Ausgabe Dezember 1992

Apokalypse 1492

Christoph Kolumbus war sicher ein Mann, der von einer Idee besessen war: den Weg nach Westen zu entdecken und schneller zu den Reichtümern Asiens zu kommen. Daß die Abenteuer-Obsession den Geschäftssinn durchaus nicht ausschloß, läßt sich an der Ausdauer erkennen, mit der Kolumbus erst in Portugal, dann in Spanien und Frankreich um die Provision gekämpft hat: Während die Krone alle Unkosten zu tragen haben würde, verlangte er für sich die Erhebung in den Adelsstand, die Ernennung zum Admiral, Macht und Titel eines Königs in den neuentdeckten Kolonien, 10% aller künftigen Einkünfte der Krone aus diesen Kolonien und das Recht auf finanzielle Teilhabe an allen dort zu errichtenden Handelsunternehmen. Diese Kombination aus Geschäftstüchtigkeit und Abenteurertum wurde mit einer Legende verbrämt: Kolumbus habe seine Suche nach der "Westroute" zum Orient vor allem als ein wissenschaftliches Forschungsprojekt verstanden.

Später wurde diese Stilisierung durch diejenige des großen Kolonisators ergänzt. In der "neuen Welt" habe er eine neue, von Unterdrückung und Standesgrenzen befreite Gesellschaft aufbauen, der Menschheit die Chance eines Neuanfangs geben wollen. Leider hätten - sich gemäß dieser Lesart - in Kolumbus' Gefolge der Eroberungswille und Ausbeutungsgeist gegen seine besseren Absichten durchgesetzt.

Dezember 1992

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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