Im Fahrstuhl nach unten: Marx und die Abstiegsgesellschaft | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Im Fahrstuhl nach unten: Marx und die Abstiegsgesellschaft

Mr. Nico / photocase.de Foto: Mr. Nico / photocase.de

von Oliver Nachtwey

Ich bin sicher, dass wir eine Renaissance des Marxismus erleben werden.“ Dieser Satz stammt nicht von Karl Marx, der ja bekanntlich gar kein Marxist sein wollte, sondern vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx.[1] Es sind wirklich besondere Zeiten. Selbst auf die Katholiken und ihren Antikommunismus ist in der heutigen Welt kein Verlass mehr. Kein Zweifel: Im Jahr seines 200. Geburtstages erlebt der große Mann aus Trier eine erneute Renaissance. Heute sind es längst nicht mehr allein die Periodika der Linken, die Marx auf den Titel setzen. Im 21. Jahrhundert haben des Marxismus unverdächtige Zeitschriften wie der britische „Economist“ (das Hausblatt der – wie Marx sie genannt hätte – internationalen Bourgeoisie) ihm Titelgeschichten gewidmet. „Vielleicht hat Karl Marx recht“, twitterte „Bloomberg“, einer der zentralen Informationsdienste der Wall Street, und die „Neue Zürcher Zeitung“ widmete dem Comeback des Marxschen Ideologiebegriffs eine ganze Seite.[2]

Nur wenige Denker des 19. Jahrhunderts sind auch heute in der Öffentlichkeit so präsent – ob Marx trotz seiner Inthronisierung als Klassiker für die Gesellschaftsanalyse weiter relevant ist, bleibt jedoch auch mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Epochenbruch 1989 umstritten. Die Forschungsvorhaben an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ignorieren den Ökonomen Marx jedenfalls geflissentlich und in den allermeisten Lehrplänen firmiert er bloß als musealisierte Fußnote der Geschichte ökonomischer Ideen. Eine von prominenten Historikern, etwa jüngst von Gareth Steedman Jones,[3] vorgebrachte Perspektive über die Theorien von Karl Marx lautet denn auch, dass es sich um die Auffassungen eines Denkers des 19. Jahrhunderts handelt, der über die Verhältnisse dieses Jahrhunderts geschrieben habe. Über unsere moderne Welt habe Marx aber nur wenig zu sagen.

Aber ist das wirklich so – oder verhält es sich nicht genau umgekehrt, war also Marx seiner damaligen Zeit weit voraus?

Der Historiker Eric Hobsbawm weist darauf hin, dass die Welt, die Marx und sein Ko-Autor Friedrich Engels 1848 im „Manifest der Kommunistischen Partei“ mit gleichermaßen düsteren und bewundernden Worten beschreiben, wenig mit jenen gesellschaftlichen Realitäten zu tun hatte, die unserem Bild von Industrialisierung und Moderne entsprechen.[4] In den meisten Teilen der Welt gab es damals noch keine Fabriken, die Landwirtschaft war der zentrale Ort der Produktion. Die Welt zu Marx’ Zeit glich einer zaghaften Anfangsphase der sich entfaltenden Moderne, nicht mehr als ein bescheidener Vorbote dessen, was noch kommen sollte. Jene Ordnung, die im Kommunistischen Manifest beschrieben werde, so Hobsbawm vor 20 Jahren, gleiche allerdings viel eher der Gesellschaft an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Man mag diese Einschätzung für plakativ und übertrieben halten, aber Hobsbawm trifft einen zentralen Punkt: Die Aktualität der Marxschen Analyse hat mit Bezug auf die kapitalistische Produktionsweise im Verlauf der Jahre, in verschiedenen Zyklen, mehr zu- als abgenommen.

Die 1990er Jahre oder: Der Beginn der jüngsten Marx-Renaissance

Die jüngste Renaissance von Marx begann bereits in den 1990er Jahren. Zuvor hatte er eher einem erloschenen Stern geglichen: Man konnte ihn noch am Firmament der Politik und der wissenschaftlichen Debatten erkennen, aber seine Strahlkraft war längst verglüht. Nach den Ereignissen von 1967/68 erfuhren Marx‘ Schriften zwar zunächst eine neue Konjunktur. Vor allem die Studierenden stürzten sich in eine erneuerte Marx-Lektüre, die sich gleichermaßen gegen die „marxistisch-leninistische“ Scholastik wie gegen die sozialdemokratische Domestizierung von Marx wandte. Zu diesem Zeitpunkt beeinflusste Marx die Welt wie kaum ein anderer Intellektueller. Aber die Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 säte Zweifel in fast allen sich auf Marx beziehenden politischen und akademischen Strömungen. Der Zyklus der emphatischen Marx-Rezeption neigte sich seinem Ende zu und die Praxis sowohl östlicher wie westlicher Marxisten nach 1968 tat ihr Übriges, um dem Marxismus seine kurz wiedererlangte Frische zu nehmen.

