Ausgabe Oktober 1991

Rußland und das Erbe der Union

Die alte Sowjetunion besteht nicht mehr. Was die Unabhängigkeitsbewegung der baltischen Republiken und die eher deklamatorischen Souveränitätserklärungen der übrigen Republiken nicht bewirkt hatten, der gescheiterte Putsch hat das Schicksal der Union als eines zentralistischen Einheitsstaates besiegelt. Die Frage ist nun, wer das Erbe der Union übernimmt, soweit es nicht doch den Kompetenzen der neuen Unionskonstruktion zugeschlagen wird. Einige Tage lang hatte es so ausgesehen, als habe Rußland die Union bereits übernommen. Die Führungsrolle Rußlands und seines Präsidenten Jelzin beim Sieg über Janajews Putschisten legitimierte in den ersten Stunden und Tagen des Triumphes vieles und ließ einiges durchgehen.

Aber aufhorchen ließ der Ton, in dem manches geäußert wurde, Mitsprache beim Atomwaffeneinsatz und Vetorecht bei Devisentransaktionen der Staatsbank, so und ähnlich lauteten die Ansprüche. "Rußland ist auferstanden", erklang es aus priesterlichem Munde, "Heute beginnt Großrußland"! ertönte es aus dem Munde des russischen Vizepräsidenten Ruzkoi, eines Obersten. Das sind Anklänge an das alte russische Reichsverständnis der Einheit von Orthodoxie und russischer Großmacht.

Oktober 1991

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe November 2020

In der November-Ausgabe analysieren die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, wie eine Politik der Feindschaft zunehmend die US-amerikanische Demokratie zersetzt. Der Journalist George Packer sieht – mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahl am 3. November – eine letzte Chance, Amerika neu zu erschaffen. Der Ökonom James K. Galbraith plädiert in Zeiten der Krise für eine Rückbesinnung auf den Rooseveltschen New Deal. „Blätter“-Redakteur Daniel Leisegang warnt vor einem digitalen Kalten Krieg zwischen den USA und China. Und die Politikwissenschaftlerin Melanie Müller beleuchtet den doppelten Kampf Südafrikas gegen Corona und Korruption.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

TikTok oder: Der digitale Kalte Krieg

von Daniel Leisegang

Anfang Oktober feierte Instagram seinen zehnten Geburtstag. In digitalen Zeiten ist dies ein stolzes Alter. Und auch die Nutzerzahlen des sozialen Netzwerks können sich sehen lassen: Mehr als eine Milliarde Menschen aus aller Welt teilen dort ihre Fotos und Videos. Dennoch war die Feierlaune im Hause Facebook, das Instagram 2012 aufkaufte, getrübt. Denn schon seit längerem steht weniger Instagram als vielmehr ausgerechnet die aus China stammende Konkurrenz TikTok für den digitalen Zeitgeist.

Der Kampf der Weltanschauungen

von Micha Brumlik

Die Konfrontation der Weltmächte USA und China ist auch eine Konfrontation zweier Philosophien: Ein westlicher, die Menschenrechte ins Zentrum stellender Universalismus wird dabei von einem Universalismus der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Systeme herausgefordert.