Ausgabe Mai 1991

Mutmaßungen über die neue Weltordnung

Vor Jahren spottete George F. Kennan über seine amerikanischen Landsleute: denen sei das politische Geschäft, spezifische Lösungen für spezifische Probleme zu finden, einfach zu profan. Statt dessen versehe man geradezu zwanghaft politische Entscheidungen "mit einer Aura universeller Bedeutung" 1). Geändert hat sich das bis heute nicht.

Neue Weltordnung: Form ohne Inhalt oder Inhalt ohne Form?

Für Desert Shield und Storm gab es aus Washington ein Sammelsurium guter und weniger guter Begründungen: das Völkerrecht, die Sicherheit Saudi-Arabiens, der Golfanrainer und Israels, die Befreiung Kuwaits, der Hitler von Bagdad, amerikanische Arbeitsplätze, Öl. Nichts wäre falscher, als hier - etwa in Vermutung ungebrochener imperialistischer Kontinuität - Beliebigkeit zu unterstellen. Gerade das Zusammenfallen von irakischem Rechtsbruch, der den ohnehin in der Region angestauten Konfliktvorrat aufstockte, mit amerikanischen Bündnisverpflichtungen, Eigeninteressen und Obsessionen schuf jenes Motivations- und Zielgemisch, das die USA in der bekannten Form handeln ließ. Auf den umfangreichen Legitimationskatalog wurde noch eins draufgesetzt: "... die gegenwärtige Aggression bedroht nicht nur die Sicherheit einer Region, sondern die Zukunftsvision der gesamten Welt.

Mai 1991

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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