Drei weitere, miteinander zusammenhängende Faktoren trugen ferner erheblich dazu bei, dass Marx zumindest in der westlichen Hemisphäre an Bedeutung verlor: die ökonomische Prosperität, der soziale Aufstieg und die politische Integration der Arbeiterparteien. Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es im Lichte langanhaltender hoher Wachstumsraten und erfolgreicher staatlicher Interventionen in die Konjunktur so, als gehöre die strukturelle Krisenneigung des Kapitalismus der Vergangenheit an. Die Nachkriegsprosperität trug erheblich dazu bei, dass für die Arbeiterschaft ein signifikanter sozialer Aufstieg in den westlichen Kapitalismen möglich wurde. Auch wenn die Früchte des Wohlstandes höchst ungleich zwischen den Klassen verteilt und die Ungleichheitsverhältnisse von Geschlecht und ethnischer Abstammung virulent blieben, von einer von Marx und Engels im kommunistischen Manifest noch postulierten Tendenz zur sozialen Polarisierung und Proletarisierung konnte keine Rede sein – eher im Gegenteil. Eine solche Konstellation ökonomischer Prosperität hatte Marx nicht vorausgesehen, war er doch von einer Abfolge von Krisen und sich verschärfenden Klassengegensätzen ausgegangen. Ökonomen wie Simon Kuznet konnten während dieser Zeit eine andere Erzählung stark machen: Wirtschaftliches Wachstum würde im Anfangsstadium der kapitalistischen Entwicklung die Ungleichheit zwar erhöhen, später würde es aber zu ihrer Verringerung beitragen.[5] Die sozialen Tatsachen schienen ihnen auch zunächst recht zu geben: Statt einer allgemeinen Proletarisierung entstanden tatsächlich auch breite Mittelklassen, die mit der Marktwirtschaft buchstäblich gut leben konnten. Während dieser Veränderungen waren die alten Arbeiterparteien schon längst keine Feinde des kapitalistischen Staates mehr. Sie sahen im Lichte erfolgreicher Verteilungskämpfe den Sozialstaat als das adäquate Mittel an, Kapitalismus und Demokratie in Einklang zu bringen sowie die Risiken des Marktes für die Arbeiterschaft einzuhegen. So wurde Marx selbst in der Arbeiterbewegung als ein Prophet vergangener, längst überwundener Zustände eingeordnet. Er blieb prominent als nostalgische Erinnerung an kämpferische Zeiten. Die Klassenkonflikte selbst wurden während dieser Zeit sukzessive institutionalisiert und die sozialen Konflikte verschoben sich auf andere Konfliktlinien: hin zur Ökologie- oder Friedensbewegung oder zu den Kämpfen um Gleichberechtigung. Gleichzeitig erfolgte eine Orientierung an Theorien, die jene Entwicklungen adäquater beschrieben als Marx, dessen Schriften hierzu zwar mehr als nichts, aber insgesamt doch wenig aussagen.

Globaler Kapitalismus und westlicher Postwachstumskapitalismus

Doch bereits Anfang der 1970er Jahre bekam dieser – aus heutiger Sicht verfrühte – Abschied von der Marxschen Erzählung erste Risse. Im Jahr 1973 begann, wie es der marxistische Historiker Robert Brenner nannte, der lange Abschwung der westlichen Kapitalismen.[6] Konjunktur- und Finanzkrisen nahmen wieder zu, während die Wachstumsraten nicht mehr das Niveau der Nachkriegszeit erreichten. 1973 begann auch die Internationalisierung der Wirtschaft erneut Fahrt aufzunehmen. Schon im „Manifest der Kommunistischen Partei“ befindet sich eine Antizipation dieser Entwicklung, wenn Marx schreibt, dass das „Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte […] die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel [jagt]. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“[7] Marx’ Begriff des „Weltmarkts“ bietet einen Zugang zu jenen Phänomenen, die wir heute mit dem Begriff der „Globalisierung“ bezeichnen. Der „Weltmarkt“ bildete für Marx eine Schlüsselkategorie der Analyse des entfalteten Kapitalismus. Er verstand die räumliche Expansion des Kapitals als Konsequenz der Steigerungslogik des Kapitalismus, dessen Entstehung er umgekehrt nur vor dem Hintergrund der Aneignung von Kapital im Zuge der Kolonialisierung interpretierte. Diese wahrhaft globale Perspektive, aus der der Weltmarkt zugleich Folge und Voraussetzung kapitalistischer Akkumulation ist, löste Marx nicht konsequent ein.[8] Aber er schreibt zum Beispiel in den„Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“: „Die Tendenz, den Weltmarkt zu schaffen, ist unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben. Jede Grenze erscheint als zu überwindende Schranke.“[9] All diese Schranken werden schließlich auch durch die Entwicklung der Produktivkräfte überschritten und die Herstellung des Weltmarkts wird zu einer der „Haupttatsachen der kapitalistischen Produktion“. [10]

