Ausgabe Mai 2000

Die Intelligenzija und die Oligarchie

Die liberale Intelligenzija Rußlands fürchtet sich. In einer Sondernummer der Zeitung "Obschtschaja Gazeta" sprachen Prominente der frühen 90er Jahre einhellig von "totalitärer Vergeltung". Solche Ängste zeigten sich auch auf einer Anti-Kriegskundgebung im Zentrum Moskaus. Die Bedrohung existiert ohne Zweifel. Trotzdem klingen diese Worte unecht und fehl am Platze. Was läuft da ab?

Das Feindbild

Seit zehn Jahren jagen liberale Intellektuelle einander und der Öffentlichkeit Angst ein, indem sie vor einer Rückkehr der Kommunisten warnen. Wie so üblich, lebten unsere Kulturprominenz und die Star-Journalisten unter der Herrschaft der Kommunisten zumeist ganz angenehm. Gut, sie hatten Eingriffe in ihre Arbeit hinzunehmen, aber Totalitarismus gab es in Wirklichkeit schon nicht mehr. Totalitäre Systeme erlauben keine Perestroika. Doch diejenigen, die die Perestroika vorantrieben und dann das Hohelied neoliberaler Reformen anstimmten, brauchten schlichtweg ein Feindbild. Die Kommunisten kamen da gerade recht, denn noch hat niemand die Unterdrückung unter dem Stalinismus vergessen. Das Feindbild erwies sich als so furchterregend, daß die Intellektuellen selbst daran glaubten und vor Angst schlotterten.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Kampfplatz Berlin: Die dämonisierte Linkskoalition als Türöffner für die AfD

von Albrecht von Lucke

Wahrscheinlich wird es für immer ein Geheimnis bleiben, was am Abend der Berlin-Wahl am 20. September Issa Remmo, Clan-Chef und zentrale Größe der organisierten Kriminalität in Berlin, veranlasste, auf der Wahlparty der Neuköllner Linkspartei aufzulaufen.

Hochglanz und Unterdrückung: Das neue Ägypten

von Hannah El-Hitami

Wer heute in Downtown Kairo unterwegs ist, bewegt sich durch eine Welt voller Kontraste. Eine junge, internationale und kreative Szene breitet sich hier in einem staubig-chaotischen Stadtteil aus, der sonst eher von Traditionsbetrieben und Straßenmärkten mit lokalen Produkten geprägt ist.

Sahel: Falsche Hoffnung in Putschisten

von Roger Peltzer

In der Juni-Ausgabe analysierte Olaf Bernau die Entwicklungen in den drei von Militärjuntas regierten Sahelstaaten Burkina Faso, Mali und Niger als einen in der westlichen Öffentlichkeit verkannten tiefgreifenden Umbruch in der Region, getragen von einer Politik der Hoffnung. Roger Peltzer sieht darin eine gefährliche Rechtfertigung antidemokratischer Regierungen.