Ausgabe Mai 2002

Berlusconitis

Indro Montanelli war ein weiser Mann. Er konnte auf ein äußerst bewegtes Leben im Dienste des Journalismus zurückblicken: geboren in der liberalen Giolitti-Ära, Erster Weltkrieg, groß geworden mit den Schwarzhemden Mussolinis, Zweiter Weltkrieg, demokratischer Neuanfang, Systemwechsel von der Monarchie zur Republik, 68er Revolten, die "bleiernen Jahre" 1) des Links- und Rechtsterrorismus, die "Jahre des Schlamms" 2), in dem sich die Parteien suhlten, die Tangentopoli-Krise des "Schmiergeldstaats" und der vermeintliche Aufbruch in die zweite italienische Republik. Viele sahen in dem hoch gewachsenen und spindeldürren Alten Italiens letzte Stimme des Gewissens, die mit seinem Tod vor knapp einem Jahr verstummte. Er war der Nestor des italienischen Journalismus schlechthin, ein Intellektueller, versteht sich, beileibe aber kein Linker. Zu guter Letzt hat er sich noch mal als Arzt versucht. Seine Diagnose lautete: "Berlusconitis".

An dieser heimtückischen Krankheit leide sein Land, und nur ein einziger Impfstoff verspreche Heilung: eine Überdosis Berlusconi! Ob Krankheit, Anomalie oder Faktor B - wie immer man das Phänomen Berlusconi auch nennen mag: Italien ist schon fast daran gewöhnt, aus dem Raster westlicher Demokratien zu fallen.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

SPD-Parteitag

Bild: imago images / IPON

2020: Jahr des Übergangs, Jahr der Entscheidung

von Albrecht von Lucke

„In die Neue Zeit“ war der SPD-Bundesparteitag Anfang Dezember überschrieben, und tatsächlich steht die Wahl von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zum ersten Duo an der SPD-Spitze für eine historische Zäsur. Dabei könnte die neue Führung selbst nur ein Übergangsduo sein.

Bild: imago images / Independent Photo Agency Int.

Sardinen gegen Salvini: Protest auf Italienisch

von Andrea Affaticati

Mit diesem Sardinenschwarm, der von Tag zu Tag größer wird und sich von Nord nach Süd über ganz Italien erstreckt, hatte niemand gerechnet. Und schon gar nicht die Politiker. Seit Jahren gab es kein Aufbäumen mehr in der Zivilgesellschaft, als sei diese in Schockstarre verfallen.

Indische Soldaten

Bild: imago images / Hindustan Times

Das Ende des indischen Traums

von Arundhati Roy

Indien lebte stets von seiner Vielfalt und seinen Gegensätzen. Doch seit der Wahl von Narendra Modi zum Premierminister droht sich das zu ändern: Denn Modi kämpft für eine Vorherrschaft der Hindus – und zwar mit allen Mitteln.