Die Finanzkrise von 2008 als Konjunkturprogramm für Marx

Zu den Haupttatsachen des Gegenwartskapitalismus gehört auch die zentrale Bedeutung der Finanzmärkte. In der spezifischen Tauschform der Finanzsphäre werden keine Waren, sondern nur noch fiktive Geldtitel gehandelt. Aus Geld wird darin mehr Geld, was bereits im Marxschen Akkumulationsschema der vervollkommneten Selbstvermehrung des Kapitals zum Ausdruck kam. Der dabei von Marx entwickelte Begriff des „fiktiven Kapitals“ und seine Einlassungen über das Kreditwesen wurden deshalb zur Grundlage für eine Reihe substanzieller Beiträge zur Analyse der Finanzkrise 2008.Seit dieser globalen Krise erlebt Marx sogar eine kleine Hochkonjunktur. In der Öffentlichkeit und an den Universitäten wurde der Begriff des Kapitalismus (zuvor sprach man in der Regel nur von Marktwirtschaft) wieder zu einer legitimen analytischen Kategorie. Eine Referenz auf Marx erntete nunmehr ein vorsichtig zustimmendes Nicken statt des obligatorischen Kopfschüttelns. Eine geschichtsmächtige, sich auf Marx beziehende soziale Bewegung ist bisher jedoch nicht wieder entstanden, und wahrscheinlich erscheint die Bezugnahme auf dessen Ideen genau aus diesem Grund heute kaum mehr subversiv. Marx schafft es mittlerweile sogar regelmäßig in die Debatten jener Kreise, die historisch gesehen zu seinen Gegnern zählen. In seinem Denken sehen diese offensichtlich keine Gefahr mehr, sondern primär eine Chance zur Analyse einer hochgradig widersprüchlichen Zeit. Und das aus gutem Grund: Denn anders als in den Wirtschaftswissenschaften, die trotz aller Eleganz ihrer mathematischen Systeme immer noch an der Annahme festhalten, dass Märkte im Grunde zu einem Gleichgewicht und Stabilität neigen, ist Marx’ Theorie geprägt von der Perspektive innerer Widersprüche, Instabilitäten und Krisen.

Marx analysiert mit seinem Begriff der kapitalistischen Produktionsweise den Zusammenhang von Produktivkräften (Technologie und Organisation der Produktion) sowie Produktionsverhältnissen (Eigentumsverhältnisse und Herrschaft). In allen historischen Produktionsweisen haben Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse jeweils spezifische Ausprägungen gefunden: „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“, schreibt Marx in „Das Elend der Philosophie“. [11]

Im Unterschied zu den vorkapitalistischen Produktionsweisen ist die kapitalistische durch das strukturell verankerte Motiv der Profitmaximierung gekennzeichnet, deren Allgegenwärtigkeit sich niemand entziehen kann. „Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten! ‚Die Industrie liefert das Material, welches die Sparsamkeit akkumuliert.’ [Adam Smith] Also spart, spart, d. h. rückverwandelt möglichst große Teile des Mehrwerts oder Mehrprodukts in Kapital! Akkumulation um der Akkumulation, Produktion um der Produktion willen, in dieser Formel sprach die klassische Ökonomie den historischen Beruf der Bourgeoisperiode aus.“[12]

Der Kapitalist unterliegt dem Zwang zur beständigen Akkumulation, sonst ist er dem Untergang geweiht. Aus diesem Grund ging Marx mit dem individuellen Kapitalisten mitunter sogar milder ins Gericht als mit seinen politischen Gegnern.

Ja, Marx bewunderte den Kapitalismus für seine innere Dynamik, hatte er doch zu einer bis dahin nicht gekannten Entfesselung der ökonomischen Kräfte geführt. Allerdings nahm er auch an, dass die Profitrate, also das Verhältnis von Gewinnen und vorgeschossenem Kapital, tendenziell fällt, was immer wieder zu Krisen und zu Stagnation führen werde. Der Grund hierfür liegt laut Marx in der Konkurrenz zwischen den Unternehmen, die diese zwingt, die Produktion zu rationalisieren, um die Produktivität zu erhöhen und somit im Verhältnis zum Kapitaleinsatz stetig Arbeitskräfte einzusparen. Das ist betriebswirtschaftlich völlig rational, hat volkswirtschaftlich aber gravierende Auswirkungen. Schließlich müssen sich alle Unternehmen dieser Logik beugen, wodurch die Zahl der Beschäftigten langsamer steigt als der Kapitaleinsatz. Dabei ist – und bleibt – für Marx die Arbeit der Ursprung des Profits, die Quelle von Mehrwert, ohne die das System nicht überleben kann.[13] Der Doppelcharakter der Arbeit, gleichzeitig Gebrauchs- und Tauschwert zu sein, ist für Marx der „Springpunkt“ der politischen Ökonomie. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft ist die Quelle der Wertschöpfung.

