Ausgabe Januar 1990

Die Zeit, die nicht vergehen kann oder das Dilemma des Chronisten

Nationen besitzen in ihrer Entwicklung einen Stand der Unschuld, von dem sie - wie Kinder - nichts wissen. Sie nehmen sie wahr und begreifen sie in dem Moment, in dem sie ihrer verlustig gehen.

Doch üblicherweise beharren sie - auch hier vergleichbar der menschlichen Entwicklung - von nun an auf ihre längst verlorene Unschuld. Diese mangelnde Selbsterkenntnis ist unfähig, die eigene Schuld zu sehen, und ist daher anrührend und gefährlich: Sie hat den Reiz ursprünglicher Tugend und die bedrohliche Hemmungslosigkeit des mörderisch Selbstgerechten. "Jedes Volk", sagt Nietzsche, "hat seine eigene Tartüfferie und heißt sie seine Tugenden. - Das Beste, was man ist, kennt man nicht, - kann man nicht kennen." Wir fügen, mit den späteren Erfahrungen, hinzu: Das Schlimmste, was man ist, kennt man nicht, denn es ist unerträglich, sich wirklich ins Gesicht zu sehen. In einem uns sehr fernen deutschen Jahrhundert gab es eine Selbstdefinition unseres Nationalcharakters, die in dem Wort "Deutschland ist Hamlet" kulminierte.

Der Satz erhellt viel über das Selbstverständnis der Deutschen, ihren Anspruch und dessen philosophische Grundierung; jung und schwarzgewandet, einsam und unverstanden, edel und beneidet, gerecht und bedroht, zögernd gegenüber ihren Feinden und ihnen deswegen schließlich ausgeliefert. Eine Revision dieses Bildes ist unnötig.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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