Ausgabe Oktober 2006

Päpstlicher Ausnahmezustand

„Nein, wir können nicht kommen,“ sagen die Bekannten. Der Hauptbahnhof sei gesperrt und man wisse nicht, ob überhaupt Züge fahren. Auf meine als schlechter Witz gemeinte Frage: „Was ist denn los, habt ihr einen Terroranschlag?“, wird ernst geantwortet: „Nein, Terror nicht.“

Meine Bekannten wohnen in Regensburg. Dort war auch der Papst, und das hatte Folgen: Das öffentliche Leben der 150000 Einwohner fand nicht mehr statt. Die gesamte Innenstadt war vollständig abgesperrt, alle Parkplätze schon seit sechs Tagen, Geschäfte und Betriebe geschlossen, weil die Leute nicht zur Arbeit kommen konnten. Wer unabkömmlich war, musste am Arbeitsplatz übernachten. 400 Betten wurden in den Krankenhäusern „für alle Fälle“ leer geräumt, mehrere Operationssäle wurden unbenutzt bereit gehalten. Alle Fenster mussten geschlossen bleiben, und zu den Kundgebungen war es verboten, Regenschirme mitzubringen.

Der Papst ist, das wissen wir jetzt, kein Deutscher, sondern ein Bayer, und mit seinem „privaten“ Besuch in seiner alten Heimat hat er nicht nur dort, sondern in der ganzen Republik den größten Hype seit der Fußball-WM ausgelöst. Die Katholische Kirche ließ sich das Spektakel rund 30 Mio. Euro kosten, aber vielleicht haben ja Angela und Edmund etwas beigesteuert angesichts der wirkungsvollen Werbung für ihre Parteien. Fachleute sprechen von einer hervorragenden PRArbeit der Kurie.

Sie haben etwa 33% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 67% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Religion

God‘s own country: Der Kampf um die Religiösen

von Claus Leggewie

Mit dem »Super Tuesday« am 3. März treten die Vorwahlen der US-Demokraten in die entscheidende Phase ein. Überraschend geht dabei neben Bernie Sanders nach ersten starken Ergebnissen auch Pete Buttigieg als Favorit ins Rennen. Wer aber ist überhaupt in der Lage, die USA und die Welt vor weiteren vier Jahren unter Donald Trump zu bewahren? Dem widmen sich die Beiträge von James K. Galbraith (zu Sanders‘ Wirtschaftsprogramm), Claus Leggewie (zur Rolle der Religion im Wahlkampf) und Paul M. Renfro, dessen Text zur Strategie von Buttigieg auch zeigt, wie erbittert die parteiinterne Debatte inzwischen geführt wird.