Ausgabe September 1990

Es muss doch mehr als alles geben

Vor einigen Tagen erhielt ich einige Interview-Fragen von einer nordamerikanischen christlichen Zeitschrift. Die erste Frage lautete: "Können Ost- und Westdeutschland die besten Eigenschaften ihrer beiden Gesellschaften vereinigen, um so eine gerechtere und menschlichere Ordnung herzustellen?" Man muß vielleicht weit entfernt sein, um eine solch einfache Frage stellen zu können. Immerhin erinnert sie daran, daß in einer Vereinigung jeder Partner Neues und Eigenes einbringt, die eigenen Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen mitbringt. Was wir statt dessen erleben, ist Anschluß oder Vereinnahmung, und der einfache Gedanke, daß auch die DDR etwas zu geben habe, das uns hier bereichern und verbessern könnte, scheint von einem anderen Stern zu stammen. Nein, werde ich also antworten müssen, das Ziel ist nicht, "to produce a more just and human order", sondern die bestehende Ordnung des demokratischen Kapitalismus wird als die einzig mögliche sinnvolle Ordnung angesehen; der Beweis dafür ist ihre wirtschaftliche Effizienz. Andere Kriterien sind irrelevant. Eine andere besorgte Frage geht auf das Wiedererstarken von deutscher Fremdenfeindlichkeit und deutschem Antisemitismus durch die Wiedervereinigung. Ich halte die erste Gefahr für die größere. Die Verschärfungen im Ausländerrecht weisen darauf hin. Manchmal frage ich mich, ob wir wirklich an einem europäischen Haus bauen oder eine deutsche Festung errichten.

September 1990

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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