In einer historischen Perspektive ging Marx schließlich davon aus, dass die eingesetzte Abeit und die daraus resultierenden Gewinne im Verhältnis zum Kapital abnehmen, dadurch sinkt schließlich auch die Profitrate. Obwohl die Profite – dank der neoliberalen Politik –in den letzten Jahren global gestiegen sind, gibt es empirisch Anzeichen dafür, dass der lange Fall der Profitrate zu einer fatalen, selbstzerstörerischen Tendenz in den westlichen Kapitalismen geführt hat. Denn um die eigene Profite wieder in die Höhe zu treiben, haben Unternehmen vor allem die Investitionstätigkeit verringert und gleichzeitig die Arbeitskosten gesenkt. Keine Geringeren als der ehemalige Weltbankpräsident und US-Finanzminister Larry Summers und der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman wählten zur Charakterisierung der gegenwärtigen Phase der kapitalistischen Entwicklung jüngst den drastischen Begriff der „säkularen Stagnation“.[14] Sie fürchten, dass den westlichen Industriestaaten eine langanhaltende, eben „säkulare“ Periode niedrigen Wirtschaftswachstums bevorsteht. Und anders als in der Phase des Fordismus sind beileibe nicht alle (oder zumindest nicht die meisten) Arbeiter an den Wachstumsgewinnen der Gesellschaft beteiligt.

Die kapitalistische Produktionsweise steht für Marx in einer Einheit mit der bürgerlichen Gesellschaft: Sie verkoppelt freie Lohnarbeit, rechtliche Gleichstellung, Vertragsfreiheit und Konkurrenz. Der freie Arbeiter ist in der bürgerlichen Gesellschaft, wie Marx es formulierte, doppelt frei: Er sei erstens frei „von den alten Klientel- oder Hörigkeitsverhältnissen und Dienstverhältnissen und zweitens frei von allem Hab und Gut und jeder objektiven, sachlichen Daseinsform, frei von allem Eigentum“.[15] Das macht die Proletarier aus: Sie besitzen weder Kapital noch Produktionsmittel – das ist für Marx ihr charakteristisches Merkmal. Deshalb bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre Arbeitskraft zu veräußern. Im Kapitalismus ist auch die Arbeitskraft eine Ware, die auf dem Arbeitsmarkt ver- und gekauft wird.

Zudem sind die Arbeiter den Gefahren des Marktes – Armut, Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit – ausgeliefert. Moderne Gesellschaften haben aus diesem Grund Sozialstaaten errichtet. Der Sozialstaat vermag das Ausmaß des Warencharakters der Arbeit einzuschränken, er ist eine „dekommodifizierende“ Institution, da er die genannten Risiken vergesellschaftet. Der französische Soziologe Robert Castel nennt den Komplex aus Anrechten auf soziale Sicherungsleistungen, Rentenansprüchen, öffentlichen Gütern und Dienstleistungen daher „Sozialeigentum“.[16]

Für Marx ist die Figur des doppelt freien Arbeiters die Gelenkstelle, an der sich die kapitalistische Klassengesellschaft immer wieder reproduziert, auch wenn sie im Laufe der Zeit andere Formen annehmen mag. Arbeiter und Kapitalist treten sich als formal gleichberechtigte Subjekte gegenüber. Während die einen ihre Arbeitskraft jedoch verkaufen müssen, verfügen die anderen über ein Monopol an Produktionsmitteln und ausreichend Geld, um Arbeitskraft zu kaufen. Im Normalbetrieb des Kapitalismus betrügt der Kapitalist den Arbeiter nicht, es geht gewissermaßen mit rechten Dingen zu: Der Arbeiter schafft mehr Wert als jene Summe, die er vom Kapitalisten als Lohn für seine Arbeitskraft erhält. Der Kapitalist kann sich diesen Mehrwert aneignen und ihn in Profit verwandeln. In diesem Tauschverhältnis, das formal auf Gleichheit der Vertragsparteien basiert, real aber die Quelle von Ungleichheit ist, liegt die – wie Marx es nannte – „differentia specifica“ des Kapitalismus. An der Frage der Arbeit lässt sich auch verdeutlichen, dass Marx am Kapitalismus nicht kritisierte, dass es nicht sozial gerecht zugehe. Zwar gebrauchte er für den Prozess der Aneignung von Mehrwert den Begriff der Ausbeutung, benutzte ihn aber nicht in einem moralischen, sondern analytischen Sinne. Sicherlich kritisierte er mit scharfer Klinge die Arbeitsbedingungen in den frühkapitalistischen Fabriken, die Kinderarbeit und die generell bedrückende Lage der Arbeiter. Marx’ Kritik am Kapitalismus war trotzdem viel nüchterner und zugleich grundsätzlicher: Für ihn wird der Arbeiter vom Kapitalisten weder übervorteilt noch betrogen. Im Gegenteil, er zahlt ihm jene Summe, die er für die Reproduktion seiner Arbeitskraft und die seiner Familie benötigt. Es handelt sich beim Kauf und Verkauf der Ware Arbeitskraft um einen Äquivalententausch. Ausbeutung folgt insofern der Logik der kapitalistischen Tauschgesellschaft, in der sich freie Bürger gegenübertreten. Marx kritisiert den Kapitalismus also nicht primär hinsichtlich einer ungerechten Verteilung, sondern weil die kapitalistische Produktionsweise systematisch die Ansprüche auf ein gutes Leben für Alle immer wieder negiert.

