Ausgabe Mai 1998

Der schleichende Ausstieg

Der "größte Atomzug aller Zeiten" ist bereits Geschichte: Er rollte am 20. März zum Brennelementezwischenlager in Ahaus, 30 000 Uniformierte "sicherten" den Weg. 213 abgebrannte Brennelemente, verteilt auf sechs Castorbehälter, stehen nun in einer Lagerhalle neben den Stillegungsabfällen aus dem Kugelhaufenreaktor Hamm-Uentropp, als wäre nichts passiert. Es gehört nicht viel Phantasie dazu zu prophezeien, daß dieses "Zwischenlager" zum Dauerlager mutieren wird, denn ein belastbares Endlager für die hochradioaktiven Hinterlassenschaften gibt es weltweit nicht. Mit jedem Castortransport wird der Atomstaat zur materiellen Gewalt und schlägt der Müllabfuhr eine Bresche. Demonstrationen werden verboten, Demonstranten mißhandelt oder vorsorglich eingesperrt. Verfassungsgrundsätze wie der der Verhältnismäßigkeit bleiben im doppelten Sinne auf der Strecke. Mit jedem Castortransport werden Grundrechte außer Kraft gesetzt, das öffentliche Leben erlahmt, es steht unter dem Diktat polizeitaktischer Überlegungen. Selbst Fußballbundesligaspiele fielen dem Castor zum Opfer.

Nach den Bundestagswahlen soll im Oktober ein nächster Sixpack mit hochradioaktiven verglasten Rückständen aus der Wiederaufarbeitungsanlage von La Hague nach Gorleben transportiert werden.

Mai 1998

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