Ausgabe November 2009

Aufrichtig lügen

Vom Feudalismus über den Sozialismus zum Kapitalismus

Aufrichtigkeit – natürlich war das Thema für die Gesellschaft, in der ich vor 1989 lebte, relevant. In einer Gesellschaft wie der ostdeutschen, die ein umfängliches Spitzelunwesen ertragen musste, zählte aufrichtiges Sprechen und Handeln zu den Kardinaltugenden des anständigen Bürgers. Es war schwierig, jederzeit aufrecht durch die Welt zu gehen, und deshalb war es wichtig, unverzichtbar. Sollte der Gesellschaft das an sich dem Staat zudiktierte Schicksal, nächstens abzusterben, erspart bleiben, mussten die Menschen Inseln herrschaftsfreier Kommunikation gründen und behaupten. Was zu allen Zeiten, auch den düstersten, gelungen war, gelang auch in der DDR, man weiß es heute und wusste es zuvor; hier gab es kein Geheimnis zu lüften.

Doch was authentisches Begehren und Verhalten „ist“, versteht nur, wer seine Vorgeschichte kennt. Die Kultur der Aufrichtigkeit überschritt ihren Zenit am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Utopie des „wahren“ Menschen prallte an der sozialen Welt, seit sie Systemcharakter angenommen hatte, wie an einer Mauer ab und ging „nach Hause“.

Aufrichtigkeit im 18. Jahrhundert – das war ein kultureller Aufstand mit hohem Unterhaltungswert, ein Spektakel; da fochten die besten Köpfe der Zeit mit schillernden Gegnern. Aufrichtigkeit in der DDR – das war die protestantische Reprise, Anstand vor Aufstand, aus guten Gründen.

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