Ausgabe Juni 1990

Die Intellektuellen, das Volk und die Nation

I

Nun triumphieren sie also, die Feuilletonisten der FAZ. Das "Schweigen, mit dem die intellektuelle Klasse der Bundesrepublik auf die revolutionären Vorgänge in den östlichen Nachbarländern reagiert hat" (Joachim Fest), gerät zum Beweis für den endgültigen Zusammenbruch aller gesellschaftskritischen Ideologien und Utopien, der deren meinungsbildende Wortführer unvermeidlich in den Strudel der geistigen und politischen Marginalisierung hineinreißt. Seitdem das Volk der DDR mit der Wahlentscheidung vom 18. März auf seine Souveränität verzichtet hat, scheint sich in der geschichtlichen Realität nun endgültig jener Sieg des "nationalen Mythos" zu vollziehen, der - selbst für Konservative überraschend - "in alle Resignation des Posthistoire" einbricht. Angesichts der Öffnung des Brandenburger Tores und des Absingens des "Deutschlandliedes" im Bundestag kann auch Karl Heinz Bohrer, der ansonsten um die autoritären Dispositionen der Deutschen fürchtet, seine Glücksgefühle nicht länger verschweigen: "Den Deutschen gelang es, eine einmalige historische Situation emotionell und symbolhaft glücklich zu beantworten.

Juni 1990

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Lieferketten-Backlash – und was trotzdem bleibt

von Armin Paasch, Miriam Saage-Maaß

Nach langem Ringen hat das Europäische Parlament am 16. Dezember 2025 dem sogenannten Omnibus-I-Paket zugestimmt, das zentrale Regelwerke des European Green Deal »vereinfachen« soll. Tatsächlich hat die Europäische Volkspartei damit allerdings nicht vereinfacht, sondern vielmehr die »Brechstange« (Manfred Weber, CSU) an die EU-Lieferkettenrichtlinie angesetzt.