Vor einigen Tagen erhielt ich einige Interview-Fragen von einer nordamerikanischen christlichen Zeitschrift. Die erste Frage lautete: "Können Ost- und Westdeutschland die besten Eigenschaften ihrer beiden Gesellschaften vereinigen, um so eine gerechtere und menschlichere Ordnung herzustellen?" Man muß vielleicht weit entfernt sein, um eine solch einfache Frage stellen zu können. Immerhin erinnert sie daran, daß in einer Vereinigung jeder Partner Neues und Eigenes einbringt, die eigenen Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen mitbringt. Was wir statt dessen erleben, ist Anschluß oder Vereinnahmung, und der einfache Gedanke, daß auch die DDR etwas zu geben habe, das uns hier bereichern und verbessern könnte, scheint von einem anderen Stern zu stammen. Nein, werde ich also antworten müssen, das Ziel ist nicht, "to produce a more just and human order", sondern die bestehende Ordnung des demokratischen Kapitalismus wird als die einzig mögliche sinnvolle Ordnung angesehen; der Beweis dafür ist ihre wirtschaftliche Effizienz. Andere Kriterien sind irrelevant. Eine andere besorgte Frage geht auf das Wiedererstarken von deutscher Fremdenfeindlichkeit und deutschem Antisemitismus durch die Wiedervereinigung. Ich halte die erste Gefahr für die größere. Die Verschärfungen im Ausländerrecht weisen darauf hin. Manchmal frage ich mich, ob wir wirklich an einem europäischen Haus bauen oder eine deutsche Festung errichten.
In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.