Ausgabe Mai 2007

Wer waren die Nazis?

Günther Oettinger und die gefühlte Geschichte

Wenn Politiker sich über Geschichte äußern, betreiben sie unweigerlich Geschichtspolitik. Ob das fahrlässig geschieht, weil das Geschichtsgefühl eines Ministerpräsidenten es nicht zulässt, sich einen seiner Amtsvorgänger als Nazi vorzustellen, oder absichtsvoll, um die Grenzen des wieder Sagbaren abzuklopfen, sei dahingestellt – der Fall Oettinger zeigt jedenfalls einmal mehr, dass erinnerungskulturelle Landschaften nicht durch kognitives Geschichtswissen allein gestaltet sind, sondern ihre Konturen durch Emotionen und Wünsche an die Vergangenheit bekommt. Deshalb artikuliert sich hier immer auch das Bedürfnis nach einer guten Geschichte, und in einer solchen kommen schlechte Menschen natürlich nicht vor, schon gar nicht, wenn man zu ihnen in einem Verhältnis der Loyalität steht.

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Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

In der Oktober-Ausgabe zeigt der Anthropologe Wade Davis, wie die Corona-Pandemie die gesellschaftlichen Widersprüche der USA offenlegt und ihren Niedergang als Weltmacht beschleunigt. Der Historiker Bernd Greiner porträtiert den einstigen US-Chefstrategen Henry Kissinger und dessen skrupellosen Willen zur Macht. Der Schriftsteller Zafer Şenocak fordert, dass die deutsche Außenpolitik endlich Verantwortung für die kolonialen Verbrechen übernimmt. Die Schriftstellerin Dina Nayeri beschreibt, wie ihre Fluchterfahrung ihre Identität bis heute zutiefst prägt. Und »Blätter«-Mitherausgeber Rudolf Hickel plädiert für soziale Gerechtigkeit bei der Begleichung der gewaltigen Corona-Schulden.

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