Ausgabe Januar 1995

Der Verlust des Erinnerns im Gedenken

1. "Freudenfest für alle?"

Ein " Freudenfest für alle " soll es werden. Am 7. Mai 1995 in London. 50 Jahre danach. Und in Deutschland erst recht. Das wird nicht ohne Gewalt an "anderer Erinnerung" abgehen: gewisse geschichtspolitische Verrenkungen sind notwendig, so "E. F." schon im März 1994 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 1) Wird man dann, vereint mit den westalliierten Siegern, überwunden haben, worauf der Kalender unerbittlich verweist? Das Jahr 1995 beginnt mit der Erinnerung an das Ende von Auschwitz durch die Rote Armee im Januar 1945. Man wird dessen gedenken. Und dann kommt Dresden: die "eigenen" Toten, die "uns" näher stehen? Oder wird erinnert werden - im Bewußtsein individueller Schuld von Tätern, individueller Mitschuld von Mitläufern und unserer historischen Verantwortung für die Opfer wie für die Länder, die von der Feuerwalze der Wehrmacht in Schutt und Asche gelegt worden waren? Eingedenk der Katastrophe, "die wir verursacht und die wir uns eingehandelt haben" (Reinhart Koselleck)? Wenn sich bewahrheitet, was Rudolf Augstein im "Spiegel" (5.12.1994) über die Redepolitik Roman Herzogs - etwa zur Bombardierung Dresdens andeutet, verstärkt dies Befürchtungen: Da ist die Rede von "Verstrickung" im Zusammenhang des Zweiten Weltkriegs.

Januar 1995

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.