Ausgabe April 2004

Es gibt keine Neocons

Die fingierte Selbstauflösung einer Ideologieschmiede

Vor etwa einem Jahrzehnt erfand ich zusammen mit einem Kollegen, der wie ich früher einmal für Irving Kristol gearbeitet hatte, ein Spiel. Wir nannten es Neokonservativen-Bingo. Es ging darum, die Klischees neokonservativer Diskurse in verschiedenen Kombinationen auf Bingokarten zu arrangieren: "Der Welt einzige Supermacht"; "Die neue Klasse"; "Die chinesische Gefahr"; "Dekadentes Europa"; "Wider die UNO"; "The Adversary Culture" (Die Gegenkultur); "Die globale Demokratierevolution"; "Nieder mit den Beschwichtigern!"; "Seid standhaft wie Churchill". In der Mitte einer solchen Bingokarte würde stehen "Es gibt kein palästinensisches Volk" (heutzutage hieße es "Keinen Palästinenserstaat" oder "Alle Palästinenser sind Terroristen"). Liest man nun den Aufsatz oder das Buch eines Neokonservativen, so hat man nichts weiter zu tun, als jeden Slogan in der Reihenfolge, in der er erscheint, auf der Karte abzuhaken.

Wir haben unsere Neocon-Bingokarten niemals drucken lassen. Aber man kann genauso gut auf das neokonservative Manifest zurückgreifen, das David Frum und Richard Perle gerade unter dem Titel "An End to Evil"1 veröffentlicht haben. Es handelt sich dabei eher um eine Stichwortsammlung, um Gesprächsstoff, als um eine in sich geschlossene Abhandlung.

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