"Ethnische Säuberung" - geprägt wurde dieser Begriff ironischerweise erstmals 1983 von einem serbischen Parlamentarier, der das Verhalten der damals dominierenden Albaner gegenüber der serbischen Minderheit im Kosovo beklagte. Die Praxis allerdings hatte es bereits seit Jahrzehnten gegeben, von beiden Seiten, und die Geschichte legt die Vermutung nahe, daß kein Krieg, kein Vertrag und kein Embargo sie dauerhaft beenden kann. Der Krieg dieses Frühjahrs brachte einen neuen Höhepunkt. 850 000 Kosovo-Albaner wurden aus der Provinz vertrieben, und die etwa 100 000 verbliebenen Serben fragen sich heute, ob sie nach der Rückführung der albanischen Mehrheit durch die NATO in ihrer Heimat bleiben können. Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht! Das Kosovo war nicht immer serbisch... und nicht immer albanisch. Vor dem Aufstieg des ersten serbischen Staatswesens im 13. Jahrhundert gehörte das Gebiet zu Byzanz, davor kurz zu Bulgarien und noch früher war es dardanisch, so der Name des damals dort lebenden Stammes (möglicherweise verwandt mit Dakiern und Moesiern, der Urbevölkerung des heutigen Rumäniens und Bulgariens). Belassen wir es bei dem Hinweis, daß die ersten Slawen im 7. Jahrhundert in der Region siedelten, während Albaner erstmals im 11. und 12. Jahrhundert unter diesem Namen im Kosovo und in seiner Nachbarschaft in Erscheinung treten.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.