Ausgabe Juli 1991

Unser Kanzler - nahkampferprobt

Ich gehöre zu denen, die mit ihm fühlen. Ich habe ähnliche Erfahrungen. Es war im Jahr 1955, als ich morgens nichtsahnend auf der anderen Straßenseite vor dem Schulhaus anlangte und ein Ei auf meinem Kopf platzte. Es kam aus dem dritten Stockwerk und galt nicht mir, sondern dem Schuldirektor, der ein paar Schritte vor mir seiner preußisch-sozialistischen Pflichterfüllung zustrebte. Ich hatte keine Lust, einen Grußdiener zu machen und hatte mich deshalb verhaltenen Schrittes hinter ihm gehalten. Ich kann bestätigen: Ein Eitreffer auf deinen Kopf ist absolut schmerzfrei, aber offenbar ein evolutionäres Urerlebnis der Primatenspezies Mensch: Es ist so ekelhaft, daß es dich augenblicklich in maßlose Wut versetzt. Ich hätte den (natürlich unsichtbaren) Esel aus der 12. Klasse auf der Stelle erschlagen können. Zu doof, um abzuschätzen, wie viele Sekunden vor dem Durchmarsch des Direktors man das Ei loslassen mußte, damit es auf dessen Kopf und nicht auf meinem landete.

Nun gehört zum archetypischen bedingten Reflex offenbar auch, daß die anderen Affen auf den Bäumen sitzen und laut meckernd lachen. Die Wut des Eigetroffenen wirkt komisch. Und dreht sich damit noch weiter hoch.

Juli 1991

Sie haben etwa 22% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 78% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Kultur

Hellsicht in Zeiten des Umbruchs

von Christopher Resch

Sie sind nicht zu beneiden, die Experten, die Inhaber hoher internationaler Posten, die weißen Männer des Westens. Sozialisiert im Kalten Krieg, müssen sie miterleben, wie das Bündnis zwischen Europa und den USA wankt, das Systemdenken zerbricht, der Grund ihres Handelns ins Schwanken gerät.

Kühle erfrischende Trauer

von Hans-Dieter Schütt

Früh schon hieß es unter Kritikern, der Dichter Günter Kunert sei den Raben verwandt. Diesen sehr einzelnen Wesen, die bei erfahrenen Hexen, weisen Göttinnen und exzellenten Zauberern wohnen. Nachricht bringen sie vom Wesen der Dinge, unbekümmert über Bitterkeit oder Erfreulichkeit ihrer jeweiligen Kunde.