Ausgabe Mai 2001

Entschädigung als Geiselnahme

Der New Yorker "Aufbau" veröffentlichte im März dieses Jahres die Geschichte eines Möbelverkaufs. Stattgefunden hatte er 1938; Verkäuferin war eine Jüdin, die Deutschland verließ, Käufer die Stadt Lauf an der Pegnitz. Eine Rolle spielt dieser Besitzwechsel noch heute, weil die Nichte der inzwischen verstorbenen Frau die Möbelstücke vor einiger Zeit im Archiv der Stadt ausfindig gemacht hatte. Der Archivar bestätigte ihr auf Anfrage, daß es eine Auflistung der benannten Möbelstücke gebe und diese sich noch im städtischen Besitz befänden. Die Aussichten der Nichte, die Einrichtungsgegenstände als Erinnerung an ihre Familie zurückzuerhalten, verschlechterten sich jedoch durch einen Brief des Bürgermeisters, in dem dieser mitteilte, die Möbel seien laut vorliegender Quittung mit 540 Reichsmark ordnungsgemäß erworben worden, hätten wegen Pflege und Erhalt seit mehr als 60 Jahren erhebliche Unkosten verursacht und wären ohnehin nicht mehr auffindbar.

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Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

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Der Corona-Schock

von Ulrich Menzel

Die Corona-Krise zeigt mehr denn je, wie abhängig uns die globale Vernetzung macht: von funktionierenden Lieferketten bis zur Versorgung mit Schutzmasken. Eine teilweise De-Globalisierung erscheint angesichts dessen unumgänglich.