Ausgabe Juli 1997

Ironie eines zivilisatorischen Abstiegs

Über das ungeschriebene nationale Programm der Kroaten

Kroatien, einst eine der beiden westlichsten Teilrepubliken im westlichsten sozialistischen Land, trotzt hartnäckig den optimistischen Erwartungen, die der Westen in das Land seit 1991 setzt. Mehr als fünf Jahre nach dem Ende des offenen Krieges und fast zwei Jahre nach der weitgehenden Wiederherstellung seiner territorialen Integrität gehört Kroatien, an der Erreichung demokratischer Standards gemessen, nunmehr in eine Klasse mit der Bundesrepublik Jugoslawien, Albanien und der Slowakei. Die Präsidentschaftswahlen vom 15. Juni 1997 trugen den Charakter einer inszenierten Akklamation für den kranken Amtsinhaber. Von riesigen Werbetafeln blickte das "Staatsoberhaupt, der Staatsmann und Heerführer", wie Tudjman in einer verbreiteten Formel genannt wird, auf das Wahlvolk, die ebenfalls auf Werbetafeln verbreitete Parole "Stabilität und ein besseres Leben für alle" hängt in Kroatien seit einem halben Jahr, ohne daß es dazu noch eines Anlasses, wie der Präsidentenwahl, bedürfte. Die Parole hat so die Stelle der ubiquitären Losungen im Sozialismus eingenommen.

Eine weitere dieser Tafeln zeigt den triumphierenden Präsidenten unter dem Wahlspruch. "Alle kroatischen Siege für Vukovar!" - eine Widmung des Krieges an die 1991 von serbischen Granaten zerstörte Kleinstadt im Osten des Landes.

Juli 1997

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.