdienst von Bernstein war es, eine Diskussion über strategisch-politische Fragen in Gang zu bringen und die SPD als stärkste politische Partei mit ihrem Reformpotential ins Spiel zu bringen. Bernsteins Aufruf zu Reformtätigkeit und Kautskys Versicherung einer naturgesetzlichen Entwicklung auch ohne aktives Engagement prägten die sozialdemokratischen Diskurse in der Vorkriegszeit.

Lenin übernimmt die Ideen von Marx

Noch gravierender und in ihrer langfristigen Wirkung gar nicht zu unterschätzen war die dritte Form der Bestattung der Marxschen Theorie durch Lenin, Stalin und Mao. Alle drei übernahmen nicht nur Vergröberungen und Verkürzungen der Marxschen Schriften ihrer sozialdemokratischen Vorläufer, sondern sie radikalisierten diese und fügten ihnen eine entscheidende Änderung hinzu – die restlose politische Vereinnahmung der Theorie für politische Ziele. Für Lenin war Marxismus nicht „das Übliche und alles, was sich von selbst versteht“,[15] sondern das Nützliche, Notwendige und mit allen Mitteln Durchzusetzende für seine politischen Ziele und die seiner Partei.

Lenin lehnte sich stark an Kautskys „Marxismus“ an und verfasste einen Katalog ökonomischer „Naturgesetzlichkeiten“ und „Lehrsätze“. Allerdings band Lenin die Durchsetzung dieser „Naturgesetzlichkeiten“ an einen rigorosen politischen Willen einer Partei und deren Führung zurück, die er als Geschäftsführerin der historischen Mission des Proletariats verstand. Diese Parteitheorie mündete für Lenin in einer Theorie der Revolution, das heißt der Diktatur der Parteiführung über das Proletariat. Was dieser Theorie an Konsistenz fehlte, wurde mit dem Hinweis auf praktische Erfolge kompensiert.

Dieses weltanschauliche System wurde nach Lenins Tod 1924 als „Leninismus“ und von Stalin als „Marxismus-Leninismus“ etikettiert. So entstand der Typus „Theorie“, der zur Rechtfertigung der Politik von Parteiführungen in beliebigen Kontexten herangezogen werden konnte. Dies ebnete den tragischen Weg zum „Sowjetmarxismus“, dem „Marxismus als Legitimationswissenschaft“ und unhinterfragt geltenden „Parteiwahrheiten“ über Kritik und Reflexion, während gleichzeitig in der Bundesrepublik die Sozialdemokratische Partei mit dem Godesberger Programm von 1959 ihren Marxismus beerdigte, was wiederum den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) als Avantgarde der späteren 68er umso mehr motivierte, an Marx und seinen Erkenntnissen festzuhalten, nicht zuletzt durch die zunehmende Konjunktur von Kapital-Schulungen.

Bei all diesen Versuchen der Interpretation und Instrumentalisierung von Marx‘ Werk wurde zugleich der Ruf immer lauter, die Rezeptionsgeschichte wieder zurückzudrehen. Karl Korsch forderte beispielsweise schon 1950, alle Versuche zu beerdigen, „die marxistische Lehre als Ganzes und in ihrer ursprünglichen Form als Theorie der sozialen Revolution der Arbeiterklasse wiederherzustellen.“[16] Bis heute bleibt die Frage hochaktuell, welche Botschaften und Theorien aus dem Marxschen Riesenwerk gezogen werden können. Auch die Frage, ob Marx‘ Visionen der Reformtätigkeit mutiger Politiker bedürfen oder ihre Verwirklichung ein automatisches Produkt des historischen Prozesses ist, reißt in den gesellschaftlichen Debatten nicht ab. Auch im Jubiläumsjahr ist somit wieder mit einer Fülle an neuen Versuchen und Antworten zu rechnen – immer auf der Suche nach des Pudels Kern bei Marx.

 

[1] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie (1857/58), Frankfurt a. M. 1968, S. 505.

[2] Ironischerweise hatten bürgerlich-liberale Geschäftsleute und Politiker, wie Ludolf Camphausen diese Zeitung gegründet, für die Marx als Redakteur arbeitete.

[3] Karl Marx, Zur Judenfrage, MEGA I,2, S. 166.

[4] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a.M. 1966, S. 188.

[5] Marx an Engels, 31.7.1865, MEW Bd. 31 (1973), S. 132.

[6] Ders., Der Bürgerkrieg in Frankreich (1871), MEW Bd. 17 (1971), S. 347.

[7] Heinrich Regius (d.i. Max Horkheimer), Kategorien der Bestattung, in: ders., Dämmerung. Notizen in Deutschland, Zürich 1934, S. 35.

[8] Maximilien Rubel, Marx critique du marxisme (1974), Payot, Paris 2000; Iring Fetscher, Karl Marx und der Marxismus. Von der Philosophie des Proletariats zur proletarischen Weltanschauung, München 1967; Karl Korsch, Zehn Thesen über Marxismus heute (1950), in: ders., Politische Texte, hg. v. Erich Gerlach und Jürgen Seifert, Wien 1970.

[9] Eugen Dühring, Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus, Leipzig 31879,

S. 493 ff. und S. 554 ff.

[10] Engels an Eduard Bernstein, 2./3.11.1882, MEW Bd.35 (1967), S. 386.

[11] Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. Anti-Dühring (178), MEW Bd. S. 220 (1975), S. 265.

[12] ParteienBenedikt Kautsky (Hg.), Friedrich Engels‘ Briefwechsel mit Karl Kautsky, Wien 1955, S. 4.

[13] Karl Marx‘ Oekonomische Lehren. Gemeinverständlich dargestellt und erläutert von Karl Kautsky (1886), Stuttgart 141914, S. VII.

[14] Karl Kautsky, Ein sozialdemokratischer Katechismus, in: „Neue Zeit“, 12/1 1893/94, S. 368; vgl. Erich Matthias, Kautsky und der Kautskyanismus. Die Funktion der Ideologie in der deutschen Sozialdemokratie, in: Marxismusstudien, 2. Folge, Tübingen 1957, S. 151 ff.

[15] Heinrich Mann, Die erniedrigte Intelligenz (1933), in: ders., Politische Essays, Frankfurt a. M. 1968, S. 120.

[16] Karl Korsch, Zehn Thesen, a.a.O., S. 385.

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