Das Ende des Fahrstuhleffekts

Spätestens seit der Finanzkrise 2008 und deren Folgen ist die Frage der Ungleichheit wieder in die öffentliche Debatte zurückgekehrt. 2011 schrieb der amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz einen folgenreichen Artikel im weder für seine Linkslastigkeit noch Wissenschaftlichkeit bekannten Magazin „Vanity Fair“.[17] Stiglitz bedient sich als liberaler Ökonom einer anderen Terminologie als Marx. Aber in seinem Text „Of the 1%, by the 1%, for the 1%“ beschreibt er nichts anderes als die obszönen Ungleichheitsverhältnisse in der amerikanischen Klassengesellschaft. Das eine Prozent der Superreichen eigne sich Wohlstand und Privilegien an und kontrolliere das politische Geschehen. Dieser Text hatte einen großen Einfluss auf die Entstehung der amerikanischen Occupy-Bewegung, die mit dem Slogan „We’re the 99 %“ den Gegenpol der Ungleichheit für sich in Anspruch nahm. Gewiss, Occupy währte nicht lange und die Bewegung war sicherlich nicht mit jenen Klassenkämpfen gleichzusetzen, die Marx vorschwebten, zumal die Anatomie der 99 Prozent mit ihrer heterogenen Interessenlage soziologisch unterbestimmt blieb. Dennoch ist Occupy ein lebendiger Beweis dafür, dass soziale Verteilungskonflikte nicht der Vergangenheit angehören.

In der neueren Debatte über soziale Ungleichheit wurden vor allem die Arbeiten von Branco Milanovic´ und Thomas Piketty breit rezipiert.[18] Diese beiden internationalen Bestseller beschreiben auf je eigene Art und Weise, aber durchaus an Marx anknüpfend, die wachsende Ungleichheit und insbesondere die exponentielle Steigerung von Einkommen und Vermögen bei den Superreichen.

Thomas Piketty zeigt in „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, dass das von Simon Kuznet aufgestellte Postulat eines verallgemeinerten Wohlstandszuwachses im reifen Kapitalismus nicht mehr gilt: Seit den 1970er Jahren wächst die Ungleichheit wieder, bei den Einkommen wie auch den Vermögen. Pikettys Studie ragt vor allem durch ihre breite Datenbasis heraus. Die empirisch fundierte Betrachtung der Sozialstruktur über einen langen Zeitraum und über Ländergrenzen hinweg ist eine große wissenschaftliche Leistung. „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ fällt allerdings bezüglich des Erklärungsanspruchs hinter seinen Vorläufer aus dem 19. Jahrhundert (der obendrein nur recht oberflächlich rezipiert wird) zurück, obgleich der Titel eine Aktualisierung desselben suggeriert. Piketty beschränkt sich weitgehend auf die Deskription der Ungleichheit und verzichtet – anders als Marx – auf die präzise Analyse von Mechanismen und Kausalitäten der Ungleichheit.

Zwar haftet gerade dem Kommunistischen Manifest die Tendenz zu einer Verelendungstheorie an, die sich im Lichte der weiteren historischen Entwicklung als nicht haltbar erwiesen hat. In „Das Kapital“ aber argumentiert Marx ambivalenter. Er betrachtet den Kapitalismus als System kompetitiver Akkumulation, das die dazugehörigen Methoden und Mechanismen beständig modernisiert und verbessert. Dazu gehörte auch, dass bei steigender Produktivität der allgemeine Lebensstandard steigt. Doch selbst wenn die Löhne steigen und die Lebensbedingungen für die Arbeiter sich verbessern, bleibt das (Abhängigkeits-)Verhältnis von Arbeiter und Kapitalist das gleiche. Der Prozess hat nur zur Folge, dass „der Umfang und die Wucht der goldenen Kette […] ihre losere Spannung erlaubt“.[19]

Branco Milanovic´, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, zeigt in seinem jüngsten Buch „Die ungleiche Welt“, dass die Mittelklassen in den letzten Jahrzehnten global betrachtet zwar gewachsen sind, dass sie aber gerade in den OECD-Ländern vom Wohlstandszuwachs der Superreichen zunehmend abgehängt werden. Ja, mehr noch: Bedeutende Teile von ihnen haben sogar einen relativen Abstieg erfahren. Das aber bedeutet: Den Fahrstuhleffekt der westlichen Kapitalismen der Nachkriegszeit gibt es in der alten Form nicht mehr. Während die einen, die ohnehin Wohlhabenden und Spitzenverdiener, weiter nach oben fahren, geht die Reise für die Mehrheit der Arbeitnehmer nach unten. Und dies trifft nicht nur die wachsende Anzahl von Armen, sondern durchzieht wesentliche Teile der Gesellschaft. Jüngste Zahlen des DIW für Deutschland haben gezeigt, dass die unteren 40 Prozent hierzulande nach 1990 reale Einkommensverluste hinnehmen mussten.[20] Vor allem die inneren Bedingungen von sozialer Sicherheit und sozialem Aufstieg wurden ausgehöhlt – die Aufstiegsgesellschaft ist damit zu einer Abstiegsgesellschaft geworden. Natürlich gibt es auch heute immer wieder Aufsteiger aus den Reihen der Subalternen und, wenn auch viel seltener, Absteiger unter den Privilegierten. Insgesamt aber reproduziert sich das Verhältnis einer Polarisierung zwischen Kapitaleignern und Arbeitenden über die Zeit – und zwar vor allem im gegenwärtigen Kapitalismus mit seiner Tendenz zu zunehmend kollektiven Abstiegen.

