Der folgende Artikel wurde vom Herausgeber und verantwortlichen Direktor der größten italienischen Tageszeitung, "La Repubblica", Eugenio Scalfari, für die römische Zweimonatszeitschrift "MicroMega" (4/1994) geschrieben. (Die "Blätter" veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift und des Autors erstmals in deutscher Sprache, übersetzt von Esther Koppel.) Der angesehene linksliberale Publizist verläßt im folgenden sein angestammtes Gebiet und stellt den Aufstieg Berlusconis sowie seines rechten bzw. rechtsextremen Regierungsbündnisses in einen größeren historischen Rahmen. Er kommt zu dem Schluß, daß in die Lücke, die das Ableben des Bürgertums, der "bürgerlichen Klasse" in Italien hinterlassen habe, ein Teil jener middle class gestoßen ist, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Klein- und Mittelwirtschaft herausgebildet hat. Dieses "Segment der Mittelklasse", dem - so Scalfari - "das sogenannte Staatsbewußtsein am meisten fehlt" und das sich in der Lega Bossis, der Forza Italia Berlusconis, der faschistischen Partei Finis wiederfindet, ist direkt (!) in die Politik eingetreten und hat die Führung des Staates übernommen, (Einen völlig anderen Begriff von middle class hat der amerikanische Historiker Christopher Lasch.
Wenn am 6. September bei der Wahl in Sachsen-Anhalt die AfD mit deutlichem Abstand stärkste Partei geworden sein dürfte, dann wird dieser voraussichtlich historische Sieg nicht in erster Linie dem Vermögen der Rechtsextremen geschuldet sein, sondern dem Versagen ihrer Gegner.