Ausgabe August 2008

Kanadischer Interkulturalismus

Gemeinhin wird Kanada als Paradebeispiel für eine multikulturelle Gesellschaft herangezogen, der es gelungen sei, die Integration von Neuankömmlingen erfolgreich zu gewährleisten.

Um so erstaunlicher muss es anmuten, dass eine scheinbar bedeutungslose Initiative eines Kommunalpolitikers in Hérouxville – einer fast durchgängig weißen und französischsprachigen Kleinstadt im Norden der Provinz Québec – einen Prozess in Gang setzte, in dem grundsätzliche Fragen der Integration die kanadische Öffentlichkeit mehr als ein Jahr lang hoch kontrovers beschäftigten. Nachdem die städtische Gemeindeversammlung sich für ein Verbot der Verschleierung des Gesichts und gar der Steinigung von Frauen ausgesprochen hatte (in einer Stadt, in der nahezu keine Muslime beheimatet sind), erlebte Québec eine ganze Reihe juristischer Auseinandersetzungen darüber, wie mit nichteuropäischen religiösen und kulturellen Praktiken umzugehen sei. In den Medien wurden diese Ereignisse rasch zu einer angeblich allgemeinen „Krise der Integration“ hochstilisiert.

Schließlich sah sich der Premier Québecs, Jean Charest, Anfang 2007 genötigt, eine Regierungskommission einzusetzen.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

God‘s own country: Der Kampf um die Religiösen

von Claus Leggewie

Mit dem »Super Tuesday« am 3. März treten die Vorwahlen der US-Demokraten in die entscheidende Phase ein. Überraschend geht dabei neben Bernie Sanders nach ersten starken Ergebnissen auch Pete Buttigieg als Favorit ins Rennen. Wer aber ist überhaupt in der Lage, die USA und die Welt vor weiteren vier Jahren unter Donald Trump zu bewahren? Dem widmen sich die Beiträge von James K. Galbraith (zu Sanders‘ Wirtschaftsprogramm), Claus Leggewie (zur Rolle der Religion im Wahlkampf) und Paul M. Renfro, dessen Text zur Strategie von Buttigieg auch zeigt, wie erbittert die parteiinterne Debatte inzwischen geführt wird.