Und das zeitigt heute in der gesamten westlichen Welt verheerende Folgen. Die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten wenige Jahre nach den Occupy-Protesten hat unterstrichen, dass Ungleichheit und politische Krisen nicht zwangsläufig in Richtung progressiver politischer Bewegungen ausschlagen müssen. Gerade die defizitäre Repräsentation von Bevölkerungsteilen, die sich selbst als Verlierer der gesellschaftlichen Modernisierung betrachten, hat für Trumps Wahlerfolg ebenso sehr eine maßgebliche Rolle gespielt wie beim Aufschwung des rechten Populismus in Europa. Karl Marx hat genau diese Aspekte in seinen späteren Schriften mit auf- und damit vorweggenommen. Sein Blick richtete sich stets auf die sozialen Gegensätze, die sich im entwickelten Kapitalismus vergrößern. Das Moment, dass Gesellschaften wohlhabender werden, aber gleichzeitig ein Teil der Bevölkerung nach unten (bei Marx: ins Proletariat) gedrückt wird, gehört zu seinen zentralen Denkfiguren. Das politökonomische Postulat einer zunehmenden sozialen Spaltung wird ergänzt durch einen überraschend konkreten Blick auf die Mikrodynamiken der Ungleichheit, der hoch aktuell anmutet. Im 23. Kapitel des „Kapitals“ schreibt Marx: „Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums [...]. Je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto größer der Druck der Arbeiter auf ihre Beschäftigungsmittel, desto prekärer also ihre Existenzbedingung: Verkauf der eignen Kraft zur Vermehrung des fremden Reichtums oder zur Selbstverwertung des Kapitals.“[21]

Drei Formen der Prekarität bei Marx und die Aktualität der Klassentheorie

Was Marx als „industrielle Reservearmee“bezeichnet,umfasst eben nicht nur die formal Arbeitslosen, sondern kann auch auf die prekär Beschäftigten der Gegenwart angewendet werden. Die Aktualität seiner Auffassung liegt nicht nur in der Terminologie begründet, sondern auch in der Zusammenschau von Rationalisierungstendenzen der Arbeit, Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und der Marktmacht bestimmter Segmente der Arbeitenden. Auch wenn das Phänomen der prekären Arbeit gemeinhin als neues Phänomen gilt, das auf die allgemeine Einschränkung des Warencharakters der Arbeitskraft in der Phase des sozialstaatlich regulierten Kapitalismus folgte, hat die Marxsche Sichtweise auch hier einen hochaktuellen Bezug.

Marx unterschied dabei bereits drei Formen von Prekarität oder, wie er es nennt, relativer Überbevölkerung: „flüssige, latente und stockende“. Die flüssige oder fließende Überbevölkerung sind jene Arbeiter, die sich im Zentrum der industriellen Produktion befinden. Sie werden „bald repelliert, bald in größerem Umfang wieder attrahiert […]. Sie bildet ein Element der fließenden Übervölkerung, das mit dem Umfang der Industrie wächst“. Die latente Form entsteht aus jenem Teil der Landbevölkerung, der auf dem Sprung ist, „in städtisches oder Manufakturproletariat überzugehen“. Die Urbanisierung ist ein Ausdruck hiervon. Der stockende Teil der relativen Überbevölkerung schließlich ist ein Segment der „aktiven Arbeiterarmee, aber mit durchaus unregelmäßiger Beschäftigung [...] ihre Lebenslage sinkt unter das durchschnittliche Normalniveau der arbeitenden Klasse, und grade dies macht sie zur breiten Grundlage eigner Exploitationszweige des Kapitals“. Mithin zwingt der Druck einer großen Zahl von Unbeschäftigten „die Beschäftigten zur Flüssigmachung von mehr Arbeit“.[22]

In der Vergangenheit wurde Marx’ Klassentheorie häufig als widerlegt angesehen. Auf eine sehr widersprüchliche Art und Weise ist zumindest die Widerlegung von Marx widerlegt. In einem weiten Sinne hat sich die Klassengesellschaft im Marxschen Sinne nämlich erst heute herausgebildet. Bei Marx ist „Klasse“ ein relationaler Begriff: Der Ausschluss vom Eigentum an Produktionsmitteln impliziert eine fundamentale Machtasymmetrie und unterscheidet die Arbeitnehmer von den Kapitalisten.[23] So gesehen ist Marx’ Klassenbegriff heute durchaus wieder relevant, denn nie zuvor waren mehr Menschen lohnabhängig erwerbstätig, weil sie über keine eigenen Produktionsmittel verfügen. Die (Arbeiter-)Klasse an sich – wie Marx sie genannt hat – ist somit national wie global gewachsen. Auf der internationalen Ebene haben sich die sozialen Unterschiede zwischen den Nationen zwar in der jüngeren Vergangenheit verringert, innerhalb der Staaten nahmen sie jedoch immens zu.[24] Allerdings kann keine Rede von einer dichotomen Klassengesellschaft bestehend aus Bourgeoisie und Proletariat sein, wie Marx und Engels sie im Kommunistischen Manifest prophezeiten. Die Bedeutung der Mittelklassen ist trotz der sozialen Abstiege groß geblieben, zugleich erleben wir eine hochgradig zerrissene und zerklüftete Gesellschaft. Das aber wirft die Frage nach den ökonomischen, mit Marx zu erklärenden Ursachen des grassierenden Populismus auf.

