Ausgabe Januar 1993

Der 30. Januar 1933 - 60 Jahre danach

I

30. Januar - Tag der Machtergreifung. "Machtergreifung"? Da sind wir unversehens schon im Zentrum der Auseinandersetzungen über den Charakter des deutschen Faschismus. Hat die NSDAP wirklich die "Macht ergriffen"? Aus eigener Kraft? War es womöglich sogar "Hitlers Machtergreifung"? Oder ist der Führungsgruppe der NSDAP die Macht übertragen worden? Wurde Hitler in die Macht eingesetzt? Wenn es sich um eine "Machtergreifung" Hitlers oder der NSDAP handelte, dann ist die Frage nach dem Täter schon beantwortet. Die Forschung hat sich dann zu konzentrieren auf Ursachen, Struktur und Ideologie der faschistischen Partei und auf ihren Führer. Die politische Aufmerksamkeit angesichts gegenwärtiger Entwicklungen hat sich zu konzentrieren auf die Aktivitäten rechtsextremer Parteien und Terrorbanden. Weiterreichende Fragen haben allenfalls ergänzende Funktion.

So wird in der etablierten Geschichtswissenschaft denn auch seit Jahrzehnten verfahren. Und vor diesen Fragehorizont versuchen große Teile der veröffentlichten Meinung auch die Diskussion über die gegenwärtige "Gefahr von rechts" zu begrenzen. Wenn es sich aber gar nicht um "Machtergreifung", sondern um "Machtübertragung" gehandelt hat, so fangen die eigentlichen Fragen erst an.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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