Ausgabe Juni 2004

Integration oder Aufstand

Schiitischer Islamismus im Irak

Neben der wirtschaftlichen Entwicklung, der Demokratisierung und dem Aufbau eines föderalen Systems liegt einer der Schlüssel zur Lösung der innerirakischen Probleme in der Frage der politischen Integrierbarkeit islamistischer Parteien. Da die Mehrheit der irakischen Bevölkerung der schiitischen Richtung des Islam angehört, sind heute, trotz spektakulärer Anschläge radikaler sunnitischer Islamisten, die Anhänger des schiitischen Islamismus politisch bedeutender als jene des sunnitischen Islam. Die Schiiten dürften folglich die führende Rolle im zukünftigen Irak einnehmen. Sie stellen sich jedoch keineswegs als homogene Einheit dar, sondern sind in Folge ihrer wechselvollen Geschichte in hohem Maße fraktioniert.

Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mischte sich die schiitische Geistlichkeit kaum in das politische Leben ein, sondern gehörte einer quietistischen Strömung an, die davon ausging, dass bis zur Wiederkehr des "verschwundenen" 12. Imams, des Mahdi, kein idealer islamischer Staat möglich und es für die Geistlichkeit deshalb besser wäre, sich direkter politischer Interventionen zu enthalten. Dieser Quietismus der traditionellen Geistlichkeit fand jedoch keine Antworten auf die sozialen Probleme der schiitischen Gebiete des Südirak, die sich in der von sunnitischen Eliten regierten Monarchie des jungen irakischen Staates abzeichneten.

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