Die populistische Konstellation als Folge der Globalisierung

Die gegenwärtige populistische Konstellation entstand im Kontext der sozialen, ökonomischen und kulturellen Auswirkungen der Globalisierung – ganz so, wie es bereits der junge Marx und der junge Engels mit 28 bzw. 30 Jahren im Kommunistischen Manifest beschrieben hatten: „Die Bourgeoisie hat durch ihreExploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen.“[25] Diese Beschreibung erinnert an die aktuelle Debatte über die neuen politischen Spannungen, die als Konflikt zwischen kosmopolitisch orientierten Globalisierungsbefürwortern und regressiven Modernisierungsgegnern interpretiert werden. Auch in der „Rede über den Freihandel“ von 1848 problematisiert Marx diese Frontstellung: „Die Ausbeutung in ihrer kosmopolitischen Gestaltung mit dem Namen der allgemeinen Brüderlichkeit zu bezeichnen ist eine Idee, die nur dem Schoß der Bourgeoisie entspringen konnte.“[26]

In seinen späteren Schriften über Frankreich verbindet Marx diese Problematiken mit einer differenzierteren Klassenanalyse. In „Die Klassenkämpfe in Frankreich“ analysiert Marx die komplizierte Gemengelage nach der Revolution 1848, die schließlich in der Konterrevolution im Juni desselben Jahres gipfelte. Gerade für die heutigen Leser ist dieser Text insofern auch aufschlussreich, weil sich die Februarrevolution gegen die von Marx so genannte Finanzaristokratieerhob, bestehend vor allem aus Bankern und Börsenspekulanten, die von der Staatsverschuldung profitierten. Die Finanzaristokratie, für Marx eine Unterfraktion der Bourgeoisie, stand in ihren Interessen und ihrer Verwobenheit mit dem Staat im Konflikt mit der industriellen Bourgeoisie.

Die Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ knüpft chronologisch unmittelbar daran an. Sie behandelt den Staatsstreich von Napoleons Neffen Louis Bonaparte, der nach den Jahren der Klassenkämpfe die Macht an sich reißen und die Demokratie beseitigen konnte. Louis Bonaparte stellt in Marx’ Augen nicht den unmittelbaren Ausdruck des Klasseninteresses der Bourgeoisie dar, sondern den autoritär erzwungenen Klassenkompromiss. Der Text liest sich aus heutiger Sicht wie ein Kommentar auf den rechten Populismus eines Donald Trump. Denn in der von Marx analysierten Farce des Weges zur Macht gelingt einer „mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle“.[27]

Bonaparte konnte seine Macht auf der sozialen Basis der Parzellenbauern und ihrem gesellschaftlich fragmentierten Dasein aufbauen: Sie seien „unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden. Ihr Vertreter muss zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungsgewalt, die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein schickt.“[28] Was im 19. Jahrhundert für Bonaparte die Parzellenbauern, waren im 21. Jahrhundert für Trump die Bewohner der deindustrialisierten Landstriche des Rustbelts – die Garanten seiner populistischen Herrschaft.

Marx und die Digitalisierung

Noch unbeantwortet ist die Frage nach der Aktualität der Marxschen Analyse für die gegenwärtige digitale Revolution. Wie heißt es dazu im Kommunistischen Manifest: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.“[29]

Auch wenn man skeptisch über das Ausmaß und die (sozialrevolutionären) Auswirkungen der Digitalisierung sein darf, so ist die Frage berechtigt, welche Eigentumsverhältnisse dem digitalen Zeitalter angemessen sind: Wenn Marx die Dampfmühle als Voraussetzung für die Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten sieht, welche Produktionsverhältnisse sind dann für die Epoche der 3 D-Drucker und Big Data adäquat? Glaubt man Jeremy Rifkin und Paul Mason,[30] sind solche Technologien Treiber und Voraussetzung für demokratische und dezentralisierte Produktion und Kommunikation.

