Auf kaum einem anderen Feld wirkt das "amerikanische Modell" so autoritativ, so zwingend wie auf dem der "freien Wirtschaft". Zum kleinen Einmaleins unseres Amerika-Lehrgangs gehört mittlerweile, die beste Wirtschaftspolitik sei gar keine, oder wie es Ronald Reagan ausgedrückt hat: Der Staat sei nicht die Lösung irgendeines Problems, er sei das Problem. In den Vereinigten Staaten hat diese rechtsanarchistische Tradition im konservativen Milieu Schule gemacht - ein großer Teil der ökonomischen Lehre und Praxis hat für Staat und Politik nur Verachtung übrig. Anders auf dem europäischen Kontinent, wo der Staat seine Aufgabe nicht nur dann sah, Brücken und Straßen zu bauen, sondern auch Kontrolle über den Wirtschaftsprozess auszuüben und sogar selbst als Unternehmer aufzutreten. So gesehen, war der "rheinische Kapitalismus" tatsächlich ein Dritter Weg zwischen wildem Kapitalismus und Staatssozialismus. Seit Beginn der 90er Jahre sieht man in den USA den Abschied vom Staat wieder nüchterner, aber ein Paradigmenwechsel hat eher in Europa stattgefunden. Auch "New Labour" will hauptsächlich die Verschuldung bekämpfen, die Staatsquote senken und den "Wirtschaftskräften" ansonsten weltweit freie Hand lassen.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst seit Jahrzehnten und erreicht inzwischen demokratiegefährdende Ausmaße. Dabei droht die neoliberale Ökonomisierung der Politik in eine autoritäre Politisierung der Ökonomie zu kippen, die nicht nur die Demokratie, sondern auch den Wettbewerb untergräbt.