Ausgabe Oktober 1991

Rußland und das Erbe der Union

Die alte Sowjetunion besteht nicht mehr. Was die Unabhängigkeitsbewegung der baltischen Republiken und die eher deklamatorischen Souveränitätserklärungen der übrigen Republiken nicht bewirkt hatten, der gescheiterte Putsch hat das Schicksal der Union als eines zentralistischen Einheitsstaates besiegelt. Die Frage ist nun, wer das Erbe der Union übernimmt, soweit es nicht doch den Kompetenzen der neuen Unionskonstruktion zugeschlagen wird. Einige Tage lang hatte es so ausgesehen, als habe Rußland die Union bereits übernommen. Die Führungsrolle Rußlands und seines Präsidenten Jelzin beim Sieg über Janajews Putschisten legitimierte in den ersten Stunden und Tagen des Triumphes vieles und ließ einiges durchgehen.

Aber aufhorchen ließ der Ton, in dem manches geäußert wurde, Mitsprache beim Atomwaffeneinsatz und Vetorecht bei Devisentransaktionen der Staatsbank, so und ähnlich lauteten die Ansprüche. "Rußland ist auferstanden", erklang es aus priesterlichem Munde, "Heute beginnt Großrußland"! ertönte es aus dem Munde des russischen Vizepräsidenten Ruzkoi, eines Obersten. Das sind Anklänge an das alte russische Reichsverständnis der Einheit von Orthodoxie und russischer Großmacht.

Oktober 1991

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