Technologien sind allerdings offene Systeme, die von Menschen in viele Richtungen genutzt werden können. Das gilt ebenso für digitale Technologien. Sie eignen sich zur demokratischen Planung wie zur lückenlosen Überwachung, als Instrument der Arbeitserleichterung wie auch der Arbeitsverdichtung. Roboter können einerseits menschliche Arbeit verdrängen (und Arbeitslosigkeit produzieren), sie können den Menschen aber auch – beispielsweise durch eine radikale Arbeitszeitverkürzung – erst jene Freiheitsräume verschaffen, die für eine demokratische oder gar sozialistische Gestaltung der Gesellschaft nötig wären. Insofern könnte uns die Digitalisierung jener utopischen „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist”[31] tatsächlich ein Stück näherbringen. Zumindest wäre Oscar Wildes Seufzer, dass der Sozialismus so viele freie Abende koste, dann nicht mehr ganz so tief.

Teile dieses Beitrags basieren auf der Einleitung des soeben bei Suhrkamp erschienenen Bandes „Karl Marx – Kritik des Kapitalismus. Schriften zur Philosophie, Ökonomie, Politik und Soziologie“, herausgegeben von Florian Butollo und Oliver Nachtwey.


[1] „Dieses Kind ist der Bruder aller Menschen“, Interview mit Kardinal Reinhard Marx, in: „Welt am Sonntag“, 24.12.2017.

[2] Urs Hafner, „Du Ideologe!“, in: „Neue Zürcher Zeitung“, 9.11.2017.

[3] Vgl. Gareth Steedman Jones, Karl Marx. Die Biografie, Frankfurt a. M. 2017.

[4] Vgl. Eric Hobsbawm, Einleitung, in: Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei. Eine moderne Edition, Hamburg 1999, S. 7-40.

[5] Vgl. Simon Kuznet, Economic Growth and Income Inequality, in: „American Economic Review“, 1/1955, S. 1-28.

[6] Vgl. Robert Brenner, The Economics of Global Turbulence, London 2006.

[7] Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848), in: MEW, Bd. 4, Berlin 1977, S. 465.

[8] Marx war ohnehin nicht besonders gut darin, Dinge zu Ende zu bringen, was dazu führte, dass viele seiner Schriften erst von Engels „fertiggestellt“ wurden, siehe dazu Rudolf Walther, Wie viel Marx steckt im Marxismus? Zum 200. Geburtstag einer Jahrhundertgestalt, in: „Blätter“, 3/2018, S. 49-57.

[9] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), in: MEW, Bd. 42, Berlin 1983, S. 321.

[10] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Dritter Band (1867), in: MEW, Bd. 25, Berlin 1995, S. 126 f.

[11] Karl Marx, Das Elend der Philosophie (1847), in: MEW, Bd. 4, Berlin 1977, S. 130.

[12] Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), in: MEW, Bd. 23, Berlin 1995, S.621.

[13] Ebd., S. 208, 647.

[14] Vgl. Paul Krugman, Secular Stagnation, Coalmines, Bubbles, and Larry Summers, www.krugman.blogs.nytimes.com, 16.11.2013; Larry Summers, Secular Stagnation, www.larrysummers.com.

[15] Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), in: MEW, Bd. 23, Berlin 1995, S. 183.

[16] Vgl. Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Fragen. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2008, S.236-282.

[17] Vgl. Joseph Sieglitz, Of the 1%, by the 1%, for the 1%, www.vanityfair.com, 31.3.2011.

[18] Vgl. Branco Milanovic, Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht, Berlin 2016; Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014; ders. Das Ende des Kapitalismus im 21. Jahrhundert? Democracy Lecture, in: „Blätter“, 12/2014, S. 41-52.

[19] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW Bd. 23, Berlin 1995, S. 646.

[20] Vgl. Markus M. Grabka und Jan Goebel, Realeinkommen sind von 1991 bis 2014 im Durchschnitt gestiegen. Erste Anzeichen für wieder zunehmende Einkommensungleichheit, www.diw.de.

[21] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW Bd. 23, Berlin 1995, S. 673 f.

[22] Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW Bd. 23, Berlin 1995, S. 669.

[23] Vgl. Christoph Deutschmann, Postindustrielle Industriesoziologie. Theoretische Grundlagen, Arbeitsverhältnisse und soziale Identitäten. München und Weinheim 2002, S. 95 f.

[24] Göran Therborn, Class in the 21st Century, in: „New Left Review“, 11-12/2012, S. 5-29.

[25] Karl Marx und Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1948), in: MEW, Bd. 4, Berlin 1977, S. 466.

[26] Karl Marx, Rede über die Frage des Freihandels (1849), in: MEW, Bd. 4, Berlin 1977, S. 456.

[27] Karl Marx, Vorwort zur 2. Ausgabe (1869), Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW, Bd. 16, Berlin 1962, S. 359.

[28] Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1851/52), in: MEW, Bd. 8, Berlin 1960, S. 198.

[29] Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort (1859), in: MEW, Bd. 13, Berlin 1961, S. 9.

[30] Jeremy Rifkin, Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus, Frankfurt a. M. und New York 2014; Paul Mason, Postkapitalismus. Auf dem Weg zu einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016.

[31] Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848), in: MEW, Bd. 4, Berlin 1977, S. 482.

(aus: »Blätter« 5/2018, Seite 109-120)
Themen: Kapitalismus, Neoliberalismus und Sozialpolitik

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